Warum sind die meisten Pokerszenen in Filmen so schlecht?
Sowohl in Kino- als auch in Fernsehfilmen sind oft Pokerszenen zu sehen und unser Kolumnist Barry Carter geht der Frage nach, warum es seit Rounders eigentlich keinen richtigen guten Pokerfilm mehr gegeben hat.
In diesem Monat wurden gleich zwei neue Pokerfilme vorgestellt, die demnächst auf der Leinwand zu sehen sein werden: All In: The Poker Movie und The King's Men. Auch im TV gab es bei der beliebten neuen Dramaserie Luck von HBO gleich in der Pilotfolge einige Pokerszenen zu begutachten.
Mit der Ausnahme von Rounders kam es nur höchst selten vor, dass in Filmen Poker auf eine Art und Weise dargestellt wurde, die auch ambitionierte Pokerspieler annehmbar fanden. Woran liegt es, dass es seit Rounders und dem Pokerboom diesen einen zweitbesten Pokerfilm oder ein entsprechendes TV-Event nicht gegeben hat?
Comedy
Die meisten der etablierten Sitcoms haben eine Pokerfolge, in der üblicherweise einer der Charaktere alles verliert nachdem er vorher groß aufgetrumpft hatte oder in der es zu einer improvisierten Runde Strip Poker kommt. Wenn die Charaktere nicht gerade in Extremsituationen versetzt werden, wird Poker meist als Hintergrund verwendet, um die unterhaltsamen Eigenheiten der Hauptfiguren hervorzuheben.
Um fair zu bleiben muss man aber sagen, dass die Komödien von all den Genres, die sich an Pokerszenen versuchen, von Pokerfans oft das positivste Feedback erhalten. Nicht etwa, weil sie das Spiel realistischer darstellen als die anderen Stilrichtungen, sondern einfach weil sie uns zum Lachen bringen. Ein gutes Beispiel ist dieser eher vulgäre Ausschnitt aus Lass es, Larry! (orig. Curb Your Enthusiasm):
Auf der Kinoleinwand
Auf der Kinoleinwand wird Poker meist entschieden düsterer und auch sexyer dargestellt. Oft wird in Gesellschaft von Cowboys, Gangstern oder in exquisiten Casinos Poker gespielt und fast immer schwingt ein Gefühl der Gefahr mit, sei es weil um mehr als nur Geld gespielt wird oder weil dabei auf irgendeine Art und Weise betrogen wird.
All das zeigt exemplarisch diese sehr coole und stylishe, dafür aber komplett unrealistische Szene aus Bube, Dame, König, grAS (orig. Lock, Stock and Two Smoking Barrels)
Der Pokerfilm
Dann gibt es noch das seltene Genre der Pokerfilme. Dazu gehören unter anderem der bereits erwähnte Film Rounders, Lucky You und die Komödie The Grand. Diese Filme sollten uns als Pokerfans am meisten gefallen, neigen aber oft dazu, uns am Ende doch zu enttäuschen.
Die Sitcoms und Actionfilme müssen das Pokerspielen zwangsläufig in die eine oder andere Richtung übertreiben und entweder gefährlicher oder komischer werden lassen als es tatsächlich ist. Das Hauptziel dabei ist es, zu unterhalten und nicht etwa zu informieren. Obwohl die Pokerszenen also meist lächerlich sind, erwarten wir doch von Anfang an nichts anderes.
Die Genrefilme über Poker haben es da um einiges schwerer, denn sie müssen sowohl die normalen Kinogänger als auch die Hardcore-Pokerfans ansprechen. Das Problem dabei ist, dass man wirklich tief ins Detail gehen muss, um einen Pokerfan unterhalten zu können, während genau das den normalen Kinogänger abschrecken wird.
The Grand ist zwar eine Komödie, die die Pokerwelt nach dem großen Boom recht genau abbildete (jedenfalls für eine Komödie), aber trotzdem bei den Mainstream-Zuschauern und auch überraschenderweise in der Pokercommunity nicht besonders gut ankam.
Gewöhnliche Zuschauer wollen nicht verwirrt oder überfordert werden; sie wollen die Geschichte ohne Probleme verfolgen können. Ein Insider-Witz über 'durrrr' oder ein hervorragendes Beispiel für die Wichtigkeit der Position beim Poker wird dabei kaum helfen. Wenn jemand all sein Geld (oder seine Klamotten) durch einen Bluff verliert, ein Vierling Asse einen Vierling Könige schlägt oder jemand die sprichwörtlichen Asse im Ärmel hat - das verstehen auch unbedarfte Zuschauer und können der Handlung folgen.
