Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Das ICM in PKO-Turnieren mit Dara O'Kearney

Im Gespräch mit dem ausgewiesenen Satellite-Experten erfahren wir, wie die Bountys in PKO-Turnieren die übliche MTT-Strategie vollends auf den Kopf stellen können.

Dara O Kearney Poker
Dara O'Kearney

Durch unsere gemeinsame Arbeit an einem Buch über Satellites konnte ich von dir sehr viel über die feinen Nuancen des ICM lernen. Dazu gehört, dass man manchmal sogar kontraintuitive Folds mit Händen wie Pocket Aces bringen muss. Bei PKO-Turnieren scheint hingegen das andere Ende des Spektrums mit ziemlich gewagten Calls gefragt zu sein, weil es das ICM aufgrund des möglichen Kopfgelds diktiert.

Dara O’Kearney: Das ist richtig. Nur in einem PKO kann es regelmäßig zu Spots kommen, in denen ein Call korrekt ist, der einen ohne das mögliche Bounty langfristig Geld kosten würde. Jemand hat mir erst vor Kurzem eine Hand geschickt, bei dem drei Spieler in einem PKO All-in waren, die er allesamt mit seinem Stack covert hatte, und mich gefragt, ob ein Call mit 95s in dem Spot korrekt sei. In einem normalen Turnier würde man sich niemals über so eine Frage Gedanken machen, in dem Fall war es aber richtig.

In einem PKO-Turnier sorgen die Kopfgelder dafür, dass die Dinge derart verzerrt werden vom Standard, dass es fast nie eine richtig schlechte Aktion ist, wenn man sein Geld in die Mitte bekommt und jemanden busten kann. Wenn wir in einem Satellite shoven und von einer zu weiten Range gecallt werden, ist das Ganze ein Desaster. Entsprechend müssen wir unsere Pushrange anpassen und mit weniger Händen reinstellen. In einem PKO passieren aber kuriose Dinge, wenn wir zu weit oder zu tight gecallt werden. In solchen Fällen macht das nämlich gar nicht allzu viel aus, denn die Kopfgelder haben in gewissem Ausmaß einen stabilisierenden Effekt auf das ICM.

Und wie sieht es mit Postflop-Entscheidungen in einem PKO aus? Simpler oder komplexer im Vergleich zu regulären Turnieren?

Dara O’Kearney: Das ist ein Aspekt, der ebenfalls dafür sorgt, dass das Spiel durch Kopfgelder komplexer wird. Da die Preflop-Ranges in einem PKO weiter ausfallen, wird es auch schwieriger postflop richtig zu navigieren. Wenn jemand mit Aces preflop eröffnet und der Flop K-7-4 bringt, kann man in einem normalen Turnier ein Two Pair beim Gegner ausschließen. In einem PKO kann auch so etwas noch unterwegs sein. Es gibt Spots, in denen man eigentlich nicht die Odds für einen normalen Call hätte, zum Beispiel bei einem Gutshot, aber wenn man sie dann doch trifft, hält man eine verschleierte Hand, mit der man gute Chancen auf das gegnerische Kopfgeld hat. Das gilt auch für Preflop-Spots, zum Beispiel im Falle von Setmining mit niedrigen Paaren gegen kleine Stacks.

Die Strategie ändert sich umfangreich, wenn man als Spieler jemanden covert hat, im Gegensatz dazu, wenn man selbst gecovert wird, richtig?

Dara O’Kearney: Ja, wenn man den größeren Stack hat, dreht sich alles um die Frage, wie man die Chips in die Mitte bekommt. Ist der Abstand zwischen den Stacks entsprechend groß, rückt die Gefahr, ein paar Chips gegen bessere Hände einzubüßen, vollends in den Hintergrund.

Ist es dadurch sinnvoll, eine starke Hand einfach per Openshove in die Mitte zu stellen, unabhängig von der Potsize, wenn man als Spieler gecovert wird?

Dara O’Kearney: Ja, denn man wird häufiger gecallt werden und genau das will man ja mit seiner besseren Hand erreichen. Man kann deutlich weiter shoven, da auch die Callingranges in einem PKO deutlich weiter ausfallen als üblich.

