Was genau ist RTA beim Poker?
Seit diesem Jahr wieder in aller Munde wollen wir erläutern, was genau mit Real Time Assistance beim Poker gemeint ist und wie sich Spieler und Anbieter dagegen schützen können.

Anfang Mai hatten teilweise bizarre Betrugsvorwürfe gegen bekannte Gesichter der Highroller-Szene für reichlich Aufsehen gesorgt und auch der Begriff Real Time Assistance (RTA) war wieder in aller Munde. Bereits 2020 hatte Fedor Kruse aus Deutschland für Schlagzeilen gesorgt, nachdem Zimmerkollegen enthüllten, dass er während des Spielens eine separate Datenbank genutzt hat, die Unmengen an vorab gelösten Cashgame-Spots und einen schnellen Zugriff darauf bot.
Im Kern umfasst RTA jegliche Form von Software oder Datenbank, die einem während des Spielens einer Hand Orientierungshilfe bietet, um spieltheoretisch die optimale Aktion zu finden. Um genau zu verstehen, wie derartige Hilfe funktioniert und wie besorgt man als ehrlicher Spieler darüber sein sollte, bedarf es vorab ein paar generellen Informationen zum spieltheoretischen Optimum (GTO) und der aktuellen Solver-Technologie, wenn es um maschinelle Lösungen von Situationen am Pokertisch geht.
GTO ist ein strategischer Ansatz, bei dem man nicht etwa der individuell besten Strategie folgt, um einen konkreten Gegner zu schlagen, sondern vielmehr wird ein Gesamtkonzept umgesetzt, dass es Gegnern sehr schwierig macht, Schwachstellen im eigenen Spiel auszunutzen. Wenn zwei Spieler gegeneinander mit perfektem GTO antreten würden, dann würde weder der eine noch der andere langfristig Profit oder Verlust machen. Spielt ein GTO-Spieler gegen einen schwachen Gegner, der keinem strategisch sinnvollen Konzept folgt, dann würde er langfristig Profit machen. Der Profit wäre jedoch nie so groß, als würde er einem Ansatz folgen, der darauf abzielt, Schwachstellen des Gegners durch Abweichung vom GTO maximal auszunutzen, das heißt, gezielt zu exploiten. Folgt man strikt dem GTO, würde man seine Hände gegen einen Crusher genauso spielen wie gegen eine Calling Station.
Solver sind keine RTA

Ein Solver ist derweil ein Tool, dass tausende von Simulationen durchläuft, um eine GTO-Lösung für eine spezifische Hand zu liefern. Dabei ist die "Lösung" immer nur so gut, wie die eigenen Annahmen zum Betsizing und den Ranges des Gegners, mit denen man den Solver vorab gefüttert hat.
Die aktuell besten Postflop-Solver, wie zum Beispiel der PIOSolver, benötigen dafür jede Menge Rechenleistung. So ist durchaus eine Wartezeit von 40 Minuten möglich, bis man verlässliche Informationen erhalten hat, um eine Hand spieltheoretisch optimal zu spielen. Entsprechend stellen Solver keine Form von Betrug dar, da sie abseits der Tische für die Analyse von Händen verwendet werden, um das eigene Spiel weiterzuentwickeln und zu lernen. Eine direkte Nutzung am Tisch ist allein aufgrund der langen Berechnungszeit nicht möglich.
Mit Real Time Assistance ist hingegen der unmittelbare Zugriff auf eine umfangreiche Datenbank an vorab gelösten Händen gemeint, womit auf Kosten der Genauigkeit der möglichen "Lösungen" das Problem der Berechnungszeit umgangen wird. Treffen zwei Spieler beim Hold'em aufeinander, sind 1.755 verschiedene Floparten möglich, die allesamt mit einer Vorablösung in der RTA-Datenbank abgedeckt werden müssen für alle denkbaren Konstellationen (Small Blinds vs. Big Blind, Button vs. Big Blind, einmal erhöhter Pot, 3-Bet-Pot etc.) bei unterschiedlichen Stackhöhen. Was die Effektivität von RTA betrifft, liegt hierbei ein größeres Risiko bei Cashgames im Vergleich zu Turnieren vor, da im ersteren Fall für gewöhnlich stets dieselbe effektive Stackgröße von 100 Big Blinds gegeben ist, während bei Turnieren die Stacks deutlich schwanken können und auch erhebliche Zusatzfaktoren wie das ICM eine Rolle spielen.
Datenbanken mit vorab gelösten Händen werden auch kommerziell vertrieben, allerdings nicht als RTA, da sie allesamt ein Element für den Schutz der Integrität von Partien bieten, indem eine Verzögerung von 20 Sekunden nach jeder Informationseingabe integriert wird, was eine Nutzung in Echtzeit unmöglich macht. Oder es werden nur zufällig vorab gelöste Hände für eine Analyse präsentiert, ohne dass überhaupt die Möglichkeit besteht, nach spezifischen Spots in der Datenbank zu suchen.
Wie genau stellt RTA eine Gefahr dar?

