Buch-Vorstellung: Moorman's Book of Poker
In einer neuen Artikelreihe werfen wir einen Blick auf einige Klassiker der Pokerliteratur. Los geht es mit Online-Legende Chris Moorman und seinem 2014 erschienenen Werk.

Chris Moorman genießt absoluten Legendenstatus in der Online-Pokerszene. Innerhalb seiner 13-jährigen Karriere konnte der Brite mehr als $16 Millionen in Online-Pokerturnieren gewinnen. Etliche einzigartige Rekorde kamen dabei zustande. So konnte er unter anderem 30-mal die Online Triple Crown holen, das heißt, er konnte 30-mal in einer Woche drei Turniere mit mindestens 100 Teilnehmern und mindestens $10.000 als Preispool bei drei unterschiedlichen Pokerräumen gewinnen. Kein Spieler hat realistisch eine Chance Moorman in den nächsten Jahren einzuholen. Sein ärgster Verfolger Nicolas "PokerKaiser" Fierro kann aktuell 21 Triple Crowns dieser Art für sich verbuchen, während der Dritte im Bunde Peter "Belabacsi" Traply gerade einmal auf 11 Triple Crowns kommt.
Auch bei Live-Turnieren konnte Chris einige erstklassige Resultate zustande bringen, darunter ein 2. Platz beim WSOPE Main Event, ein Sieg beim WPT LA Poker Classic und ein WSOP-Bracelet in 2017. Der Co-Autor des vorgestellten Buchs Byron Jacobs hat seine Erfahrungen als Coach in den Anfängen bei PokerStrategy.com gesammelt und damals unsere Lerninhalte für Fixed-Limit-Partien geprägt.
80 Lektionen von Chris Moorman
Byron Jacobs hat ein sehr solides Verständnis von Poker, er ist jedoch nicht, was wir dieser Tage einen Pokerprofi nennen würden. Dennoch hat er sich in etlichen Online-Turnieren versucht und in Moorman's Book of Poker werden die Hände von Jacobs aus genau diesen Events analysiert. Innerhalb von sieben Kapiteln werden insgesamt 80 Hände von Jacobs genau unter die Lupe genommen.
Kapitel:
- PokerStars Supernova (Hände 1-20)
- Turbo 6-Max, Part 1 (Hände 21-39)
- Turbo 6-Max, Part 2 (Hände 40-52)
- Full Tilt Rush (Hände 53-57)
- Turbo Full Table (Hände 58-67)
- 6-Max SNG Hyper-Turbo (Hände 68-73)
- Verschiedene Spots (Hände 74-80)
Zu Beginn jeder Hand bekommen wir zunächst grundlegende Informationen:
- Das Turnier
- Jacobs Karten und seine Position
- Die Höhe der Blinds
- Die Stacksizes am Tisch
- Wie jede Street genau ablief
Nach Präsentation der trockenen Basis widmet sich Byron im zweiten Teil jedes Unterkapitels der Analyse seiner eigenen Hand und informiert den Leser über zusätzliche Details zur Hand, die dabei helfen können (ob er z. B. Reads auf seinen Gegner hatte, ob es eine Hand in der Bubblephase oder mit hohem ICM-Faktor war etc.). Im Anschluss erläutert er dann seine Gedankengänge und die Informationen, die ihn zu jeder sukzessiven Entscheidung in der Hand geführt haben. Hin und wieder erkennt er dabei auch, dass er in einem bestimmten Spot schlecht gespielt hat und dass es eine bessere Line gegeben hätte.

Der beste Mehrwert wird uns allerdings erst im letzten Teil jedes Unterkapitels beschert – und zwar in dem Teil, den Chris Moorman verfasst hat. Nach jeder präsentierten Hand analysiert Chris jede einzelne Entscheidung, die Jacobs getroffen hat, und erläutert welche Lines er gewählt hätte. In diesem Analyseteil werden uns praktisch keinerlei Charts oder exakte Zahlen serviert. Stattdessen wird anschaulich analysiert. Das ist zum einen die Stärke, aber gleichzeitig auch die Schwäche des Buchs. Um die Begründung einer Entscheidung vollständig zu verstehen, zum Beispiel eine Aussage wie "Wir können in diesem Spot callen, weil der Gegner hier mehr verpasste Draws als fertige Hände hält", muss der Leser zumindest generell wissen, wie die Range an gespielten Händen des Gegners aussehen könnte und wie sich das in Sachen Treffen und Verpassen des Boards auswirkt. Chris erklärt sehr klar, warum die von ihm vorgeschlagene Line die beste ist, allerdings nicht geeignet für das Niveau eines kompletten Anfängers. Das Buch ist im Grunde ein Dialog zwischen einem mittelstarken Spieler und seinem Coach, wobei die Grundlagen in der Analyse nicht neu aufgerollt werden, sondern angenommen wird, dass diese ohnehin klar sind.
Was aber besonders spannend am Buch ist, sind von Moorman vorgestellte Lines für Lösungen abseits des Standards in auf den ersten Blick banal wirkenden Spots. Wo ein Spieler, der sich an ABC-Poker orientiert, niemals auf den Gedanken kommen würde zu raisen, argumentiert Chris genau dafür. Ein kreativer Ansatz, bei dem alle Aspekte der Situation am Tisch und nicht nur die offensichtlichsten berücksichtigt werden, ist eine der Eigenschaften, die einen großartigen Spieler von der breiten Masse an guten Spielern unterscheidet.
Für wen ist das Buch geeignet?

