Sonntags-Special: Auf ein Wort mit bencb
Wir haben bencb zum Interview geladen und mit ihm über seinen Masterplan, die Highstakes und sein Coachingprojekt 'Raise Your Edge' gesprochen.
Hallo Ben und vielen Dank für dieses Interview. Für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass dich der ein oder andere nicht kennt, kannst du dich ja noch einmal kurz vorstellen.
bencb: Klar. Ich bin Ben, die meisten kennen mich wohl unter meinem Screenname bencb789 auf PokerStars. Ich spiele dort nun schon seit mehreren Jahren sehr erfolgreich auf den höchsten Stakes SNGs und MTTs. Mittlerweile coache ich aber überwiegend und produziere Videokurse.

Du machst ja jetzt schon seit einigen Jahren die MTT-Highstakes unsicher. Soll das auch die nächsten Jahre so weitergehen oder hast du einen Masterplan für die nächsten 5-10 Jahre, der dich vom Poker wegführt?
bencb: Jein. Natürlich habe ich einen Plan. Ich sehe mich aber mehr in der Welt der Content-Produktion und des Coachings, werde aber mit Sicherheit noch eine Weile spielen. Mir macht Poker einfach noch zu sehr Spaß. Natürlich spiele ich nicht mehr so oft wie vor z. B. 1 Jahr, aber wenn ich mal 4-5 Tage nicht spiele, dann juckt es schon sehr in den Fingern.
Ich denke, die meisten professionellen Pokerspieler schätzen diesen Beruf und die Freiheiten, die damit einhergehen, einfach nicht hoch genug ein. Ich denke das grundlegende Problem, was ich bei den meisten sehe, ist, dass sie das „Warum“ für sich nicht geklärt haben. Klar, jeder sagt „die Freiheit“, aber wenn sie dann die Freiheit haben, wissen sie mit dieser Freiheit nichts anzufangen. Ihnen fehlt die nötige Balance und die Zeit wird mehr oder weniger verdaddelt, als sich, in welcher Form auch immer, persönlich weiter zu entwickeln.
Warum tut man sich das also eigentlich alles an? Die mentale Belastung, die Varianz usw. Das sollte man erst einmal für sich klären. Es hilft enorm sich während schwieriger Downswings wieder zu motivieren, wenn man eigentlich genau weiß, für was man dies tut. Wenn es kein Warum gibt, ist doch klar, dass es einem schwerer fällt, sich aufzuraffen und sich durchzuboxen. Warum auch? Man weiß ja selber nicht einmal warum.
GTO-Poker wird völlig falsch angewendet

Wie sehr hat sich das Spiel auf den hohen Turnierlimits geändert und wo liegen momentan die Edges?
bencb: Turnierpoker ändert sich jedes Jahr. Zurzeit würde ich sagen, dass die richtige Anwendung des sogenannten GTO-Pokers von vielen Spielern komplett falsch praktiziert wird. Sogar gegen Freizeitspieler wird versucht, in allen erdenklichen Spots „balanced“ zu sein. Ich hingegen schaue auf meine Hand. Je nachdem wie stark meine Hand ist, wähle ich die passende Bet.
Umso stärker meine Hand, umso größer die Bet und vice versa. Vor allem Spieler, die mit Poker erst vor 2-3 Jahren angefangen haben, also quasi mit dem Hype um GTO, haben nie richtig gelernt ihre Gegner zu exploiten und gutes altes straight forward Value-Poker zu spielen.
Gerade bei den teuren Turnieren gibt es ja immer viele Spieler, die Prozente abgeben, um die Last des Buy-ins nicht allein zu tragen. Was hältst du dabei von Spielern, die auf ihre Shares ein Mark-up aufschlagen, wodurch der Deal für den Staker teurer wird?
bencb: Das ist ganz normal und vollkommen legitim. Ich bin jetzt kein Experte für Staking, da ich Gott sei Dank nie ein Staking gebraucht habe. Ich habe auch nie selber in Spieler investiert, sondern immer nur bei Freunden, wo ich zu 100% sicher war, dass diese Investments auch für mich +EV sind.
Der Staker profitiert ja davon, dass der Spieler in einem bestimmten Feld +ev ist und einen gewissen ROI hat. Der Staker investiert aber keine Zeit, sondern der Spieler. In sehr toughen Feldern kann man auch ein MU von 1,0 anbieten, vor allem wenn der ROI nur im niedrigen einstelligen Bereich liegt. Ich habe beispielsweise in meinem 100k letztes Jahr bei der WCOOP für ein extrem kleines MU verkauft (ich glaube 1,02 oder 1,03).
"Es hat sich mehr oder weniger ergeben"

