Verhandlungsgeschick am Final Table
Dara O’Kearney erklärt, wie sich bei Final-Table-Deals mit psychologischem Feingefühl mehr herausholen lässt, als der reine ICM-Wert hergibt.

Einer meiner Schüler hat mich kürzlich gefragt, wie man Final-Table-Deals aushandeln kann, die den ICM-Wert übersteigen.
Das Geheimnis liegt in einer starken Verhandlungsposition.
Wer als Chipleader verhandelt, sitzt am längeren Hebel – allein durch die Tatsache, dass er massiven Druck auf kleinere Stacks ausüben kann. Mit einem Bigstack empfiehlt es sich daher, in den Gesprächen selbstbewusst aufzutreten, um bessere Konditionen als den nackten ICM-Wert zu erzielen. Sitzt man dagegen als Short Stack am Tisch, sollte man darauf achten, zumindest den fairen ICM-Anteil zu sichern, um nicht zum Bauernopfer zu werden.
Wichtig ist, die unterschiedlichen Motivationen der Beteiligten zu erkennen. Gerade Freizeitspieler, die sich zum ersten Mal auf der ganz großen Bühne wiederfinden, haben häufig gar nicht die Absicht, ihre Equity zu maximieren.
Häufig orientieren sie sich in solchen Situationen an einem Betrag, der für sie persönlich bedeutsam ist – eine Summe, die sie glücklich macht. Das kann ein runder Betrag wie etwa 10.000 Dollar sein, manchmal aber auch das Preisgeld für eine konkrete Platzierung. Wenn zum Beispiel noch fünf Spieler übrig sind und jemand aktuell auf Rang drei liegt, fixiert sich dieser Spieler nicht selten genau auf das Preisgeld des Drittplatzierten, vor allem, wenn die Differenz zu Platz fünf erheblich ist. Solange der Deal seinen Wünschen gerecht wird, ist er meist zufrieden – selbst wenn der Betrag unterhalb seines tatsächlichen ICM-Werts liegt.
Mit Feingefühl mehr herausholen

Selbst gestandene Profis haben mitunter Beweggründe, die sich ausnutzen lassen. 2015 saß ich bei einem WSOP-Event im Heads-up gegen Upeshka De Silva. Er führte mit einem satten 6:1-Chiplead, als das Match vertagt wurde. Kurz darauf erreichte mich eine unerwartete Nachricht: Sein Backer wollte sich mit mir treffen, um über einen möglichen Deal zu sprechen.
Das überraschte mich, denn schließlich ist Pesh ein herausragender Spieler, der später noch zwei Bracelets gewann und zu diesem Zeitpunkt einen komfortablen Vorsprung hatte. Es musste also andere, externe Gründe geben, warum sie seine Equity absichern wollten.
Diese Vermutung bestätigte sich, als wir uns trafen: Ohne großes Taktieren bot man mir sofort einen Deal auf ICM-Basis an. Ich witterte Spielraum. Meine Equity lag laut ICM bei rund $293.000 – also machte ich kurzerhand ein neues Angebot: runde $300.000. Ich spielte dabei den Unbekümmerten: „Ich habe mit dem garantierten Runner-up-Preis von $262.000 ohnehin nicht viel zu verlieren.“
Die Gegenseite hat den Deal ohne nennenswerte Verhandlungsversuche akzeptiert. Erst im Nachhinein erfuhr ich den wahren Grund für ihre unkomplizierte Zustimmung: Pesh steckte tief im Make-up. Wäre mir auf unwahrscheinliche Weise das Comeback gelungen, hätte Pesh trotz zweiten Platzes keinen Cent gesehen, da der gesamte Gewinn seinem Investor zugeflossen wäre. Um das zu verhindern, waren sie bereit, freiwillig auf Equity zu verzichten.
Mein abschließender Rat: Wenn du einen Deal ablehnst, tu es mit Fingerspitzengefühl. Ich habe diesen Fehler zu Beginn meiner Karriere am eigenen Leib erlebt. Bei meinem zweiten großen Final Table war ich bei sechs verbliebenen Spielern klarer Shortstack. Es entbrannte eine Diskussion über einen Deal. Der Chipleader sollte das komplette Preisgeld für den ersten Platz erhalten – eine absurde Idee, zumal er weniger als die Hälfte aller Chips hielt. Mein Anteil lag nur knapp über dem Preisgeld für Platz sechs und deutlich unter dem ICM-Wert.
Ich lehnte das Angebot etwas zu schroff ab, was sich als taktischer Fehler herausstellte. Denn im weiteren Verlauf der Partie wurde recht schnell deutlich, wem meine Kontrahenten den Bust-out am ehesten gönnten.
In unserem Buch Endgame Poker Strategy haben wir folgenden Leitsatz formuliert: „Der einzig wirklich schlechte Deal ist der, den du selbst nicht wolltest.“ Bei zähen Verhandlungen am Final Table solltest du stets für deine Interessen einstehen.