Ausbalancierte Ranges auch gegen schwache Spieler?
Ist es wirklich sinnvoll, eine nicht exploitbare Strategie gegen Spieler anzuwenden, die sich kaum Gedanken über Ranges machen? Dara O'Kearney teilt hierzu einige Gedanken...

Wenn man die Limits aufsteigt und zunehmend gegen stärkere Gegner antritt, zeigen sich die Vorzüge einer nicht exploitbaren Strategie recht deutlich. Doch wie verhält es sich an schwächeren Tischen? Hier wird man häufig auf Spieler treffen, die sich wenig Gedanken über Ranges machen, geschweige denn darauf achten, ob unsere Checking-Range ausgewogen ist. Erkennen wir deutliche Leaks bei unseren Gegnern, wie etwa zu häufiges Callen oder Betten, sollten wir dann versuchen, diese Tendenzen mit einer exploitbaren Strategie auszunutzen? Sind ausgewogene Ranges gegen solche Spieler angemessen?
Die kurze Antwort lautet Nein, gegen schwächere Opponenten ist ein nicht exploitbare Strategie nicht unbedingt nötig. Das Ziel beim Poker besteht darin, so viele Chips wie möglich zu gewinnen. Sobald wir gegen eine Callingstation starke Hände am Flop behindchecken, um unsere Range auszubalancieren, lassen wir eine Menge Chips auf dem Tisch liegen.
Die ausführliche Antwort lautet, wie so häufig beim Poker - es kommt drauf an.
Welche Leaks hat der schwache Spieler?

Zunächst einmal bedeutet das Anwenden einer exploitbaren Strategie gegen schwächere Spieler eine ständige Anpassung der eigenen Annahmen. Die meisten Spieler werden über die Zeit besser. Gut möglich, dass der schwache Spieler, gegen den man letzte Woche angetreten ist, diese Woche nicht mehr dieselben Fehler macht. Es kann gar zu kostspieligen Fehlentscheidungen führen, wenn der als Fisch markierte Spieler nicht mehr die Fehler macht, die man von ihm erwartet. Beim Heads-Up-Poker wird das besonders deutlich. Selbst schwächere Spieler werden mit der Zeit ein Gefühl dafür bekommen, wie man gegen sie spielt und Anpassungen vornehmen.
Problematisch kann es werden, wenn die eignen Beobachtungen des gegnerischen Spiels zu falschen Schlussfolgerungen führen. Besonders seit dem Aufstieg von GTO-Poker gibt es viele korrekte Spielzüge, mit denen man früher als Fisch abgestempelt worden wäre - Donkbets, winzige Betsizes, ein Check-Raise mit Backdoor Draws, Overbets oder eine Continuation Bet mit einem Underpair - alles Spielzüge, die sich nachweislich als profitabel herausgestellt haben, seit es Solver gibt. Mit diesen neuen Erkenntnissen wird man immer häufiger feststellen, dass der einst als Fisch markierte Spieler eigentlich ein Highstakes-Crusher ist.
Wendet man eine exploitbare Strategie an, sollte man ständig bereit seit Anpassungen vorzunehmen und gegebenenfalls wieder auf eine GTO-basierte Strategie zurückzugreifen. Hierfür ist enorme Konzentration notwendig, weshalb gerade Spieler, die viele Tische gleichzeitig spielen, häufig die GTO-basierte Strategie vorziehen. Insofern ist die richtige Gameselection noch wichtiger als der Spielstil, denn solange schwächere Spieler am Tisch sitzen, wird man langfristig von deren Fehlern profitieren.
GTO für den Fortschritt des Spiels

Beim Anwenden einer exploitbaren Strategie gegen einen schwachen Spieler sollte man berücksichtigen, dass man sich gegen die anderen Spieler am Tisch angreifbar macht. Foldet ein Spieler am Button zu häufig gegen 3-Bets, lässt sich das ausnutzen, indem man ihn mit vielen 3-Bets vom Small Blind konfrontiert. Ein gerissener Spieler im Big Blind könnte dies jedoch erkennen und mit einer erweiterten 4-Bet-Range kontern. Bestenfalls wendet man eine exploitbare Strategie möglichst in einer Heads-up-Situation mit dem schwachen Spieler an, doch die zäheren Gegner am Tisch werden es häufig nicht dazu kommen lassen.
Für die Entwicklung des eigenen Pokerspiels ist es jedoch von Vorteil, auf exploitbare Strategien zu verzichten, auch wenn damit einher geht, nicht jeden Fehler auf den Low-Stakes optimal auszunutzen. Denn erst durch die Entwicklung einer soliden, auf GTO-basierten Strategie eröffnen sich die Tore zum Schlagen höherer Limits.
Zudem bietet ein GTO-orientierter Ansatz Online-Spielern den Vorteil, mehr Tische gleichzeitig zu spielen, da sich nicht auf individuelle Reads angewiesen sind. Denn in den letzten Jahren wurden HUDs von vielen Pokerseiten verbannt, wodurch eine schnelle, auf Reads basierte Entscheidungsfindung erschwert wurde. Durch GTO rücken Reads in den Hintergrund, was einem erlaubt, mehr Tische zu spielen.
Wendet man keine exploitbare Strategie bei einem deutlichen Leak des Gegners an, lässt man Chips auf dem Tisch liegen. Doch je mehr Vertrauen man in seine GTO-Fähigkeiten gewinnt, desto häufiger sollte man sie gegen den gesamten Spielerpool anwenden. Auch wenn man mit GTO, besonders auf den Low-Stakes, einige Spots nicht optimal ausnutzt, sollte es als Investition in den Fortschritt des eigenen Spiels betrachtet werden.
Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr jederzeit auch im neuen Buch von Dara O'Kearney GTO Poker Simplified.