Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Die Grenzen des ICM

Barry Carter hat bereits ein Buch über das ICM verfasst. Heute will er aber sicherstellen, dass jedem bewusst ist, dass man dem Ganzen nie zu 100% trauen kann!

ICM
Das Independent Chip Model ist wichtig, aber nicht perfekt

Falls es jemand verpasst hat, vor knapp zwei Jahren habe ich zusammen mit Dara O'Kearney ein Buch zum Thema ICM veröffentlicht. Das Independent Chip Model ist der wichtigste strategische Gesichtspunkt für einen Turnierspieler und das Modell zu verstehen macht den Unterschied, wenn man an einem Final Table um viel Geld spielt.

Allerdings hat das ICM auch seine Grenzen und mir ist es wichtig, diese aufzuzeigen. Hier sind drei Beispiele dafür, dass das ICM in Turnieren nicht immer die richtigen Antworten liefert und warum man einen besseren Ansatz für die Entscheidungsfindung wählen sollte.

Skill der Spieler nicht berücksichtigt

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Das ICM geht davon aus, dass alle Spieler gleich gut sind

Eine ICM-Berechnung liefert eine Vorhersage für das Abschneiden aller verbliebenden Spieler. Diese wird anhand der Chips der Spieler und für jede Platzierung berechnet. Es spielt keine Rolle, welche Spieler besser oder schlechter sind. Wenn Michael Addamo und ich also die gleiche Anzahl an BBs hätten, wären unsere Stacks nach ICM gleich viel wert.

In den meisten Fällen spielt das keine allzu große Rolle, denn je weiter das Turnier fortgeschritten ist, desto kleiner werden meistens die Skill-Unterschiede. Ein sehr starker und erfahrener Spieler könnte mit einem Stack von 100BB eine Edge von 60% haben, diese würde jedoch auf vielleicht 10% schrumpfen, wenn der durchschnittliche Stack bei 25 Big Blinds liegt.

Es gibt aber Unterschiede im Hinblick auf das Können einzelner Spieler, daher ist ein reiner ICM-Deal an einem Final Table für einen Spieler, der den verbleibenden Teilnehmern deutlich überlegen ist, nie eine gute Idee. 

Die Edge sollte sich auch auf die Range der einzelnen Spieler auswirken. Wenn man dem restlichen Feld überlegen ist, einen großen Stack hat und das Turnier einer langsamen Struktur folgt, dann sollte man seinen Stack auch nicht in marginalen Spots riskieren – selbst wenn genau das vom ICM eigentlich vorgesehen wird. Es ist deutlich sinnvoller als Spieler mit einer Edge auf bessere Gelegenheiten zu warten. Schwächere Spieler oder Akteure mit wenigen Chips sollten derweil einen anderen Ansatz verfolgen: Es ergibt oft Sinn, aggressiver zu agieren, als es das ICM vorschlägt, um Chips zu gewinnen und so wieder mehr ins Spielgeschehen eingreifen zu können.

ICM berücksichtigt nicht die Zukunft

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Das Buch zum ICM von Dara O'Kearney und Barry Carter

Die Berechnungen, die wir im Buch Endgame Poker Strategy zeigen und die meisten Ranges, die ICM-Solver ausspucken, helfen beim Finden der optimalen Entscheidung für eine konkrete Situation. Beispielsweise, dass man mit 18% seiner Hände UTG All-in gehen kann – basierend auf allen Stacks und der Auszahlungsstruktur.

Was bei diesen Berechnungen aber nicht berücksichtigt wird, ist das, was nach der Hand passiert. Das Independent Chip Model bezieht in seiner Kalkulation zum Beispiel nicht ein, dass die Blinds steigen oder man beispielsweise in der nächsten Hand im Big Blind sitzen würde.

Nehmen wir an, man hat 3.000 Chips und der Big Blind beträgt 1.000. Die Shoving-Range könnte hier bei etwa 35% der Hände liegen. Wenn der Big Blind in der nächsten Hand jedoch 2.000 beträgt und man derjenige sein wird, der ihn setzen muss, sollte sich das auch auf die Range in der Hand zuvor auswirken. Die meisten ICM-Berechnungen berücksichtigen genau das nicht. Man sollte in dem Spot also mit mehr als 35% der Hände All-in gehen, weil die Aussicht natürlich nicht allzu grandios ist, in der nächsten Hand automatisch 66% des eigenen Stacks setzen zu müssen. Es kann mehr Sinn ergeben, das Riskio eine Hand vorher einzugehen, wo man zumindest die eigenen Karten noch kennt.

Limitierung bei extremen Shortstacks

Es gibt ein grundlegendes ICM-Prinzip: Je weniger Chips man hat, desto mehr ist jeder einzelne davon wert. Das hat zur Folge, dass man deutlich weniger Hände spielen sollte, als viele Spieler vermutlich denken.

Es gibt jedoch Grenzsituationen, in denen das nicht gilt. Bereits am obigen Beispiel zu zukünftigen Spots hat man gesehen, dass es Sinn ergeben kann, aggressiver und näher am ChipEV zu spielen, als es ein ICM-Solver vorsehen würde. Das gilt jedoch immer in Relation: Wenn man 5 Big Blinds hat, während alle anderen 30 Big Blinds haben, mag ein solcher Ansatz richtig sein. Sollte man aber 5 Big Blinds haben, während alle anderen mit 7 Big Blinds agieren, gilt definitiv das ICM.

Ein extremes Beispiel, warum das ICM aber in derartigen Spots manchmal an seine Grenzen stößt: Bei drei verbliebenen Spielern hat der Chipleader 30.000 Chips, der Zweite 20.000 und der Dritte 10.000. Eine schnelle ICM-Berechnung würde zeigen, dass der Chipleader in 50% der Fälle das Turnier gewinnt und in 15% der Fälle Dritter wird.

Prozentuale Chancen für jede Position
Spieler 1. 2. 3.
Spieler 1 (30K) 50% 35% 15%
Spieler 2 (20K) 33,3% 40% 26,7%
Spieler 3 (10K) 16,7% 25% 58,3%

Aber was wäre, wenn der Big Blind 30.000 Chips betragen würde und alle Spieler somit All-in gehen müssten? Damit der Chipleader in diesem Beispiel Letzter wird, müsste der Drittplatzierte die beste Hand haben und der Chipleader müsste zwei Hände in Folge verlieren. Dieses Szenario passiert in 6,2% der Fälle, nicht in 15% der Fälle. Somit gewinnt der Chipleader das Turnier viel häufiger, als das ICM berechnen würde.

Das ist natürlich ein sehr extremes Beispiel, bei dem das Können keine Rolle spielt. Es ist jedoch nicht so realitätsfremd, wie es sich anhört. Ich befand mich kürzlich am Final Table eines Freerolls mit einer sehr schnellen Struktur. Der Chipleader hatte 4 Big Blinds, während die verbleibenden vier Spieler alle weniger als 2 Big Blinds hatten. Jeder wurde innerhalb eines Orbits zum All-in gezwungen und die Dynamik war der, die ich gerade beschrieben habe, nicht unähnlich.

Das sind zusammenfassend die drei häufigsten Beispiele für die Grenzen, an die das ICM stoßen kann. Aber trotz dessen bleibt es natürlich das mit Abstand wichtigste Konzept, mit dem man sich als Turnierspieler vertraut machen muss. Es bringt das eigene Spiel aber auch immens voran, wenn man auch genau die Einschränkungen des Modells kennt und am Final Table oder beim Anschließen eines Deals berücksichtigt.