Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

War Lococos Call gegen Aldemir ein herber ICM-Fehler?

Dara O'Kearney wirft einen Blick auf eine entscheidende Hand aus dem WSOP Main Event, an dessen Ende der Zweiplatzierte in Chips auf Platz 7 ausschied.

Auf seinem Weg zum Main-Event-Triumph kam es für Koray Aldemir am Final Table zu einer entscheidenden Hand gegen den zum damaligen Zeitpunkt Zweiten in Chips Alejandro Lococo. Am Ende der Hand schied Lococo auf Platz 7 aus und viele sahen in seinem Play den größten ICM-Fehler im gesamten Main Event.

Wer die Hand verpasst hat, so lief sie in Kürze ab: Am River des Boards J J 9 8 3 setzte Aldemir Lococo mit 9 9 All-in. Nicht wenige waren überrascht, dass der Argentinier nicht lange brauchte, um in dem Spot mit T T zu callen.

Was die Hand derart verblüffend machte, war die Tatsache, dass Lococo eigentlich eine sehr komfortable Position im Chipcount hatte und sich auf Platz 2 befand. Der ICM-Druck war entsprechend enorm, er hätte also problemlos folden und auf einen besseren Spot warten können, um noch den einen oder anderen Preissprung mitzunehmen.

Wie schlecht war also der Call von Lococo? Schauen wir uns zunächst den Chipcount vor der Hand an und das potenzielle Preisgeld der Teilnehmer auf ihrem aktuellen Platz:

Spieler Chips Preisgeld
Koray Aldemir 139.800.000 $8.000.000
Alejandro Lococo 67.000.000 $4.300.000
George Holmes 63.800.000 $3.000.000
Joshua Remito 58.400.000 $2.300.000
Hye Park 33.200.000 $1.800.000
Jack Oliver 28.300.000 $1.400.000
Ozgur Secilmis 8.800.000 $1.225.000

Mithilfe eines kostenlosen Equityrechners wie ICMIZER 3 kann man problemlos die Equitys von jedem einzelnen Spieler berechnen. Aldemir befindet sich dabei in Seat 1, Lococo in Seat 2 usw.

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Am River waren insgesamt 90.400.000 Chips in der Tischmitte, während Lococo noch 46.100.000 verblieben, auf die es Aldemir abgesehen hatte, indem er den Argentinier All-in setzte. Hätte Lococo schlichtweg gefoldet, hätte der Chipcount wie folgt ausgesehen:

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Seine neue Equity hätte sich auf $3.022.820 belaufen von ursprünglich $3.559.763 zu Beginn der Hand.

Bei einem Call und möglichen Verlust der Hand bliebe am Ende nur eine Equity von $1.225.000 (Preisgeld für Platz 7), während sich im Erfolgfall der folgende Chipcount ergeben hätte (Seatreihenfolge unverändert):

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Lococo hätte bei einem Gewinn der Hand also $4.832.280 in Equity gehalten.

Um zu berechnen, wie hoch sein Equitygewinn hätte ausfallen müssen, um einen Call zu rechtfertigen, muss der Bubblefaktor berücksichtigt werden. Die Berechnungsformel gestaltet sich dabei wie folgt:

Equity riskiert/Equity gewonnen = Bubblefaktor

Bubblefaktor/Bubblefaktor+1 = Erforderliche Breakeven-Equity

Im Beispiel riskiert Lococo $1.797.802 Equity (Ausgangslage von $3.022.820 abzüglich der garantierten $1.225.000 für Platz 7), um $1.809.460 an Equity zu gewinnen ($4.832.280 bei einem Gewinn abzüglich der $3.022.820 als Ausgangslage).

1.797.820/1.809.460 = 0,99

0,99/1,99 = 50%

Lococo hätte also 50% Equity für einen profitablen Call am River gebraucht. Das hört sich erst einmal so an, als hätte er tatsächlich sehr weit callen können und das wäre auch der Fall, hätte es sich um einen Preflopspot gehandelt. In besagtem Postflop-Spot bekam er jedoch im Kern Odds von 2 zu 1, nachdem Aldemir etwa Potsize am River gesetzt hatte. Darüber hinaus waren die Ranges zu dem Zeitpunkt schon deutlich enger ausgefallen durch den Verlauf der Hand.

Normalerweise würde ich nun den PIOSolver bemühen, um die genauen Ranges zu berechnen, das ist mir aktuell aber nicht möglich, aber wer braucht das schon, wenn die Expertise der Pokerelite verfügbar ist: Wie Isaac Haxton herausstellte, sollte Aldemir in dem Spot seine Blufffrequenz unter Berücksichtigung des ICM anstelle der Potodds gewichten, das heißt also je eine Valuehand für jeden Bluff in seiner Range halten.

Nimmt man an, dass die Ranges durch die vorangehende Action etwas gesplittet sind, dürfte die vermutliche Bettingrange von Aldemir am River in etwa so aussehen:

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Sämtliche Jx wären Valuebets, wie natürlich auch jedes Full House und QT für die Straight. Bluffs hingegen wären Hände mit Tx oder 8x, weil damit Straight und Full House beim Gegner geblockt werden. Hinzu kommen noch Mischhände, die in begrenztem Maße beide Charakteristiken aufweisen, wie zum Beispiel T9s.

Geht man von einer solchen Range bei Aldemir aus, hätte Lococo nur 40% Equity dagegen, was natürlich weit entfernt davon ist, was er gebraucht hätte.

Natürlich ist es aber sehr einfach, mit all den Hilfsmitteln, die bei einer Nachanalyse zur Verfügung stehen, zu lamentieren. Der Call an sich folgte letztlich auch einer gewissen Logik, immerhin hielt Lococo zwei Blocker gegen die Nut-Straight, sodass TT vielleicht sogar ein besserer Call als AA in dem Spot ist. Darüber hinaus haben wir natürlich keinerlei Informationen bezüglich vorheriger Hände der beiden und möglichen Reads, die Lococo auf Aldemir aufgeschnappt hatte.

Angesichts des enormen ICM-Drucks, der sich aus Lococos komfortabler Position im Chipcount ergab, muss man aber am Ende festhalten, dass es ein leichter Fold war. Es könnte lediglich ein guter Call gewesen sein, wenn der Main-Event-Sieg Lococo deutlich mehr Wert war als ein paar weitere Preissprünge. So könnten zum Beispiel potenzielle Sponsorenverträge als zweiter argentinischer Main-Event-Sieger der Geschichte die riskierte Equity aufwiegen. Zudem könnte sich Lococo gedacht haben, dass eine mögliche -EV-Line in dem Spot seine beste Chance war, um Aldemir doch noch im Chipcount zu überholen, weil klar war, dass der deutsche Highroller skilltechnisch ohnehin eine signifikante Edge auf den Rest des Tisches hatte.

Oder Lococo war in dem Spot tatsächlich nur etwas loco...

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