Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Erklärt: Warum spielen manche Online-Pros nicht live?

Geht es ums Geld oder doch eher ums Temperament, wenn erfolgreiche Online-Spieler bei großen Live-Events lieber vor dem Bildschirm bleiben?

Jeden Tag treffen viele neue Spieler bei PokerStrategy.com ein, daher müssen wir berücksichtigen, dass manch eine Diskussion von erfahrenen Spielern wie Kauderwelsch auf Neulinge wirken kann. Wenn also eine Story in der Pokerszene Schlagzeilen macht, die nur für fachkundige Spieler Sinn ergibt, versuchen wir das Ganze in einem Artikel für Neulinge verständlicher zu erklären.

In der letzten Woche verärgerte Patrick 'Pleno1' Leonard einige Leute innerhalb der 'Super High Roller'-Community, indem er die Mutmaßung äußerte, dass die Fertigkeiten von Midstakes-MTT-Regulars und der Spieler von €100.000-Events bei der EPT nicht allzu große Unterschiede aufzeigen würden. Ich stimme ihm da eigentlich zu, doch über dieses Thema sprechen wir ein anderes Mal. Viel interessanter fand ich die Frage, warum diese Spieler nicht in den großen Live-Events zu finden sind, bei denen es um Millionen geht:

Gelegenheitseinbußen

Pleno1
Pleno1

Es scheint merkwürdig, dass Online-Pros Live-Partien aus dem Weg gehen. Als neuer Spieler ist Live-Poker immer das Größte und macht außerdem viel Spaß. Sieht man es aus der geschäftlichen Perspektive, gibt es online jede Woche nur eine Handvoll Turniere, bei denen es um sechsstellige Preisgelder geht. Die meisten Major-Events hingegen backen regelmäßig Millionäre. Was Patrick sagt ist aber wahr. Zumindest der Aspekt, dass viele großartige Spieler das Live-Game gerne vermeiden wollen (Patrick selbst hat die WSOP in diesem Jahr für die WM sausen lassen).

Patrick hat dafür einige Gründe geliefert. Unter anderem, dass die Leute am heimischen PC einfach mehr verdienen können. Er spielt ebenfalls darauf an, dass alle, die Super High Roller spielen wollen, gestaked werden müssen. Der Typ in einem $100.000-Event spielt vielleicht nur für $25.000 an Equity. Dann sind da die Reisekosten (welche ein stiller aber schwerwiegender Faktor sind) und die Gelegenheitseinbußen, weil man eben nicht online spielen kann. Zwei Tage, an denen man reist und nicht online spielen kann, können für einen Winning Player teuer werden. Denn anstatt ein Live-Turnier zu spielen, hätte er in derselben Zeit 20 Online-MTTs spielen können. Man bezahlt also nur einen Bruchteil des Buy-ins und ist wahrscheinlich deutlich profitabler unterwegs.

Ebenso möchte ich auf den Punkt eingehen, dass viele nicht alleine unterwegs sein wollen. Ich glaube, dies könnte einer der Hauptgründe sein, warum Online-Grinder lieber virtuell anstatt live spielen. Poker ist von Natur aus ein Gesellschaftsspiel, doch die Online-Variante konnte auch Menschen für das Spiel begeistern, die es andernfalls sicher nie gespielt hätten.

Introversion vs. Extraversion

Online-Poker zieht im Gegensatz zum Live-Poker sicher deutlich mehr introvertierte Personen an. Das macht auch Sinn, wenn man darüber nachdenkt. Introvertierte haben gerne Zeit für sich und es gibt nur wenige Tätigkeiten, mit denen man alleine von der eigenen Wohnung aus so viel Geld machen kann wie mit Online-Poker. Introversion ist etwas, das oft falsch verstanden wird und zu Unrecht einen schlechten Ruf genießt (hier kann ich wärmstens das Buch Quiet: The Power of Introverts von Susan Cain empfehlen). In unserer modernen Kultur werden Promis einfach zu sehr verehrt. Introvertiert sein bedeutet nicht 'ungesellig', sondern dass soziale Interaktionen viel Energie kosten. Folglich braucht man Zeit, um den eigenen Akku wieder aufzuladen (wohingegen soziale Interaktionen das Energielevel von extravertierten Personen boosten). Für Live-Poker müssen manche sich also nicht nur aus spielerischer Sicht aus der eigenen Komfortzone bewegen, sondern sich auch für 10-Stunden-Tage in soziale Situationen begeben, welche emotional belastend sein können. Dieses GIF bringt das Ganze auf den Punkt:

GIF
Der Unterschied zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen

Ich selbst kann das gut nachvollziehen, da ich charakterlich eher extrovertiert bin, durch das jahrzehntelange Arbeiten von zu Hause aus aber selbst einige introvertierte Verhaltensmuster entwickelt habe. Ich finde großen Spaß an Live-Poker und den Events, in den letzten Jahren habe ich aber immer öfter Entschuldigungen gefunden, warum ich nicht zu bestimmten Veranstaltungen gehen kann. Nicht teilzunehmen ist nämlich einfach entspannter. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Online-Pros dies ähnlich sehen. Sie machen ihr Geld ja eh zu Hause, warum also losgehen?

Ich habe oft an Promotions mitgearbeitet, bei denen es einen Seat für ein Live-Event zu gewinnen gab (sehr ähnlich unserer aktuellen Aktion). Diese sind zwar sehr populär, doch andere Aktionen kommen bei den Online-Spielern noch viel besser an.

Ebenso habe ich oft erlebt, dass erfolgreiche Online-Spieler, die ich interviewen durfte, relativ ungern Interviews geben. Das ist bei Live-Spielern anders. Viele wollen einfach nicht, dass ihr echter Name oder ihr Gesicht bekannt wird (manchmal aus steuerlichen Gründen, normalerweise aber nicht).

Live-MTTs sind nicht mehr der Gipfel

Lex on Twitch
Fame kann man auch fernab vom Live-Poker bekommen

Dann wäre da noch der einfache Fakt, dass Online-Poker vielen einen Lifestyle ermöglicht, den sie wirklich genießen. Warum also ständig Reisestrapazen auf sich nehmen? Für manche mag das Jet-Setting um die Welt vielleicht der Himmel sein, andere verbringen hingegen lieber Zeit mit ihrer Familie, machen Sport oder gehen anderen Hobbys nach. Online-Poker macht das viel einfacher. Für jeden introvierten oder einfach erfolgreichen Online-Spieler gibt es auf der anderen Seite Spieler, welche die EV-Einbußen durch den Live-Circuit gerne hinnehmen. Es kommt darauf an, mit welcher Work/Life-Balance man sich wohlfühlt.

Aus welchem Grund auch immer, ich denke, dass Live-Turniere nicht mehr der Gipfel im Poker sind, auch nicht für Profis. Sie sind ein großartiges Spektakel und Marketingtool für das Spiel, doch Poker entwickelt sich mit der Technologie weiter. Viele wollen da Poker einfach ihrem Leben anpassen, nicht ihr Leben an Poker. Aus meiner Sicht kann dies auch keine schlechte Sache sein.

Gibt es andere Pokerkonzepte, über die ihr gestolpert seid, die ihr jedoch überhaupt nicht versteht? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

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