Das Buch liefert ein solides Maß an Pokerwissen, ist jedoch keine Kaufempfehlung für jedermann. Es ist stattdessen an eine eher eng gefasste Gruppe von Spielern gerichtet. Dank genau dieser Beschränkung sollte es für genau diese Spieler aber auch hilfreicher sein.
Wer gerade erst sein Pokerabenteuer begonnen hat, wird nicht viel vom Buch profitieren, auch wenn das Lesen an sich trotzdem interessant sein kann. Es gibt jedoch kein simplen Lösungen und ABC-Standardlines. Stattdessen erfordern die Ideen von Moorman häufig eine solide Basis an Erfahrung und die Fähigkeit, die Faktoren korrekt zu identifizieren, die eine kreative Entscheidung erst möglich machen.
Ein Pokeranfänger, der den Vorschlägen von Moorman folgen würde, könnte schnell dem Fancy-Play-Syndrom verfallen in Spots, in denen ABC-Poker eigentlich ausreicht. Spieler, die in Sachen Erfahrung irgendwo zwischen Anfänger und Fortgeschrittener rangieren, könnten dem Werk aber durchaus eine Chance geben und dem Ganzen vielleicht sogar so viel abgewinnen, dass sie den nächsten Schritt machen können.
Am besten geeignet sollte das Buch aber für mittelstarke Spieler sein, die bereits zehntausende Hände gespielt und hunderte analysiert haben und vertraut mit gegnerischen Ranges in Turnieren sind. Moorman's Book of Poker erlaubt es, das Spiel aus einem komplett einzigartigen Blickwinkel zu betrachten, bei dem klar wird, dass der durchschnittliche Spieler in vielen Standard-Situationen auf Autopilot schaltet, während ein großartiger Spieler auch eine außergewöhnliche Line in Betracht zieht. Selbst wenn man sich dann doch für die Standard-Line entscheidet, ist man sich nach Analyse aller möglichen Optionen auch anderen Ansätzen bewusst, was das eigene Spiel entsprechend stärker machen wird. Auch fortgeschrittene Spieler sollte das Buch derweil noch zufriedenstellen, immerhin bekommt man einen seltenen Einblick in die Gedankengänge von einem der besten Turnierspieler aller Zeiten. Genau diese auf hohem Niveau zu verstehen und im eigenen Spiel anzuwenden, könnte sich als unbezahlbar herausstellen.
Dass das Buch perfekt geeignet für Turnierspieler ist, erklärt sich natürlich von selbst. Mit Blick auf andere Formate ist die Nützlichkeit des Buchs eher begrenzt. Auch wenn viele der analysierten Hände bei effektiven Stacksizes von 100BB oder mehr gespielt wurden, haben Turniere natürlich ihre Eigenheiten, die sie deutlich von Cashgames unterscheiden. Spieler, die sich Hyperturbo-SNGs und Spin & Gos verschrieben haben, dürfte ein Kauf hingegen enttäuschen. Das Buch stellt keinerlei Hände in den Fokus, die mit sehr shorten Stacks (unter 15BB) gespielt wurden, und auch im Bereich 15-25BB findet sich nur eine Handvoll von Beispielen.
Informationen zum Buch
Titel: Moorman's Book of Poker
Autor: Chris Moorman, Byron Jacobs
Veröffentlichung: 2014 (erste Ausgabe)
Preis: €29,90 (gebunden), €26,99 (Kindle)
Niveau des Lesers
Neuling: Nicht geeignet
Anfänger: Nicht geeignet
Mittelstarker Spieler: Geeignet
Fortgeschrittener Spieler/Profi: Lohnenswert, aber keine Priorität
Spielformate
NLHE Cash: Lohnenswert, aber keine Priorität
NLHE MTT/SNG/Spin & Go: Geeignet für Turniere
PLO Cash: Nicht geeignet
PLO MTT: Nicht geeignet
Mixed Games: Nicht geeignet
Live: Geeignet
Online: Geeignet
Themen im Fokus
Mindset: Nein
Spielstrategie und Mathematik: Ja
Lebensbezug: Nein