Videocontest-Sieger und Black Member e2e4e5 im Interview
Der in Südamerika lebende PokerStratege spricht über seinen Triumph bei unserem Videocontest, den Produktionsaufwand und mögliche Comeback-Gedanken.
| e2e4e5: Vordach für den Ofen... |
PokerStrategy.com: Herzlichen Glückwunsch zum Sieg bei unserem Videocontest. Du konntest dich mit deinem Video gegen 18 andere Werke durchsetzen und bekamst als Belohnung $1.000 Preisgeld - ist das Geld schon verplant?
: Danke! Nachdem ich das Geld nun gewonnen habe, ist es auch verplant. Ehrlich gesagt schwanke ich noch dazwischen, ob ich meinem Ofen ein Vordach gönne, damit ich auch im Regen eine Suppe kochen kann oder ob ich meiner Tastatur mal eine Hi-Tech-Maus und einen Barhocker spendiere, damit ich auch im Grünen endlich wieder mass-tablen kann (lacht).
PokerStrategy.com: Beim Voting warst du relativ weit vorne und bekamst 103 Stimmen der Community. palmero92 belegte mit 76 Stimmen Platz 2. Hättest du gedacht, dass es am Ende so deutlich wird?
: Wie sicherlich alle Teilnehmer des Contests hofft man einen der vorderen Plätze zu belegen, wenngleich ich nicht damit gerechnet habe. Zum einen ist mein Video sehr "speziell" und zum anderen ist mir bewusst, dass dieses nicht jeden ansprechen wird.
Zu Beginn der Ausschreibung habe ich natürlich meine Freunde auf das Video hingewiesen, zu denen auch timbus gehört. Dieser hat dann, ohne meine Absicht, die „BBV-Bombe“ gezündet, die mir wohl etwa drölf Stimmen (und einige - teilweise deplatzierte - Kommentare im Forum) eingebracht hat. Vielleicht ist eines der Videos mit weniger populären Inhalten (zum Beispiel Omaha) schon in der Vorrunde unverdient ausgeschieden, obwohl die Inhalte von hoher Qualität waren?! Ich weiß es nicht. Letztlich ist ein Community-Event immer auch ein wenig von vollkommen fremden Faktoren abhängig...ich habe zwar nicht alle Videos sehen können, aber am meisten hat mich das Video vom palmero92 angesprochen, sowohl vom didaktischen Aufbau wie auch vom Inhalt. Ohne wie ein Oberlehrer klingen zu wollen: Ich bin mir sicher, wenn er seine Handanalysen optisch etwas "ansprechender" (als die etwas unübersichtlichen Notepad-Text-Einträge) gestaltet hätte, würden sich deutlich mehr User angesprochen fühlen. Auch das Video von tackleberry fand ich didaktisch stark! Ich hätte beiden den Platz vor mir gegönnt.
"Für mich war der Contest auf jeden Fall eine interessante Erfahrung zum Thema Video-Education"
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| ...oder eine Maus zur Tastatur? |
PokerStrategy.com: Dein Video "Individuell Poker (er)lernen" beschäftigt sich vor allem mit psychologischen Inhalten. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
: Psychologie existiert zum Teil auf der Basis von Statistik und Stochastik und demzufolge existieren viele anerkannte Tests, um Persönlichkeitscharakteristika, Symptomatik oder Ähnliches zu kategorisieren. Betrachtet man die Entwicklung in den Schulen (hier insbesondere die freien Schulen) oder anderen Bildungseinrichtungen wird in den vergangenen Jahren ein Trend zum individuellen Bildungsweg deutlich. Um diesen zu bestreiten, müssen aber zunächst wiederum die individuellen Stärken ausgearbeitet werden. Das trifft für Schule, Studium oder Arbeitsleben genauso zu wie auf Poker.
PokerStrategy.com: Über welche psychologischen Erfahrungen und Kenntnisse verfügst du?
: Ich bin zwar Akademiker auf einem anderen Gebiet, habe aber zudem eine psychologische Ausbildung über ein Fernstudium abgeschlossen. Da man in einem Fernstudium zum Glück nicht nur zu Hause hinter Büchern sitzt, sondern auch "Seminare" besucht, wird dort auch der Einsatz von praktischen Tools, Vorgehensweisen und vieles mehr erprobt. Dennoch bitte ich dies nicht mit einem Psychologie-Studium an der Universität zu verwechseln: Studenten mit dieser Ausbildung haben eine deutliche höhere Qualifikation im psychologischen Bereich, als ich vorweisen kann!
Dennoch: Auf dieser Basis war ich eine Zeit lang freiberuflich im Reha-psychologischen Bereich (berufliche Rehabilitation) tätig und habe insbesondere im kognitiv-psychologischen, wie auch psychosozialen Bereich agiert. Privat habe ich mich mit Sportpsychologie befasst - hier im speziellen Schach.
PokerStrategy.com: Dein Werk ist 28 Minuten lang. Kannst du uns verraten, wie viel Produktionsaufwand dahinter steckte?
: Der Aufwand wird aus meiner Sicht auf jeden Fall unterschätzt und mein Video ist alles andere als "optimal" in Sachen Didaktik. Obwohl ich weitestgehend frei vor Gruppen sprechen kann, habe ich festgestellt, dass dies bei einem Video (quasi ohne direktes Feedback der Zuschauer, auf das man wiederum agieren kann) gar nicht so einfach ist. Wenn ich noch einmal ein Video erstellen müsste, würde ich mir den Text auf jeden Fall "skripten", um den Gesprächsfluss besser zu gestalten. Für mich war der Contest auf jeden Fall eine interessante Erfahrung zum Thema Video-Education. Aber noch ein paar Worte zum Wettbewerb selbst: Ich finde, dass PokerStrategy.com für das insgesamt ausgezahlte Preisgeld eine prima Gegenleistung in Form von 19 aufwendig produzierten Videos erhalten hat. Das bitte ich nicht als Kritik zu verstehen, aber ich denke, dass hier – unabhängig davon, dass ich ein Preisgeld erhalten habe – eine Win-win-Situation entstanden ist.