Kommen wir nun zu deinem Coachingprojekt 'RYE - Raise Your Edge'. Wie hat das Ganze begonnen und wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen so etwas aus dem Boden zu stampfen?
bencb: Ich hatte nie die Idee gehabt. Es hat sich mehr oder weniger ergeben. Als ich meinen ersten Schüler hatte, war der so von meinem Coaching begeistert, dass ich dann weitere Schüler gecoacht habe. Ich habe nie aktiv damit geworben, aber es wurden mehr und mehr Schüler.
Es war dann ein für mich enormer Zeitaufwand jedem Schüler zu erklären, was er für das Coaching brauch, was er erwarten kann und wie es abläuft. Auch hatten Schüler Fragen zu meiner Person. Dann ließ ich eine Website aufsetzen, die mehr oder weniger nur eine Informationsübersicht war, damit es so transparent wie möglich ist. Was mich schon immer in der Pokerindustrie gestört hatte, war das enorme Angebot von Pokercontent. Es gab nie wirklich strukturierten Content, der von A-Z alle wichtigen Gebiete komprimiert abdeckt. Also dache ich mir, ich mache einen SNG-Kurs und fokussiere mich darauf, den Content so strukturiert wie möglich anzubieten, leicht und verständlich zu erklären und trotzdem alle wichtigen Spots abzudecken.
Also hatten wir dann auch auf der Website unseren ersten Kurs. Es ging dann so weiter, dass ich den Leuten in unserer Blogsektion ein Gratismentoring anbot. Das Feedback war einfach überwältigend. Es gab natürlich immer wieder Leute, die sagten: „Warum machst du das? Poker ist doch tot, das ist reine Zeitverschwendung.“ War mir aber eigentlich egal. Mittlerweile haben wir auch einen Cashgame-Beginnerkurs und natürlich unsere bekannte Tournament Masterclass. Inzwischen haben wir auch eine große Discord-Community, wo jeder Spieler joinen, Fragen stellen sowie Hände posten kann. Ich hatte nie die Idee, dass es in diese Richtung gehen sollte. Es war mehr oder weniger Step für Step und ich plane immer nur für die nächsten Monate und versuche mich so gut es geht auf das Feedback der Community einzulassen und dann dementsprechend den Content zu produzieren.
Für welche Spieler würdest du sagen, ist deine Coachingseite interessant?
bencb: Für Spieler, die ernsthaftes Interesse daran haben Poker professionell auszuüben. Vor allem in den Bereichen Turnier- und Sit-and-Go-Poker. Der Content ist so aufgebaut, dass ihn der Lowstakes-Spieler versteht, aber auch auf Highstakes angewendet werden kann. Man sollte jedoch einen gewissen Erfahrungsschatz mitbringen und die gängigen Begriffe und Fundamente des Online-Pokers kennen.
Feedback ist der Schlüssel
Investierst du momentan mehr Zeit in RYE oder in dein eigenes Spiel?
bencb: Auf jeden Fall mehr in RYE. Es geht schon sehr viel Zeit drauf für das Beantworten von Fragen, Content zu planen, die Blogsektion zu checken und zu beantworten, den Content zu produzieren und weitere tägliche Aufgaben. Aber ich würde sagen, dadurch, dass ich mich so viel mit Poker beschäftige, ist mein eigenes Pokerspiel noch mal viel besser geworden.

