Muss die Chancengleichheit beim Poker verbessert werden?
Würde das Spiel davon profitieren, wenn Amateurspieler nicht mehr gegen Profis antreten könnten und man ein Rankingsystem wie beim Schach einführt?

Vor Kurzem bin ich über ein Werbevideo von einem Pokerraum gestolpert, bei dem die Message war, dass man die Chancengleichheit beim Poker verbessern müsse. Dadurch hat sich ein Gespräch mit einer Bekannten entwickelt, die bis dahin gar nicht wusste, dass beim Poker Amateure praktisch jederzeit gegen Profis antreten. Aus ihrer Sicht wirkte das überhaupt nicht fair, sodass ich versucht habe, ihr die Dynamiken von Poker im Vergleich zu anderen Geschicklichkeitsspielen zu erklären.
Eine wichtige Eigenschaft von Poker als Spiel ist, dass dabei regelmäßig Spieler völlig unterschiedlicher Skilllevel gegeneinander antreten. Wenn man die Chancengleichheit so ausgeglichen wie möglich gestalten wollen würde, hätte man am Ende ein Spiel, das eher die Verhältnisse beim traditionellen Sport widerspiegeln würde. In fast allen Sportarten gibt es ein System, ob nun Ligen, Setzlisten oder Gewichtsklassen, mit dem sichergestellt werden soll, dass sich das Niveau der Konkurrenten nicht übermäßig voneinander unterscheidet.
Aber wäre es auch für Poker besser, wenn Amateurspieler die Wahl hätten, nur gegen Spieler auf ähnlichem Niveau anzutreten?
Jeder kann die Profis schlagen

Der große Skillunterschied zwischen den Spielern ist genau der Grund, warum Menschen mit Poker so viel Geld verdienen können, und warum deutlich weniger Menschen vom Schachspielen leben können. Der Schlüssel, um beim Poker Profit einzufahren, ist es, vom Niveau her schlechtere Gegenspieler zu finden, die dennoch gewillt sind gegen einen zu spielen. Wir nennen das Ganze "Gameselection", was genau der Grund ist, warum ein Profi mit durchschnittlichem Skill dennoch seinen Lebensunterhalt mit Poker verdienen kann und ein hochtalentierter Spieler broke gehen könnte, wenn er das Konzept nicht berücksichtigt.
Es ist jedoch gleichzeitig auch ein Grund, warum das Spiel so verlockend für Amateure ist. Ich als Hobbyspieler will nämlich gar nicht, dass die Chancen völlig ausgeglichen sind. Die Tatsache, dass dank der Varianz jeder an einem glücklichen Tag Phil Ivey schlagen kann, ist genau der Grund, warum wir an die Tische zurückkehren. Der wohl denkwürdigste Moment der Pokergeschichte spiegelt auch genau diesen Sachverhalt wider: Chris Moneymaker konnte sich als Amateur entgegen jeder Wahrscheinlichkeit auf der größten Pokerbühne der Welt gegen hunderte Profis durchsetzen. Genauso lieben es meine Freunde, mich bei unserer Homegame-Runde busten zu lassen, weil sie aufgrund meiner Arbeit in der Pokerindustrie (fälschlicherweise) davon ausgehen, dass man mich als Profi bezeichnen könnte.
Es ist offensichtlich notwendig, dass das Ökosystem beim Poker einigermaßen im Gleichgewicht gehalten wird, da es deutlich schwieriger wäre, einen epischen Moneymaker-Moment zu erwischen, wenn praktisch jeder am Tisch ein Profi ist. Jeder, auch die Profis selbst, sehen ein, dass es ein Problem für uns alle ist, wenn sich ein neuer Spieler zum ersten Mal an einen Tisch setzt und von fünf multitablenden Regulars umgeben wird.
Der Reiz gegen die Besten anzutreten

Die gesamte Industrie arbeitet aktuell hart daran das zu ändern. Aus Rakeback-Angeboten wurden Promos mit "Missionen", die Nutzung von zusätzlicher Software wurde eingeschränkt, anonyme Tische wurden gelauncht etc. Einige Räume haben auch so genannte Anfängertische, bei denen neue Spieler für eine Woche erst einmal nur gegen andere neue Spieler antreten, um nicht direkt ins kalte Wasser geworfen zu werden.
Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass man derartige Einschränkungen in Bezug auf das Niveau der Gegner bei den Online-Partien dauerhaft durchsetzen könnte. Zunächst einmal wäre es ein durchaus anspruchsvolles Unterfangen ein System zu entwickeln, das den Skill der Spieler auf adäquate Weise beurteilen kann. Zudem dürften sich Regulars mit Sicherheit auch jede Menge findige Lösungen einfallen lassen, um irgendwie doch noch als Losing-Player zu erscheinen, entweder durch das Spielen mehrerer Accounts oder indem sie absichtlich auf niedrigeren Stakes verlieren.
Vor allem bin ich der Meinung, dass man das Kind mit dem Bade ausschütten würde, wenn man ein derartiges Rankingsystem einführt. Es wäre schlecht für die Profis, da niemand mehr gegen sie spielen würde. Es wäre aber auch schlecht für die Amateure, da sie den Reiz verlieren würden, jederzeit in der Lage zu sein einen Profi zu schlagen. Zudem würde das große Skilldefizit der breiten Masse im Vergleich zu den Top-Spielern in den Fokus gerückt werden, was definitiv abschreckend auf Hobbyspieler wirken würde.
Es ist wichtig, dass man die Balance des Ökosystems beim Poker im Auge behält, damit Freizeitspieler nach wie vor Spaß haben können und nicht vernichtend geschlagen werden, sobald sie sich an die Tische trauen. Ein Rankingsystem wie beim Schach würde dem Spiel jedoch eine essenzielle Eigenschaft rauben, die Poker überhaupt erst so besonders macht.
Glaubt ihr, dass die Chancengleichheit beim Poker verbessert werden muss? Wir freuen uns auf eure Kommentare!