Im Zentrum steht die Valuebet
Aus den Tiefen des GTO-Labors teilt Barry Carter heute seine Erkenntnisse darüber, wie man seine gesamte Strategie nach den stärksten Händen der Range ausrichtet.
Nachdem ich gemeinsam mit Dara O'Kearney unzählige schlaflose Nächte mit der Recherche für unser Buch GTO Poker Simplified verbracht habe, hat sich bei mir eine entscheidende Erkenntnis besonders eingeprägt: Valuebets bestimmen maßgeblich das gesamte Strategiekonzept.
In diesem Zusammenhang hat Dara mir gebetsmühlenartig eingetrichtert, dass die Strategie für die gesamte Range darauf ausgerichtet werden sollte, wie man das Maximum aus den stärksten Händen herausholen kann. Dabei zeigte sich auch, warum Bluffen überbewertet wird.
Betrachten wir zur Veranschaulichung ein Beispiel. Folgende Tabelle zeigt die Openraise-Range für den UTG-Spieler in einem 6-max-Cashgame mit effektiver Stacksize von 100 BBs:

Die Verteidigungsstrategie des Big Blinds sieht folgendermaßen aus:

Da der UTG-Spieler mit einer deutlich tighteren Range als der Big Blind zum Flop gelangt, ist zu erwarten, dass er seinen Range-Vorteil nutzt, indem er auf dem Flop aggressiv setzt. Dabei stellt sich heraus, dass die C-Bet-Strategie des UTG-Spielers maßgeblich von der Boardstruktur abhängt.
Die Rangebet

Auf dem Flop K♣J♦T♣ checkt der Big Blind zu 100%, während UTG zu 100% setzt, und zwar vorwiegend kleine Bets in Höhe von 33% des Pots. In der Praxis würden die meisten Spieler auf diesem Action-Flop vermutlich größere Einsätze spielen. Der Solver bevorzugt jedoch kleinere Bets, da der Range-Vorteil des UTG-Spielers erheblich ist.
Die Range des UTG-Spielers enthält hier sämtliche Sets, Two Pairs, AA sowie die stärksten Draws A♣J♣ und A♦K♦. Die Range des Big Blinds hingegen enthält kein Overpair, weniger Sets und Straights und zahlreiche Top Pairs mit schwachem Kicker. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Big Blind diesen Flop die meiste Zeit komplett verfehlt, während die Range des UTG-Spielers ganz hervorragend mit diesem Flop interagiert.
In einem realen Szenario sorgt eine große Bet also dafür, dass der Big Blind den Großteil seiner Hände foldet. Daher sollte die Valuebet klein ausfallen, um dem Big Blind die Möglichkeit zu geben, mit schwächeren Händen weiterzuspielen.
Polarisierte Bets

Wie ändert sich die Strategie, wenn der Flop T♦8♠4♠ zeigt? Auch hier checkt der Big Blind zu 100%, der UTG-Spieler spielt allerdings nur noch in 57% der Fälle eine C-Bet und bevorzugt dabei eine 3/4-Potbet, während er in den verbliebenen 43% der Fälle checkt. Was mögen die Gründe dafür sein?
Obwohl der UTG-Spieler immer noch über den Range-Vorteil verfügt und mehr Overpairs hält, befindet sich der Big Blind in einer deutlich besseren Ausgangslage, da er auf diesem Board häufiger starke Hände trifft als im vorherigen Beispiel. Beide Spieler halten gleich viele Sets, doch der Big Blind hält sowohl mehr Paare als auch mehr Draws.
UTG sollte hier auf kleine C-Bets verzichten, der der Gegner zu viele Hände halten kann, die checkraisen könnten. Stattdessen besteht die allgemeine Strategie darin, die meisten mittelstarken Hände wie 66 oder Q8 zu checken, während mit Sets, Overpairs oder starken Draws wie J♠9♠ bevorzugt große C-Bets gespielt werden.
Da die Range des UTG-Spielers weniger starke Hände und mehr Bluffs enthält, sollten hier vorzugsweise größere, polarisierte Bets zum Einsatz kommen. Im ersten Beispiel fällt die Verteilung der Equity zwischen den beiden Ranges nach dem Flop sehr ungleich aus. Auf diesem Flop enthält die polarisierte Range des UTG-Spielers jedoch sowohl sehr starke als auch sehr schwache Hände, während die Range des Big Blinds ebenfalls einige starke Hände enthält. Daher zielen wir darauf ab, mit unseren Valuebets ausreichend entlohnt zu werden, indem wir alle mittelstarken Hände checken und mit starken Händen und Bluffs große C-Bets spielen. In einigen Fällen sieht der Gegner dadurch die Notwendigkeit, einen Bluffcatcher auszupacken.
Der Bluffcatcher

Ein letztes Beispiel, gleiche Situation, aber dieses Mal zeigt der Flop 6♠5♦4♣.
In diesem Beispiel sieht der Big Blind davon ab, ausschließlich zu checken, und spielt stattdessen zu 81% eine kleine Donkbet, die der UTG-Spieler niemals raist. In den seltenen Fällen, in denen der Big Blind checkt, checkt UTG zu 60% ebenfalls, selbst mit Overpairs. Wie lässt sich dieses Vorgehen erklären?
Dieser Flop begünstigt die Range des Big Blinds erheblich, denn im Gegensatz zum UTG-Spieler enthält seine Range sämtliche Straights und Two Pairs. Außerdem trifft der Big Blind viele starke Kombodraws wie 7♣5♣. UTG hält praktisch keine dieser Kombinationen und gerät häufig in schwierige Situationen, wenn er setzt.
Für den UTG-Spieler besteht die beste Chance, mit starken Händen wie AA oder einem Set Sechsen ausbezahlt zu werden, darin, passiv zu spielen. Da der Big Blind auf diesem Board häufig setzt, extrahiert der UTG-Spieler den meisten Gewinn aus seinen starken Händen, indem er seine Line wie einen Bluffcatcher aussehen lässt, ohne Gefahr zu laufen, geraist zu werden.
Obwohl die Ranges in diesen drei Beispielen identisch sind, unterscheiden sich die Strategien je nach Flop erheblich. Das übergeordnete Ziel besteht in allen drei Fällen darin, mit den stärksten Händen die maximale Auszahlung zu generieren. Bei einem klaren Range-Vorteil sollten hochfrequente kleine Bets verhindern, dass der Gegner vorzeitig aussteigt. Wenn nur ein Teil der eigenen Range stark ist, sollten große polarisierte Bets mit starken Händen und Bluffs zum Einsatz kommen, um dem Gegner einige Bluffcatcher zu entlocken. Falls der Gegner jedoch den Range-Vorteil hält, bietet es sich an, ihm das Setzen zu überlassen, um Bluffs aufzudecken und zu vermeiden, geraist zu werden.
Wie holt ihr das Maximum aus den stärksten Händen heraus? Wir freuen uns auf eure Kommentare!