Ein Losingplayer verliert weniger in PKOs

Chip Race Podcast
"PKO-Turniere haben einen stabilisierenden Effekt auf das ICM"

Die frühen Strategiediskussionen rund um PKOs erinnern mich an die Zeit, als PLO immer beliebter wurde und das Motto lautete: "Man ist in keiner Hand allzu großer Underdog, also kann man sie einfach alle spielen!"

Dara O’Kearney: Das ist bei PKO-Turnieren tatsächlich ähnlich und einer der Gründe, warum sie auch bei Anbietern so beliebt sind. Sie fördern mehr Risiko und Gambling, was die Varianz für alle höher ausfallen lässt. Die Gewinner können nicht mehr so viel gewinnen und die Verlierer nicht so viel verlieren, weil ein Fehler nicht so schwerwiegend wie in anderen Turnierformen ausfällt.

Denkst du, dass die generelle Spielerschaft mit zu weiten oder zu tighten Ranges in PKO-Turnieren unterwegs ist?

Dara O’Kearney: Ich würde sagen, das liegt bei etwa 50/50. Die meisten werden aber zu sehr in die eine oder andere Richtung tendieren. Es ist sehr schwer, die korrekten Ranges mitten in einem PKO einzuschätzen, sodass selbst richtig guten Spielern immer wieder Fehler unterlaufen. Interessanterweise sind Fehler, die in die Richtung zu loose gehen, aber weniger schwerwiegend, da sie immer auch die Aussicht auf einen größeren Stack und damit ein Mehr an möglichen Kopfgeldern bieten. Die zukünftige Equity, die ein großer Stack bietet, ist dermaßen hoch, dass selbst schlechte Plays, die uns etwas Chipequity kosten, sich mit Blick auf den weiteren Turnierverlauf bezahlt machen können, wenn wir Glück haben und doch gewinnen.

Hast du schon einmal die Hyperturbo-PKO-SNGs bei PokerStars gespielt? Die erste Hand ist immer der komplette Wahnsinn, weil fast alle Spieler realisieren, welch enormer Vorteil der Chiplead für den Rest des Turniers darstellt.

Dara O’Kearney: In Collin Moshmans Kultbuch über SNGs präsentiert er ein Beispiel, bei dem zwei Spieler in der ersten Hand eines SNGs All-in gehen und der Gewinner der Hand weniger Equity erlangt, als der Verlierer der Hand einbüßen muss, weil ein Teil der Equity auf den Rest des Tischs verteilt wird. Das ist bei PKO-Turnieren komplett umgekehrt, sodass der Gewinner sogar mehr bekommt, als der Verlierer aufgeben muss. Das beeinflusst die Strategie natürlich direkt ab der ersten Hand. In einem normalen Turnier hat man einen kleinen Vorteil mit einem großen Stack. In einem PKO wird dieser Vorteil extrem.

Weil der Chipleader für einen größeren Preispool als alle anderen spielt, da er Kopfgelder abräumen kann, die andere nicht gewinnen können?

Dara O’Kearney: Nein, das ist nicht der Fall, sondern ein großer Irrglaube. Kurzfristig kann man tatsächlich mehr gewinnen, aber langfristig hat es eigentlich keine Relevanz. Ein großer Stack bedeutet, dass man mit einer weiteren Range callen kann, weil sich die Chance auf ein Kopfgeld bietet, allerdings wird man aufgrund der looseren Spielweise auch häufiger verlieren. Ein großer Stack in einem PKO hat Einfluss auf die korrekte Strategie, aber ändert nicht einfach so die Profitabilität.

Es gibt ein bekanntes Gedankenexperiment mit drei Spielern mit gleichgroßen Stacks, die nur um die jeweiligen Kopfgelder spielen. Wenn ein Spieler ein Bounty von $1.000 hat und die anderen beiden $10, welcher Spieler würdest du lieber sein? Die meisten würden nicht der Spieler mit $1.000 als Kopfgeld sein wollen, weil man bei einem Shove immer gecallt wird und es natürlich deutlich lukrativer ist, das große Kopfgeld selbst zu gewinnen. Andere wiederum wollen der große Stack in dem Beispiel sein, weil man häufiger einen Call bekommen wird, wenn man mit seiner Hand vorne ist. Mathematisch gesehen gibt es in beiden Fällen aber keinen Unterschied, weil der Bigstack das Turnier zwar häufiger gewinnen wird, aber das dadurch ausgeglichen wird, dass er auch häufiger das Turnier direkt auf Platz 3 beenden muss. Die anderen Spieler werden hingegen häufiger auf Platz 2 landen und letztendlich hat jeder denselben EV in jedem Szenario.

