So suckt ihr weniger!
Jared Tendler hat ein schlichtes, aber effektives Mantra, damit man mental nicht an seine Grenzen stößt: "Nicht nach Perfektion streben, sondern nach Fortschritt!"

Wenn man eines meiner Bücher gelesen hat, weiß man, dass ich oft darüber spreche, wie wichtig es ist, in Schlüsselmomenten weniger zu versagen. Viele Leser und Klienten von mir lassen mich in der Folge wissen, dass genau dieses Konzept sich als unglaublich hilfreich für sie erwiesen hat – sowohl im Umgang mit schwierigen Situationen als auch für das eigene Selbstbewusstsein. Daher will ich im heutigen Artikel genauer darauf eingehen.
Mein Rat ist ganz einfach: Wenn man sich in einer schwierigen Situation befindet, sei es ein Downswing, mangelnde Disziplin, Verzweiflung oder das Gefühl, gelähmt zu sein und nicht in der Lage, die richtige Entscheidung zu treffen – im Grunde also jede Situation, in der man meilenweit von der eigenen Bestform entfernt ist – sollte man erst einmal nur einen Weg finden, weniger schlecht zu agieren. Wenn man gerade nur sein "C-Game" abliefern kann, ist der Schlüssel zum Erfolg, nur daran zu arbeiten und weniger schlecht darin zu sein.
Der Versuch, weniger schlecht zu sein, befreit sofort von der Last, das Beste geben zu müssen. Wenn man nicht da ist, wo man sein möchte, wird der Weg zum Ziel durch das Wissen, wie weit man davon entfernt ist und den verzweifelten Wunsch, wieder zur Bestform zurückzukehren, noch schwieriger und länger. Weniger zu versagen nimmt die Erwartung, die Bestform zu erreichen, und führt dazu, sich darauf zu konzentrieren, nur ein kleines bisschen besser zu werden – das ist der erste Schritt auf dem Weg zur bestmöglichen Verfassung.
Wenn es schlecht läuft und man sich aber trotzdem durchgehend abmüht, kann die mentale Verfassung sehr darunter leiden. Man kann das Gefühl haben, festzustecken und nicht zu wissen, wie man aus dieser Situation herauskommen soll. Aber etwas Licht am Ende des Tunnels zu sehen, reicht häufig aus, um einen Schub zu bekommen. Zu oft geben Trader, Pokerspieler oder auch Golfer in solchen Momenten die Kontrolle auf und hoffen, dass es schon irgendwie klappen wird.
Der Ausweg in diesen Momenten ist weniger zu sucken. Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung, egal wie verzwickt die aktuelle Situation ist. Hier sind einige Ideen, wie genau man das anstellen kann:
1. C-Game definieren

Nur weil man vor hat, weniger schlecht zu spielen, heißt das nicht, dass man es automatisch auch tut. Zwar ist weder die Idee noch die Anwendung von "weniger zu sucken" kompliziert, aber um es konsequent durchzuziehen, bedarf es einiger Anstrengungen. Zunächst einmal muss man sicherstellen, dass man das eigene C-Game klar definiert hat. Ansonsten ist man nicht in der Lage zu erkennen, wann man handeln sollte. Hat man noch keine Analyse seines A-, B- oder C-Games durchgeführt, ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.
Im Nachhinein ist es sehr leicht zu erkennen, was man hätte anders machen, vermeiden oder überhaupt nicht tun sollen. Aber in den Momenten, in denen die Emotionen hochkochen, ist es leicht, in einen Negativstrudel zu geraten und schlechte Entscheidungen zu treffen. Wenn man weiß, womit man es zu tun hat, kann man sich darauf vorbereiten und besser agieren. Das ist keine komplizierte Aufgabe, aber sie ist unerlässlich, um den nächsten Schritt zu machen und eine Strategie zu entwickeln, die einem die Chance gibt, Fortschritte zu machen.
2. Eine Strategie entwickeln