PokerStrategy.com: An wen richtet sich dein Video? Welche Zielgruppe möchtest du ansprechen?
: Irgendwie an alle, die ein bisschen mehr über sich selbst wissen wollen – auch ganz jenseits der Karten auf dem grünen oder digitalen Filz...
PokerStrategy.com: Bist du jetzt vielleicht sogar auf den Geschmack des Video-Producings gekommen und sehen wir in der Zukunft mehr Videos von dir? Welche Themen würdest du gern noch audiovisuell umsetzen?
: Wenn man im individuellen Bereich nicht immer wieder dieselben Phrasen und Weisheiten "dreschen" möchte, dann ist es nicht einfach etwas zu entwerfen, womit alle etwas anfangen können. In der Praxis im Mental- und Mindset-Bereich wird auf psychologische "Tools" zurückgegriffen, sodass hier kaum ein universell-sinnvolles Video möglich ist. Ich bin der Meinung, dass bei dieser Thematik oft nur individuell gearbeitet werden kann – was letztlich auch daran liegt, dass Persönlichkeits-Coaching immer vom Client abhängig ist. Dennoch verschließe ich mich potenziellen Folge-Videos oder Artikeln nicht ganz.
"Jeder sollte sich auf seine innere "Wohlfühl"-Zone konzentrieren, anstatt sich von seinem Ego "trollen" zu lassen"
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| e2e4e5 |
PokerStrategy.com: Lass uns über deine Pokerkarriere sprechen: Du konntest dir bei uns den Black Member-Status erspielen - wie sah dein Pokerwerdegang aus?
: Für mich selbst hat der Black Member-Status keine übermäßige Bedeutung. Gespielt habe ich alles einmal und nennenswert erfolgreich bin nur mit meinem persönlichen Stil bei der ShortStackStrategy gewesen (bis NL5k – ja, gab es damals noch!). Es gab noch ein paar kleinere Turniergewinne, wobei man diese aus meiner Sicht aber nie überbewerten sollte. Hin und wieder habe ich in Casinos gespielt, was, wenn man es gelegentlich betreibt, sehr unterhaltsam sein kann. Zudem kommt mir das Live-Spiel mit seiner Eigendynamik sehr entgegen.
PokerStrategy.com: Warum hast du dich entschlossen, eine Pause einzulegen beziehungsweise Poker nicht mehr auf hohem Niveau zu betreiben?
: Ich habe jahrelang intensiv Schach und Backgammon, sowie später auch Poker gespielt, definiere meinen Lebensinhalt und auch mein Einkommen aber nicht darüber. Man wird über die Jahre auch etwas müde vom ambitionierten Spielen, wenngleich man das Interesse nie ganz verliert.
PokerStrategy.com: In der letzten Zeit warst du aber wieder öfter an den Tischen zu finden. Kurios dabei ist, dass du relativ querbeet gespielt hast - an den Zoom- oder Fixed-Limit-Tischen sowie teilweise auch Sit & Gos. Welche Variante bevorzugst du und bei welchem Format hast du noch Leaks?
: Ich glaube, dass man immer Leaks hat, da man wohl kaum permanent in bester Verfassung, emotionaler Lage oder was auch immer ist. Da ich im Juli beschlossen habe, gelegentlich etwas ernsthafter zu spielen, habe ich mir das Upgrade auf den Hold'em Manager 2 erworben und ein wenig probiert, welche der Varianten mir am meisten Freude bereiten könnte. Dabei sprechen mich insbesondere No-Limit-Zoom und die mir bis dato unbekannten 18-Mann-SNGs auf PokerStars an. Zudem habe ich noch ein paar Hyper-Turbo-Turniere gespielt, die aber – wenngleich bei geringer Sample – nicht so erfolgreich verliefen. Nicht, dass die Leute noch denken, ich "rocke" alles (lacht).
PokerStrategy.com: Überraschend ist, dass du eher auf den niedrigeren Limits zu finden bist. Viele PokerStrategen gehen davon aus, dass alle Black Member die High-Stakes crushen...
: Alles Statussymbole! Ganz im Ernst: Ich selbst kenne zwar nur wenige Black Member persönlich, aber nicht alle crushen die Highstakes und nicht alle sind reich geworden. Für den persönlichen Lernprozess oder die Vorliebe sind die Limits, die man spielt, meines Erachtens letztlich egal und ich denke auch, jeder sollte sich auf seine innere "Wohlfühl"-Zone konzentrieren, anstatt sich von seinem Ego "trollen" zu lassen...leider ist Geld beim Poker praktisch der einzige Reizfaktor.
PokerStrategy.com: Wird es ein richtiges Comeback von dir geben oder fehlt dir einfach die Zeit für Poker?
: Zum einen ist mein Zeitfenster für Poker sehr begrenzt, da ich in viele andere, interessante Projekte involviert bin. Zum anderen fehlt mir auch ganz klar die Motivation für ein "richtiges Comeback": Man darf die individuelle Arbeit nicht unterschätzen, die man investiert, um wirklich erfolgreich zu sein (egal welche Variante man spielt) und ich bin der Meinung, dass man in anderen Beschäftigungen deutlich mehr persönliche Erfüllung erfahren kann, ohne sich der Varianz aussetzen zu müssen...
von tobiasfrey

