Der richtige Umgang mit Rückschlägen
Jared Tendler verrät in einem weiteren Gastartikel wertvolle mentale Strategien für das Spiel im Kopf, um selbst bei Gegenwind unbeirrt auf Kurs zu bleiben.

Rückschläge sind allgegenwärtige und manchmal unvermeidliche Begleiter im Leben eines Traders, Pokerspielers oder Golfers. Das macht sie jedoch nicht angenehmer. Während wir uns größte Mühe geben, voranzukommen, müssen wir die bittere Erfahrung machen, dass Fortschritt und Rückschläge zwei Seiten derselben Medaille sind. Dieser Prozess kann nicht nur demoralisierend wirken, sondern auch das Selbstvertrauen untergraben.
Einige reagieren auf Rückschläge mit dem Versuch, einen Neuanfang zu schaffen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen, nach dem Motto: "Abschütteln und weitermachen." Andere entwickeln eine derartige Entschlossenheit, dass Aufgeben für sie nicht infrage kommt. Obwohl dieses Credo zweifellos Optimismus und Motivation fördert, besteht die Gefahr, dass die tieferen Ursachen für ernüchternde Rückschläge unerforscht bleiben.
Manche Rückschläge lassen sich kaum vermeiden. Stellt euch vor, ihr werdet nach intensiver Zusammenarbeit mit eurem Coach unvermittelt krank oder tretet euren wohlverdienten Urlaub an. Nach eurer Rückkehr scheint es, als seien all die mühsam erworbenen Fähigkeiten wie verflogen, sodass ihr von vorne beginnen müsst.
Die Varianz ist eine unvermeidbare Begleiterscheinung beim Poker und kann den tatsächlichen Fortschritt überschatten. Statt für eure Anstrengungen belohnt zu werden, fühlt ihr euch bestraft, obwohl euch die Auswirkungen der Varianz bewusst sind. In diesen Momenten fällt es schwer, die eigene Arbeit zu würdigen und die kurzfristigen Ergebnisse auszublenden.
Jeder wird früher oder später mit Rückschlägen konfrontiert. In gewisser Weise lautet die Frage also nicht, ob sie eintreten werden, sondern vielmehr, wie geschickt man darauf reagieren kann. Die entscheidende Zielsetzung dabei ist, schnellstmöglich wieder auf die Beine zu kommen und die gewonnenen Erkenntnisse zu nutzen, um zukünftige Rückschläge abzumildern.
Für manche Menschen stellt der Umgang mit Rückschlägen eine erhebliche mentale und emotionale Herausforderung dar, insbesondere wenn dabei der Eindruck entsteht, dass keinerlei Fortschritt erzielt wird.
Wie konnte das passieren?

Stellt euch vor, ihr betretet einen abgedunkelten Raum, dessen Boden mit Löchern übersät ist. Jedes dieser Löcher steht für einen Rückschlag. Solange man die technischen, mentalen oder emotionalen Fallstricke nicht erkennt, werdet ihr letztendlich in sie hineingeraten, höchstwahrscheinlich sogar mehrfach.
Viele meiner Klienten teilen das gleiche Schicksal. Sie sind sich der Faktoren und Einflüsse, die ihren mentalen und emotionalen Zustand beeinflussen, nicht bewusst. Das führt dazu, dass sie wiederholt in bestimmte Muster verfallen, ohne die Ursachen zu verstehen, wodurch es ihnen schwerfällt, diesen Kreislauf zu durchbrechen.
Die Aufgabe eines Coaches besteht darin, diese Muster offenzulegen, um die verborgenen Fallstricke für den Klienten sichtbar zu machen.
Doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass in Zukunft alles reibungslos verläuft. Es wird weiterhin Momente geben, in denen Tilt oder übermäßiges Selbstvertrauen die Sicht trüben, während ein Mangel an Energie oder Fokus ebenso zu Rückschlägen führt. Obwohl die metaphorischen Löcher im Boden zunehmend erhellt werden, besteht weiterhin die Gefahr, einige zu übersehen.
Diese Phase kann besonders herausfordernd sein. Neben dem Ärger über erneute Rückschläge oder enttäuschende Ergebnisse kann sich das Gefühl der Frustration dadurch verstärken, dass man zu diesem Zeitpunkt eigentlich alle Mittel zur Hand hatte, die zugrunde liegenden Probleme frühzeitig zu erkennen und in der Lage gewesen sein sollte, gegenzusteuern.
Zu diesem Zeitpunkt begibt man sich auf neues Terrain und verfügt noch nicht über eine ausgereifte Strategie, um diese Probleme vollständig zu vermeiden. Obwohl man bereits in der Lage ist, die potenziellen Fallstricke zu erkennen, besteht noch keine Gewissheit, sie jederzeit sicher umgehen zu können.
Häufig treten Rückschläge nach besonders erfolgreichen Phasen auf. Ein typisches Szenario wäre ein ganzer Monat voller konsequenter Arbeit, gekrönt durch satte Gewinne, die an einem einzigen rabenschwarzen Tag zunichtegemacht werden. In diesem Moment entsteht das Gefühl, dass alle vorangegangenen Bemühungen umsonst gewesen wären.
Meiner Erfahrung nach ist dieses Szenario oft auf ein übersteigertes Selbstvertrauen zurückzuführen. Viele neigen zur Selbstüberschätzung, nachdem sie intensiv an sich gearbeitet haben, weil sie fälschlicherweise annehmen, alle Probleme bereits in den Griff bekommen zu haben.
Neue Probleme als Zeichen des Fortschritts