Nachdem man das eigene C-Game definiert hat, gilt es eine Strategie zu entwickeln, um in der Praxis weniger Fehler zu machen – hier gilt es, sich Zeit zu lassen und herauszufinden, was am besten funktioniert. Sehr oft denken von mir gecoachte Klienten, sie wüssten, was in solchen Situationen funktionieren wird und reagieren frustriert, ängstlich oder niedergeschlagen, wenn es nicht klappt. Solange man nicht weiß, was funktioniert, befindet man sich in einem Prozess des Testens und Lernens.
Wenn man beispielsweise häufig zu früh aus einem Trade aussteigt, kann es sinnvoll sein, noch zwei, fünf oder gar 30 Minuten durchzuhalten. Eine Möglichkeit ist auch 50% des Investments zu verkaufen und mit 50% weiter im Trade zu bleiben, um das Risiko zu reduzieren. Das Wichtigste ist, dass man das Problem auf ein Niveau herunterbricht, das man auch beherrscht. Vielen Pokerspielern fällt es beispielsweise sehr schwer Warmup- oder Cooldownsessions in den Pokeralltag zu integrieren, obwohl jedem bewusst ist, wie wichtig es ist. Häufig fallen diese Dinge aus, weil man entweder zu lange geschlafen hat oder nach einer langen Session, egal ob profitabel oder nicht, einfach die Energie fehlt. In diesem Fall wäre es ein guter Anfang, das Warmup und den Cooldown auf ein paar Minuten zu beschränken.
Der Schlüssel liegt darin, konkret zu skizzieren, was man in diesem Moment tun kann, um voranzukommen. Vielleicht ist es ein so kleiner Schritt, der sich lächerlich anfühlt. Das ist in Ordnung. Weniger zu sucken bedeutet nicht, nach Perfektion zu streben, sondern einfach nach Fortschritt.
Wenn man sich in einer Situation befindet, in der man zum Gambeln oder zur Verzweiflung neigt, sollte man diese unbedingt vermeiden. Das Konzept, weniger Fehler zu machen, kann riskant sein, wenn man versucht, solch gravierende Probleme zu beheben. Der Versuch, selbst kleine Verbesserungen im C-Game vorzunehmen, kann unter Umständen kostspielig werden und bedeuten, dass man den Entwicklungsprozess abbrechen muss, bevor man ihn wirklich testen konnte. In The Mental Game of Poker und The Mental Game of Trading gehe ich ausführlicher auf dieses Thema ein.
3. Stärken um die Schwächen aufbauen

Viele geben nur ungern zu, dass sie Schwächen haben, aber das ist Blödsinn. Nur weil man Schwächen hat, heißt das nicht, dass man nicht auch Stärken hat. Nur wenn man in einigen Situationen sein C-Game spielt, heißt das nicht, dass man nicht trotzdem auch über ein B-Game und A-Game verfügt. Wenn sich das C-Game verbessert, entwickeln sich auch alle anderen Fähigkeiten in die richtige Richtung. Wenn man weniger Fehler macht, schafft man Kapazitäten, um voranzukommen. Aber das erfordert harte Arbeit.
Ähnlich wie im Fitnessstudio sollte man mit einem moderaten Programm beginnen und es mit der Zeit weiter ausbauen. Wenn man gerade erst mit dem Gewichtheben anfängt, kann man nicht erwarten, dass man direkt 120 Kilo auf der Bank wegpumpt. Klein anfangen und mit der Zeit Kraft und Ausdauer aufbauen – so ist man in der Lage, Schritt für Schritt mehr Gewicht zu heben.
Wenn man zum Beispiel dazu neigt, zu tilten, ist die eigene mentale Verfassung sicherlich nicht die beste. Wenn man sich in solchen Momenten auf seine Fähigkeiten konzentriert und versucht, seinen Emotionen nicht zu erliegen, entwickelt man sich schrittweise in die richtige Richtung. Echte Veränderungen und dauerhafte Fortschritte benötigen Zeit, aber dadurch nimmt die mentale Stärke zu. Dieser Prozess ist nicht einfach, aber was ist im Leben schon einfach.
Wenn es einem schwerfällt, weniger zu sucken, bedeutet das, dass die Probleme oder Fehler, die das C-Game verursachen, ausgeprägter sind, als einem tatsächlich bewusst ist. Dann muss man einen Schritt zurücktreten und analysieren, ob man sich auch auf dem richtigen Weg befindet.
Kleine Schritte sind wichtig. Die Fähigkeit, das Beste zu geben, hängt davon ab, wie stark man ist, wenn man gerade eigentlich schwach ist. In diesen kritischen Momenten stärker zu sein oder weniger zu sucken, kann man sich mit der Zeit aneignen.