Es gilt, von Anfang an Gas zu geben

Dara O Kearney Poker
"Der Skill ist zu wissen, in welchem ICM-Spiel man sich gerade befindet"

Was hältst du von den Bounty-Satellites bei partypoker, bei denen jeder Spieler ein Kopfgeld hat, die finalen Preise aber alle den gleichen Wert haben? Was ist in diesem Fall die dominantere Strategie, der Ansatz bei Satellites oder PKOs?

Dara O’Kearney: In der frühen Phase ist solch ein Satellite schlichtweg ein normales PKO. So muss man das Turnier dann auch angehen, so lange ein signifikanter Teil der Preispools in den Kopfgeldern steckt, der alles andere in den Schatten stellt. Wenn man es nicht mit diesem Ansatz sieht, spielt man im Grunde nur um den halben Preispool, und egal wie gut man als Spieler ist, man wird nie eine Edge erreichen, die hoch genug ist, um das tatsächlich zu rechtfertigen.

Ich habe eine Weile über eine passende Analogie nachgedacht, die die Natur von PKO-Turnieren verdeutlicht und bin am Ende bei der Tour de France gelandet. Der Gewinner der Rundfahrt ist, wer sämtliche Etappen in der insgesamt kürzesten Zeit zurücklegen konnte. Es gibt aber Einzelpreise für jede Etappe und sogar für Zwischenabschnitte in den Etappen. Einige Fahrer konzentrieren sich entsprechend auf die Sprint- und Bergwertung, das Prestige die Tour de France als Gesamtsieger zu beenden ist aber so groß, dass die meisten Teams die kleineren Wertungen ignorieren, wenn sie Chancen auf den ganz großen Erfolg haben. PKOs funktionieren in dem Sinne gegensätzlich, da der Preispool bei den Sprintwertungen genauso groß ausfällt wie bei der Gesamtwertung. Priorisiert man als Fahrer in den Touretappen die Sprintwertung hat man aufgrund der zusätzlichen Belastung weniger Chancen auf den Gesamtsieg. Wer in einem PKO aber einen guten Start erwischt und immer wieder kleinere Zwischenetappen gewinnt, hat auch die besten Aussichten, am Ende des Turniers einen Großteil des Preispools einzusacken. Von daher gilt es, von Anfang an Gas zu geben.

Wann ändert sich in den besagten PKO-Satellites aber die Strategie?

Dara O’Kearney: Der Wendepunkt kommt, wenn man shortstacked ist. Dann wird es mehr zu einem Satellite, weil man keine Aussicht auf den Gewinn von Kopfgeldern hat. Wenn wir shoven, bekommen wir aber Calls mit einer weiteren Range als in Satellites. Entsprechend muss man seine eigene Range in solchen Spots auch anpassen.

Für mich ist das Ganze fast wie Backgammon, wo es drei Strategien gibt: das Running Game, das Blocking Game und das Back Game. Der Skill beim Backgammon liegt darin zu erkennen, wann genau man welche Strategie anwenden sollte. Die Anwendung an sich ist relativ simpel, sodass die größten Fehler vielmehr darin liegen, dass die falsche Strategie zum falschen Zeitpunkt gewählt wurde. Bei PKO-Satellites benötigt man die Fähigkeit zu erkennen, wann man sich vom Stack her in einem PKO und wann in einem Satellite befindet und in welchem Modus der aktuelle Gegner verfährt, damit man seine Range entsprechend auf ihn anpassen kann.

Dara O’Kearney ist Markenbotschafter von Unibet, Co-Host beim The Chip Race Podcast und Co-Autor des Buchs Poker Satellite Strategy.

Wie passt ihr euer Spiel in PKO-Turnieren an? Wir freuen uns auf eure Expertise in den Kommentaren!