Doch es gibt erfreuliche Nachrichten, denn neue Probleme sind ein Zeichen des Fortschritts. Tilt und ein Mangel an Selbstvertrauen wurden von einem übersteigerten Selbstvertrauen abgelöst. Dein Mindset hat sich weiterentwickelt und nun wurdest du von einem neuen Problem ausgebremst. Herzlichen Glückwunsch! Du hast hiermit die nächste Entwicklungsstufe erreicht.
Einige meiner Klienten empfinden stets Furcht vor dem nächsten Rückschlag und sind der Überzeugung, dass genau diese Furcht den Auslöser markiert. Wer gelernt hat, dass unmittelbar auf Fortschritt ein Rückschlag folgt, wird bei jedem Erfolg von Sorge begleitet. Hierbei handelt es sich durchaus um eine rational begründete Sorge. Es ist absolut nachvollziehbar, sich zu fragen, ob die eigene Angst für diesen Misserfolg verantwortlich ist.
Furcht und Ängste beeinträchtigen jedoch die Leistungsfähigkeit. Nach meiner Erfahrung ist das Mindset in dieser Phase entweder noch nicht ausgereift, oder es fehlt das nötige Vertrauen, sich blind auf seine neu erlangten Fähigkeiten verlassen zu können.
Wer für sich bereits eine mentale Strategie entwickelt hat, sollte Rückschläge konsequent nutzen, um auszuloten, wo noch Verbesserungspotenzial besteht. Für alle anderen wird es höchste Zeit, den Umgang mit mentalen Hürden gezielt zu trainieren.
Wie geht es nach einem Rückschlag weiter?

Auch wenn ich Gefahr laufe, sadistisch zu klingen, als Mentalcoach betrachte ich jeden herben Rückschlag als weisen Lehrmeister. Ich wünsche mir sie zwar nicht herbei, doch Fakt ist, dass die gewonnenen Erkenntnisse und die daraus resultierenden Lektionen tiefgreifende Veränderungen bewirken können. Sobald Rückschläge eintreten, nutze ich sie bewusst, um gezielt an meinen Schwächen zu arbeiten.
In besonders schwierigen Phasen fällt es häufig leichter, die volle Tragweite der Situation zu erfassen. Gerade dramatische Rückschläge liefern jede Menge wertvolle Informationen.
Betrachte deine Probleme wie einen brodelnden Vulkan, dessen Ausbruch die entscheidenden Informationen freisetzt, um die Angelegenheit genauer zu verstehen und zu bewältigen. Je gewaltiger der Ausbruch, desto näher kommst du dem Kern des Problems. Die aufsteigende Lava fördert dabei tief sitzende Konflikte zutage. Nun liegt es an dir, sämtliche Details dieses Ausbruchs zu erfassen und daraus eine Lösung abzuleiten. Diese intensiven emotionalen Ausbrüche, sei es Wut, Angst oder Überheblichkeit, sollten genutzt werden, um sich ein klareres Bild von der Situation zu verschaffen.
Nach einem herben Rückschlag ist es entscheidend, zunächst die eigenen Emotionen zu kontrollieren, bevor man die Daten sichtet oder gespielte Hände analysiert. Im aufgewühlten Zustand ist eine selbstkritische Analyse und Selbstreflexion nur schwer möglich. Wer noch glühende Lava beprobt, verbrennt sich die Finger. Stattdessen gilt es, die Daten mit kühlem Kopf zu analysieren, um daraus konstruktive Erkenntnisse zu gewinnen.
Um deine Emotionen zu bewältigen, empfehle ich verschiedene Techniken wie Atemübungen, Achtsamkeitstechniken oder körperliche Aktivitäten. Der zentrale Aspekt besteht darin, deine Emotionen auf ein beherrschbares Niveau zu bringen, damit du genauer untersuchen kannst, was schiefgelaufen ist und warum.
Nachdem du dich beruhigt hast, solltest du versuchen, die Ursachen deines Problems zu identifizieren. In vielen Fällen handelt es sich nicht nur um einen einzelnen Aspekt, sondern um eine Kombination verschiedener Faktoren, wie den unangemessenen Umgang mit Emotionen, strategische Fehler und Überheblichkeit.
Anschließend kannst du beginnen, Strategien zu entwickeln, um zu verhindern, dass diese Probleme erneut auftreten oder zumindest ihren Einfluss minimieren. Dieser Schritt ist entscheidend und erfordert Eigeninitiative, denn nur so gelingt es, Probleme langfristig zu lösen, anstatt nur darauf zu reagieren.
Abschließend sei daran erinnert, dass Rückschläge mit der richtigen Einstellung als mächtige Lehrmeister fungieren können. Sie ermöglichen Einblicke in individuelle Schwächen und bieten die Gelegenheit, Strategien zu entwickeln, um diesen entgegenzuwirken. Man sollte Rückschläge stets als Chance zur Weiterentwicklung betrachten, anstatt sich vor ihnen zu fürchten.
Wie geht ihr mit Rückschlägen um? Wir freuen uns auf eure Kommentare!