Die Pokercommunity ist bei weitem nicht groß genug, um einen ernsthaften Film oder eine ernsthafte Serie über Poker zu rechtfertigen. Das Hauptaugenmerk wird also immer auf der Unterhaltung des Stammpublikums liegen und wir können von Glück reden, wenn Poker dabei respektabel dargestellt wird.
Pokerdokumentationen
Sogar die Pokerdokumentationen kämpfen damit, sowohl die Mainstream-Zuschauer als auch die wahren Pokerfans begeistern zu können. Zwei dieser Dokus sollen in diesem Jahr anlaufen: All In und Boom. Beide wurden eigentlich kurz vor dem Black Friday fertig und damit natürlich zum schlechtesten Zeitpunkt für eine Dokumentation über die Pokerwelt.
Die Macher von Boom fingen daraufhin noch einmal von vorne an und fügten die Auswirkungen des Black Friday in ihre Erzählung ein. Im Gegensatz dazu wurde bei All In entschieden, die Welt des Pokers vor dem Black Friday zu zeigen - was auch Interviews mit Howard Lederer und Chris Ferguson beinhaltet.
Wie das erfolgreich sein soll, ist mir noch unklar, denn was man aus all den Beschwerden über Pokerfilme herauslesen kann, ist dass ernsthafte Pokerspieler genaue und aktuelle Informationen wollen. Eine Dokumentation über das Spiel, das wir alle lieben, die aber den bedeutendsten Einschnitt des letzten Jahrzehnts nicht erwähnt und außerdem den beiden unbeliebtesten Figuren der Pokerszene (möglicherweise) eine Plattform bietet als wären sie noch angesehene Spieler, wird mit Sicherheit bei der überwiegenden Mehrheit der Pokerfans durchfallen.
Im Gegensatz dazu macht Boom einen sehr interessanten Eindruck.
Genauigkeit vs. Unterhaltung
Die meisten Probleme haben Pokerspieler damit, dass es bei der Darstellung von Poker in Filmen oft an der Genauigkeit mangelt. Das kann sich bei komplett unrealistischen Händen wie der finalen Hand in Casino Royale zeigen, oder indem Regeln wie die gegen String Bets oder über Table Stakes ignoriert werden, oder durch Unverständnis über zwingende Calls/Folds wegen der entsprechenden Pot Odds/Stacksizes.
Genau an diesem Punkt werden die Beschwerden der Pokerfans aber auf taube Ohren treffen und ehrlich gesagt hören wir uns an diesem Punkt oft an wie Nerds.
Wenn wir in einer TV-Serie, einer Sitcom oder im Kino Poker sehen, ist das in etwa vergleichbar mit einem Polizeibeamten, der Lethal Weapon sieht. Auch er wird sich darüber schlapp lachen, wie ungenau die Karriere eines Polizisten dargestellt wird.
Wenn wir einen Polizeifilm verfolgen, wollen wir explodierende Autos, draufgängerische Polizisten ohne Respekt vor Regeln und am Ende einen spektakulären Abgang des Bösewichts sehen. Das letzte worauf wir Wert legen ist zu erleben, wie Polizeibeamte stundenlang Papierkram erledigen und sich immer an die Vorschriften halten.
Beim Poker ist es genauso. Niemand will Casinos sehen, die voll mit jungen Leuten sind, die an den Tischen über den Hold'em Manager diskutieren oder ihre Chipcounts in die Welt tweeten. Die Leute wollen verrückte Hände sehen, viel Geld, hohe Einsätze, die man nicht verlieren sollte, betrügende Gangster und Cowboys, die mit der Pistole in der Hand ihr Geld zurückholen.
Poker im Fernsehen und im Kino wird für die meisten von uns immer merkwürdig aussehen, weil wir zu tief in der Materie stecken um einen Schritt zurück gehen zu können und es als das zu genießen, wofür es gemacht wurde - kurzweilige Unterhaltung, eine dramatische Wendung der Geschichte, eine coole Szene oder als Vorwand, die nächste Prügelszene zu beginnen. Solange Pokerspieler nicht hauptsächlich als Drogensüchtige oder prügelnde Ehemänner dargestellt werden, sollten wir uns wohl damit anfreunden und das beste daraus machen.
von Barry Carter