Wie kann man das Spielen von MTTs deiner Meinung nach am besten lernen?
bencb: Feedback von anderen einholen. Das ist meiner Meinung nach unabdingbar. Egal ob in User-to-User-Coachings, durch das Posten von Händen (teilt eure Meinung immer zuerst!) oder in Form eines Blogs. Wenn ihr euch dafür schämt Kritik und negatives Feedback zu holen, werdet ihr nie erfolgreich sein. Ihr braucht Leute um euch, die euch 24/7 sagen, was ihr falsch macht.
Das war das Beste, was ich tun konnte. Einige werden sich vielleicht noch erinnern, wie ich damals die Handbewertungsforen hier auf PokerStrategy.com bombardiert habe. Ich wollte besser werden und ich habe mich quasi komplett nackig gemacht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Legenden rund um Unam, Shakin, Y0d4, Steinek und TeddyTheKiller sich ab und an mal gedacht haben „bencb schon wieder …“. Tut mir Leid Jungs, ich weiß ich hab euch sehr in Anspruch genommen und ich denke, ohne diese hochklassigen Handbewerter, wäre ich niemals in der Lage gewesen, so schnell in den Midstakes aufzusteigen. Wenn ihr mal in Wien seid, lade ich euch gerne auf einen Drink ein.
Was ich damit sagen will: Ohne Mentoren ist es heutzutage sehr schwierig. Wenn ihr etwas wollt, nehmt es euch, auch wenn es unangenehm ist. Es gab auch einige User, die mir damals schrieben „Junge, kannst du dir nicht selber Gedanken zu den Händen machen?“ Nein, ich war noch nicht so erfahren und noch nicht so gut. Und natürlich zweifelt man auch hier und da. Aber wenn es einfach wäre, würde es ja jeder machen. Außerdem teilten dort hochklassige Coaches ihr Wissen mit, warum also nicht davon profitieren? Auch wenn jeder sehen konnte, wie schlecht ich war.
Vom Schüler zum Meister werden

Dein Kurs 'The Tournament Masterclass' richtet sich ja vor allem an sehr ambitionierte Turnierspieler, die schon etwas Erfahrung mitbringen. Was macht diesen Kurs deiner Meinung nach so besonders und unterscheidet ihn von anderen?
bencb: Laut meinen Recherchen gab es so einen Kurs noch nicht. Zumindest nicht in dieser Struktur und Tiefe. Er ist so konzipiert, dass ihr die Sachen sofort in euer Spiel integrieren könnt. Der Kurs vermittelt euch das Wissen, um auch selber an euerm Spiel zu arbeiten.
Mein Ziel mit dem Kurs war es, dass ihr danach keinen Coach mehr braucht. Das ihr das Handwerk lernt, euer eigener Coach zu werden. Das war mir ganz wichtig. Man sollte ein gewisses Grundverständnis von Poker mitbringen. Also die Begriffe kennen und verstehen und schon eine gewisse Tiltresistenz mitbringen, denn dies ist kein Mindset-Kurs. Natürlich gebe ich auch Tipps im Bereich Mindset, aber nicht mehr und nicht weniger.
Am Ende noch eine etwas andere Frage: Würdest du lieber zehnmal am Tag 5 Minuten in die Zukunft blicken können oder ein absolut perfektes Gedächtnis haben und dich an alles erinnern können, also auch an jede einzelne Hand gegen jeden Spieler, die du je gespielt hast?
bencb: Ich finde in die Zukunft schauen zu können ziemlich langweilig. Von daher entscheid ich mich für das Supergedächtnis.
Vielen Dank für das ausführliche Interview Ben. Wir wünschen dir auch in Zukunft viel Erfolg an den Tischen und bei deinen Projekten!
Einen ersten Einblick in die Tournament Masterclass bekommt ihr hier:
Wenn ihr noch mehr über bencb erfahren wollt, solltet ihr einen Blick auf seine Videos für PokerStrategy.com oder auf seine eigenen Premium-Coachingvideos werfen.