Auch wenn das Potenzial eingeschränkt ist, stellen sich natürlich viele Spieler dennoch die Frage, wie sehr man sich um möglichen Betrug an den Online-Tischen durch RTA-Nutzung sorgen sollte.
Grundsätzlich wächst die mögliche Gefahr mit der Höhe der Stakes, die man spielt. Auf den höchsten Stakes kann das Etablieren einer kleinen Edge zu tausenden Euro an zusätzlichem Profit führen, insbesondere gerade weil die Spieler dort sehr gut sind. Denn viele werden auf den höchsten Stakes sehr nah am spieltheoretischen Optimum agieren, was den Einsatz von RTA deutlich effektiver macht.
Je niedriger aber die Limits ausfallen, auf denen man sich bewegt, umso weniger stellt RTA ein Problem dar, wenn auch die Sorgen bei vielen bleiben. Grundsätzlich werden die Gegner immer schlechter, je niedriger die gespielten Stakes ausfallen. Und je schlechter die Gegner, umso profitabler ist ein Exploit-Ansatz im Vergleich zu reinem GTO. Hinzu kommt das plausible Argument, dass Grinder auf niedrigeren Stakes mehr davon haben, wenn sie die zusätzliche Zeit und mentale Anstrengung für das Spielen von mehr Tischen als für die Arbeit mit einer RTA-Datenbank verwenden.
Cashgames vs. Turniere

RTA ist deutlich mehr ein Problem bei Cashgames, da die Konstellationen dort statisch und vorhersehbar sind. Die meisten Hände bei Cashgames werden mit 100 Big Blinds gespielt. Eine RTA-Datenbank hat bei jeglichen Formaten einen enormen Umfang, aber den kleinsten, wenn es um Vorablösung von Cashgame-Spots geht.
Allein mit Blick auf die Stackhöhe benötigt man bei Turnieren noch etliche weitere Lösungen abseits von 100 Big Blinds, im Grunde für jede erdenkliche Kombination von 5BB, 10BB, 15BB, 20BB usw. In der späten Turnierphase, wenn die Geldränge oder der Final Table anstehen, kann zudem der Einfluss des ICM enorm werden, was mögliche Vorablösungen in einer Datenbank praktisch unmöglich macht. In Turnieren liegen also mehr individuelle Konstellationen vor, die den Einsatz von RTA deutlich komplexer und schwieriger machen.
Zudem bleibt der Umstand, dass eine Datenbank mit Vorablösungen immer nur so gut ist, wie die Annahmen, die in eine solche Datenbank integriert wurden. Hat der Ersteller der Datenbank bereits bei den zugrunde gelegten Ranges gepfuscht, dann könnte man sich an Lösungen orientieren, die langfristig gar nicht profitabel sind.
Wie genau die einzelnen Online-Pokerräume gegen RTA vorgehen und die Nutzung solcher Datenbanken aufspüren, wird streng geheim gehalten, allerdings nicht weil man das Problem unter den Teppich kehren will, sondern vielmehr, weil man möglichen Betrügern keinerlei Informationen über die Funktion der genutzten Entdeckungsmechanismen offenbaren will. Ein Ansatz wird aber zweifellos sein, dass geprüft wird, wie nah sich ein Spieler über eine erhebliche Anzahl an Händen am spieltheoretischen Optimum bewegt, und auch merkwürdige Mausbewegungen und Unterbrechungen werden durchweg geprüft.
Wie kann man RTA aus dem Weg gehen?

Was kann man aber als Spieler selbst tun, um einem möglichen Betrug mit RTA beim Gegner aus dem Weg zu gehen? Ein Ansatz wäre, dass man sich auf Formate konzentriert, die schwieriger zu lösen sind als andere. Spielt man zum Beispiel Cashgames, dann können Seiten mit nicht prognostizierbaren Konstellationen wie Cash Drops oder allein das Vorhandensein möglicher Straddles bereits die Effektivität von RTA-Datenbanken einschränken und somit potenzielle Betrüger abschrecken. Jegliche Features, die etwas Vorhersehbarkeit aus der Partie entfernen, sorgen dafür, dass es umso unwahrscheinlicher wird, dass in einer Datenbank mit Vorablösungen auf zusätzliche Hilfe zurückgegriffen werden kann.
Im Falle von ohnehin bereits vorab sehr schwierig zu lösenden Turnieren ist man mit PKOs auf der ganz sicheren Seite. Nach wie vor sind viele Experten der Meinung, dass Turniere mit Kopfgeldern nie vollständig gelöst werden, da sie aufgrund der variablen Natur der Bountys, gepaart mit den variierenden Stackgrößen und dem unsteten Einfluss des ICM eine unbegrenzte Anzahl an möglichen Konstellationen bieten, die keine noch so umfangreiche Datenbank effektiv abdecken könnte.
Die potenzielle Nutzung von RTA-Datenbanken ist etwas, dessen man sich als Online-Pokerspieler bewusst sein sollte und ein Problem, das die Branche ernst nehmen muss. Allzu paranoid sollte man trotz aktueller oder früherer Schlagzeilen jedoch nicht sein, denn nach wie vor kann man davon ausgehen, dass es sich um Einzelfälle handelt, die früher oder später aufgedeckt werden, während auch die Anbieter alles daransetzen, dass die Integrität der Partien gewährleistet ist und die Effektivität von RTA-Datenbanken allein durch die Gestaltung verschiedener Formate ausgehebelt wird.
Wie groß sind eure Sorgen, dass auch in euren Partien RTA-Datenbanken zum Einsatz kommen könnten? Wir freuen uns auf eure Erfahrungen!