Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Das Stigma des Final-Table-Deals

Dara O'Kearney räumt mit unberechtigten Mythen rund um Final-Table-Deals auf und weist auf entscheidende Denkfehler vieler Pokerspieler hin.

Noch immer kursieren viele unbegründete Vorurteile in Bezug auf Final-Table-Deals. Einige Spieler können nicht nachvollziehen, warum sich jemand beispielsweise auf einen Deal über $30k einlassen sollte, obwohl der Preis für den Sieg stolze $100k beträgt.

In der Regel verstehen Online-Spieler die Auswirkungen von Deals besser als Live-Spieler, da sie häufiger in solche Situationen geraten und sich bewusst sind, dass ihre Ergebnisse an großen Final Tables enormen Einfluss auf ihre Jahresbilanz haben können.

Um zu besser verstehen, warum Online-Spieler möglicherweise eher zu einem Deal bereit sind, betrachten wir dieses hypothetische Beispiel von Jane, einer Spielerin, die in einem Jahr 10.000 Turniere mit einem durchschnittlichen Buy-in von $20 spielt und dabei einen ROI von 20% erzielt. Bei diesem Pensum kann sie jährlich einen Gewinn von $40.000 erwarten.

Angenommen, sie erreicht den Final Table des Sunday Million, könnten die ICM-Werte der verschiedenen Stacks folgendermaßen aussehen:

Platz Stack Potenzielle Auszahlung ICM-Wert
1 20.000.000 $109.974 $61.804
2 17.000.000 $79.473 $57.384
3 14.000.000 $57.434 $52.264
4 12.000.000 $41.507 $48.364
5 9.000.000 $29.996 $41.565
6 7.000.000 $21.678 $36.209
7 6.000.000 $15.666 $33.213
8 4.000.000 $11.322 $26.393
9 2.000.000 $8.182 $18.033

Der Final Table stellt ein neues Turnier dar

Dara O Kearney
Dara O'Kearney 

In diesem Szenario befindet sich Jane auf Platz 5 mit einem durchschnittlichen Stack, dessen ICM-Wert $41.565 beträgt. Nun stellen wir uns die Frage, ob sie einem ICM-Deal zustimmen sollte. Wer dagegen stimmt, sollte sich diese Situation wie ein neues Turnier mit 9 Teilnehmern vorstellen. Janes Buy-in beträgt hier $33.183 (ihr aktueller ICM-Wert abzüglich des garantierten Preisgeldes), während der erste Platz mit $109.974 dotiert ist. Sollte jemand, der im Jahr durchschnittlich $40.000 verdient, wirklich an solch einem Turnier teilnehmen?

Man stelle sich vor, Jane wäre eine Lehrerin mit einem Jahresgehalt von $40.000 und fährt einmal im Jahr ins Casino, um sich für ein $33.000-Turnier einzukaufen. Sollte man sie als guter Freund weiterhin dazu ermutigen oder ihr eher diskret die Nummer einer Spielsuchtberatung zuspielen?

Doch was wäre, wenn Jane sich als Shortstack auf dem 9. Platz befindet? Ihr ICM-Wert würde in diesem Fall rund $18k betragen. Mit einem Deal könnte sie sich augenblicklich zusätzliche $10k sichern, ein Angebot, das viele Spieler vermutlich ausschlagen würden. Auch hier stellt sich die Frage, ob sie $10k für dieses 9-max-Turnier riskieren sollte, als Shortstack wohlgemerkt. Die Antwort sollte klar sein, besonders wenn man berücksichtigt, dass $10k dem 500-fachen ihres durchschnittlichen Buy-ins für Turniere entspricht und sie dafür lediglich einen Shortstack erhält.

Den Geldwert der Chips im Blick behalten

Dara O Kearney
Sollte man seinen ICM-Wert riskieren, um das Turnier zu gewinnen?

Sollte Jane jedoch als Chipleaderin das Feld anführen, beläuft sich ihr ICM-Wert auf $61.804, was im Wesentlichen bedeutet, dass sie sich für $53.622 in dieses 9-max-Turnier einkauft. Obwohl es äußerst unvernünftig klingt, das 1,5-fache des Jahreseinkommens für ein Turnier zu riskieren, sind viele Spieler nicht bereit, einem Deal als Chipleader zuzustimmen. Ihre Entscheidung beruht fälschlicherweise auf der Annahme, dass sie als Chipleader einem geringeren Risiko ausgesetzt sind, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist.

Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, um als Chipleader in dieser Situation auf dem 9. Platz auszuscheiden. Doch ich behaupte, dass jeder Pokerspieler bereits vergleichbare Schreckensszenarien erlebt hat. Ich erinnere mich gut daran, wie ich in Frankreich bei einem High-Roller-Turnier mit 17 verbleibenden Spielern als Chipleader an den Start ging. Mein Kumpel, mit dem ich mir ein Zimmer teilte, goss sich gerade Milch über seine Cornflakes, als ich ging, und versprach, mich anzufeuern, sobald er geduscht und sich angezogen hatte. Drei verlorene 70/30-Situationen später war ich zurück im Hotelzimmer, noch bevor er aus der Dusche kam.

Viele Spieler neigen dazu, den ICM-Wert im Falle eines Deals mit dem Preisgeld für den Turniersieg zu vergleichen und übersehen dabei, wie viel Equity sie beim Versuch, das Turnier zu gewinnen, riskieren. Diese Equity ist jedoch bereits während des Turniers ein Teil des eigenen Vermögens. Bevor man also einen Deal ausschlägt, sollte man sich vergewissern, ob man tatsächlich bereit wäre, den gegenwärtigen ICM-Wert seiner Chips zu riskieren, um das Turnier zu gewinnen. 

Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr auch zuhauf in Dara O'Kearneys neuem Buch GTO Poker Simplified.