Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Poker im Stream: Wollen wir Schach oder Reality-TV?

Schlechte Publicity ist immer noch besser als gar keine, sagt man zumindest. Aber ist das ständige Drama in Livestreams von Cashgame-Partien wirklich das, was die Pokerwelt braucht?

Ich bin ein eitler Mensch. Wenn ich also einen Witz bei X (ehemals Twitter) poste, behalte ich im Auge, wie vielen Leuten der Tweet gefallen hat. Zu meiner großen Zufriedenheit konnte ich dabei jüngst eine neue persönliche Bestmarke aufstellen. Mein für mich überaus gelungener Joke erhielt 862 Likes und wurde direkt fast 200.000-mal aufgerufen.

Es war aber nicht einmal der beste Witz zu dem Thema, denn diese Ehre wurde Jamie Kerstetter zuteil. Mein Post kam jedoch gut an, weil er einen wichtigen Punkt in Bezug auf Livestreams von großen Cashgame-Partien verdeutlicht.

Es geht natürlich um die Abscheulichkeiten, die sich vor Kurzem bei Big Bet Live abgespielt haben. Besagter Stream wurde sogar vorzeitig abgebrochen, weil sich Jason Liu und Austin Yoo gegenseitig auf extremste Art und Weise beschimpften und bedrohten. Gerüchten zufolge soll es im Anschluss auch zu Handgreiflichkeiten gekommen sein und beide wurden von Big Bet Live für künftige Events ausgeschlossen.

Um auf den Witz zurückzukommen: Wenn Turniere im Stream gezeigt werden, sind die Spieler in der Regel aufgrund ihrer Leistung so weit gekommen. Nicht immer, aber normalerweise sehen wir sehr starke Akteure, die gut gespielt haben, um an den Final Table zu kommen. Das bedeutet, dass sie hart an ihrem Spiel und an sich selbst arbeiten und auch ein Gespür für die verbleibenden Kontrahenten haben, mit denen sie mehrere Tage lang gespielt haben.

Zwei komplett verschiedene Spiele?

Die Übertragungen von Cashgames haben nichts von alledem und zunehmend werden die Line-ups davon bestimmt, wie unausstehlich und kontrovers die Spieler agieren könnten. Das beste Beispiel dafür ist, dass Spieler wie Eric Persson und Nik Airball immer bekannter wurden. Profis finden das natürlich gut, weil die Typen, die nur nach Aufmerksamkeit streben und in den gestreamten Partien spielen wollen, eher schwächere Kontrahenten sind. Jeder Idiot mit einer ausreichenden Bankroll kann ein in einem Cashgame-Livestream mitspielen – je idiotischer, desto besser.

Man hat wirklich das Gefühl, dass Turniere und Cashgames heutzutage zwei völlig verschiedene Spiele darstellen und ein komplett unterschiedliches Publikum bedienen. Der nachfolgende Tweet bringt es auf den Punkt:

Ich persönlich schaue gerne Streams von Turnieren, aber nie Übertragungen von Cashgames, obwohl natürlich ein Interesse an den Strategien dahinter besteht. An sich ist es gut, dass Cashgames vielleicht ein anderes Publikum anziehen, aber das Modell "Aufmerksamkeit um der Aufmerksamkeit willen" wird langfristig nicht funktionieren. Ein solches Modell konkurriert mit jeder anderen Reality-TV-Show. Dem Spiel wird es langfristig nicht guttun, wenn weiterhin Möchtegern-Influencer angezogen werden, die sich für ihr TikTok-Publikum wie Idioten aufführen.

Die Unterschrift von Dan Bilzerian bei GGPoker hat keinen neuen Pokerboom ausgelöst, daher ist nicht jede Werbung auch gute Werbung. Zuletzt haben sich vermehrt einige der bekanntesten Schachspieler an den Pokertischen versucht und ich finde es persönlich deutlich interessanter, deren Fortschritte zu verfolgen, als irgendwelche kontroversen Gestalten, die über Nacht für eine Million Klicks sorgen, weil sie ausfällig wurden.

Gehört derartiges Drama zu guter Unterhaltung dazu oder schadet es eher dem Ruf von Poker? Wir freuen uns auf eure Kommentare!