Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Geldlektionen für Pokerspieler: Lifestyle Creep

Geld zu verdienen, ist eine Sache. Es auch tatsächlich zu behalten, eine andere, vor allem wenn man früheren Luxus plötzlich als Notwendigkeit wahrnimmt.

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Vorsicht, wenn sich das Gefühl einstellt, man würde Geld drucken

Poker ist ein Spiel, das sich um Geld dreht. Wie gut verstehen Pokerspieler aber überhaupt das Konzept hinter Geld? Die Antwort scheint in beide Extreme zu gehen: Entweder haben Pokerspieler ein exzellentes Verständnis von Geld und Finanzen, was sich in einem größeren Interesse an Investitionen, Trading und Kryptowährungen äußert. Oder sie pflegen einen sehr schlechten Umgang mit Geld und gehen oftmals trotz einer großen Menge an Talent an den Tischen broke.

Daher haben wir eine Artikelreihe zu wesentlichen finanztechnischen Konzepten gestartet, über die sich jeder ambitionierte Spieler im Klaren sein sollte.

Wenn man jemanden in einem teuren Auto sieht, nimmt man an derjenige sei reich. Die Realität aber ist, dass man daraus lediglich schlussfolgern kann, dass sich jemand ein teures Auto gekauft hat. Viele Menschen, die nach außen den Eindruck erwecken, als würde es ihnen finanziell blendend gehen, sind nur ein paar schlechte Monate von der Pleite entfernt. Ursache ist ein Konzept genannt Lifestyle Creep.

Der kann sich ergeben, wenn man seinen Lebensstandard jedes Mal erhöht, sobald sich das verfügbare Einkommen erhöht und man mit früheren Luxus nach und nach als Notwendigkeit wahrnimmt. Man bekommt eine Gehaltserhöhung und gönnt sich ein neues Auto. Man findet einen neuen Job und kauft ein Haus. Man bekommt einen Bonus und startet erstmal eine Shoppingtour. Fast jeder befand sich sicherlich schon einmal in der Situation, dass er eine Gehaltserhöhung kassiert hat und am Ende des Monats doch wieder das Geld ausging.

Weniger ausgeben, als man verdient

Was eigentlich ein simpler und rationaler Ansatz ist, fällt vielen Menschen trotz dessen sehr schwer. Haut man aber jedes Monatsgehalt noch vor dem nächsten auf den Kopf, weil man nicht mehr auf Dinge verzichten will, die man sich ursprünglich nur einmalig leisten wollte, erhöht sich zum einen nie das persönliche Vermögen, zudem läuft man Gefahr, sich beim Verdienstausfall plötzlich das ach so lieb gewonnene Leben plötzlich gar nicht mehr leisten zu können. Viele Menschen, die einen ausufernden Lebensstil gepflegt haben, sehen sich im Ruhestand schwierigen finanziellen Herausforderungen ausgesetzt, weil sie schlichtweg nicht genug Geld für den Lebensabend zur Seite gelegt haben, um den eigenen Lebensstandard zu halten.

Daher sollte man zur Vorbeugung von derartigem Lifestyle Creep stets dem simplen aber offensichtlich sinnvollem Mantra folgen, nie mehr auszugeben, als man auch verdient. Das ist zwar langweilig, aber auch ein Experte in der Welt des Kapitals wie Morgan Housel kommt in seinem Buch The Psychology of Money zum selben Schluss:

Vor allem wenn man anfängt, die ersten großen Erfolge in der eigenen Pokerlaufbahn zu feiern, kann sich schnell ein Gefühl einstellen, dass man Geld praktisch drucken könne, was sich schnell in einem Lebensstil äußern kann, der eigentlich über den langfristig realisierbaren Standard hinausgeht.

Das Spiel ändert sich fortlaufend

Beim Poker können sich viele Dinge sehr schnell ändern und kaum jemand kann diese Entwicklungen verlässlich prognostizieren. Die Variante, mit der man sein täglich Brot verdient, könnte in kürzester Zeit von einem neuen Format abgelöst werden, bei dem es erst einmal wieder nur für die unteren Limits reicht. Wer mit Live-Poker seinen Lebensunterhalt verdient, sieht sich aktuell angesichts des Corona-Lockdowns vor existenziellen Problemen gestellt. Wer mit Online-Poker sein Geld verdient, hatte ähnliche Probleme, als es praktisch aus dem Nichts zum Black Friday kam. Ein Tweet von Phil Galfond an diesem ereignisreichen Tag im April 2011 spiegelt die Auswirkungen von Lifestyle Creep bei Pokerspielern in perfekter Manier wieder. Einer der stärksten Online-Spieler überhaupt hatte sich kurz zuvor ein Penthouse in New York samt dekadenter Rutsche mitten im Wohnzimmer geleistet, was plötzlich wie ein schlechter Scherz wirkte, als das US-Justizministerium über Nacht Online-Poker in den USA den Garaus machte:

Bei Pokerspielern äußert sich Lifestyle Creep indirekt zudem in der verbreiteten Unfähigkeit einen Downswing zu akzeptieren und konsequent in den Limits abzusteigen, falls es notwendig wird. Höhere zuvor geschlagene Limits geben Spielern auch ein Gefühl von Status und Bedeutung, was es vielen erschwert, sich einen schlechten Lauf einzugestehen und einen Schritt zurück zu machen, egal ob der Grund nun eine zu knapp gewordene Bankroll oder tougher gewordene Partien sind. Man muss nicht lange darüber nachdenken, um zu wissen, wie desaströs so etwas enden kann.

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Die Rutsche mitten im Wohnzimmer von Phil Galfond

Die Profispieler, die sich über lange Zeit halten konnten, vereint allesamt eine vernünftige Vorsicht gegenüber sich langsam einschleichendem Lifestyle Creep. Selbst wenn beim Turnier, das gespielt wird, ein fünfstelliges Buy-in fällig wird, teilt sich der eine oder andere High Roller immer noch das Hotelzimmer mit einem weiteren Spieler, um an notwendigen Kosten zu sparen. Anteile in Partien werden verkauft oder geswappt, um sicherzustellen, dass man sich selbst nicht im Übermaß vom Ausgang abhängig macht. Und wenn es die Situation erfordert, werden emotionslos und sachlich die Stakes verringert, bis der Downswing ein Ende hat oder man das eigene Spiel an ein gestiegenes Niveau anpassen konnte.

Allgemein ist der beste Weg, um Lifestyle Creep zu vermeiden, sofort einen Teil des überschüssigen Geldes, das man verdient, zur Seite zu legen oder zu investieren, anstatt es immer als Möglichkeit wahrzunehmen, sich etwas zu gönnen. Das Gegenteil zum Lifestyle Creep findet man derweil bei den Anhängern der FIRE-Bewegung, bei der junge Leute ihren Lebensstil derart karg gestalten, dass ein vorzeitiger Ruhestand möglich wird.

Welche anderen finanziellen Konzepte sollten Pokerspieler eurer Meinung nach verstehen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

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