"Donkeyplays und Durchbrüche": Ragen im Interview
"Erfolg ist relativ": Ragen, bester Deutscher der WSOP 2007, ist wieder am Start - und das nicht nur als NL Diamond-Coach, Handbewerter und Moderator. In diesem Interview spricht er über neue Videos, das Leben, Laster und natürlich Poker.

Das Interview führten
funmaker und
garten309
PokerStrategy: Hallo
Ragen! Viele Communitymitglieder werden Dich bereits kennen. Stell Dich doch bitte trotzdem noch einmal kurz vor!
Ragen: Mein Name ist Niklas Heinecker. Ich bin 24 Jahre alt und komme aus der
tollen Stadt Hamburg. Vor circa drei Jahren fing ich an zu pokern, und
spätestens seit 2007 tue ich dies mit recht seriösen Ambitionen.
Ragen im Forum:
NL Beispielhände SH ab 5/10
NL Bigstack- Strategiediskussionen
Videobeispiele:
NL $1.000 - Live
NL $1.000-$2.000
NL $2.000
PokerStrategy: Du hast letztes Jahr bei der WSOP Rang 80 belegt und damit $106.382 in
Empfang nehmen können. Was hat sich seitdem in Deinem Leben verändert?
Ragen: Nicht allzuviel, um ernüchternd ehrlich zu sein. Ich hatte schon
vorher angefangen, höhere Stakes No Limit Hold'em zu spielen und habe
daher nicht, wie einige Spieler dies tun, erst nach meinem dicken
Turniergewinn angefangen, um höhere Einsätze zu zocken. Was für mich persönlich sehr wichtig an diesem Erfolg war, ist eher das Selbstvertrauen
und die daraus geschöpfte, positive Energie.
Versteht mich
nicht falsch: Ich glaube nicht, das es viel heißt, bei einem Turnier weit
zu kommen oder größer zu cashen. Da ich aber irgendwie in dieser
Hinsicht immer noch den ein oder anderen Erfolg vermisst habe, tat mir
das echt gut. Es war sehr schön zu sehen, wieviele Leute mit mir
mitgefiebert haben.
PokerStrategy: Du hast für PokerStrategy letztes Jahr 1k und 2k NL Videos produziert. Seit Kurzem bist Du wieder aktiv und neben Deiner Tätigkeit im Forum auch mit Highstakesvideos dabei. Auf welche Videos dürfen wir uns in der nächsten Zeit freuen?
Ragen: Tja, das kommt stark darauf an, was gewünscht wird, und auf was ich Lust
habe. Ich denke, es geht mehr und mehr in Richtung Sessionreviews, und
das ist auch gut so. Was ich bisher an Reviews gesehen habe, hat mir
gut gefallen. Der Akteur hat mehr Zeit, über seine Erklärungen
nachzudenken. Und das ist gerade beim Multitablen für jeden Videonutzer sehr lehrreich.
Definitiv werden aber auch
wieder einige Videos dabei sein. Ich werde in naher Zukunft auch, wie ihr ja schon erwähnt habt, einige Highstakes in Angriff nehmen.
PokerStrategy: Du spielst schon seit relativ langer Zeit Highstakes. Auf welchem Limit bist Du mittlerweile angelangt?
Ragen: Das geht 'von bis'. Mich hat die Frage 'Welche Stakes spielst Du?' schon
immer ein bisschen gestört. Ich versuche, bei überschaubarer Varianz
meinen EV zu maximieren, um mal wieder etwas zu fachsimpeln. Je höher
die BR ist, desto eher kann man hohe Varianz in Kauf nehmen. Das ist
nicht nur so, weil der risk of ruin beträchtlich sinkt, sondern auch,
weil die psychologischen Hürden sinken - diese sind meiner Meinung nach beim Pokern ganz
massiv. Ich wage also inzwischen auch gerne mal Shots auf
NL20k - wenn die Gegner stimmen. Es kann sein, dass ich ein Spieler auf
NL2k quitte und einen anderen auf NL10k spiele. Diese Aussagen über die
Stakes sind also immer vage.
PokerStrategy: Wie und wann hast Du Deine Pokerkarriere begonnen?
Ragen: Wie schon kurz in meiner knackigen Einleitung erwähnt, spiele ich
seit etwa drei Jahren - stimmt aber nicht ganz, denn eigentlich spiele ich
schon etwas länger. Ganz zu Anfang, das war im Februar 2005 - wow schon
ziemlich lange her - habe ich recht fleißig alle paar Wochen Geld auf
bet and win eingecasht und wieder verblasen. Zu PokerStrategy bin ich dann am Ende
des Jahres gekommen. Ich denke, zu dem Zeitpunkt war ich auf den Microstakes bereits ein
passabler Spieler. PokerStrategy hat mich schon
definitiv gepusht. Stakes wie NL50 oder NL100 hab ich dann Anfang 2006
geschlagen.
PokerStrategy: Hast Du damals schon geglaubt, beim Pokern erfolgreich zu werden?
Ragen: Nein.
Wer kann das von sich sagen? Das wäre eine ziemlich unverünftige
Selbsteinschätzung, denke ich. Ich habe jedoch schon ein paar ganz
hilfreiche Vorraussetzungen mitbekommen, und ich war vernarrt in das Spiel - und das
ist für so ein Riesenprojekt immer gut.
PokerStrategy: Wann hast Du realisiert, dass man mit Pokern gutes Geld verdienen kann?
Ragen: Hmm, verliebt in den Gedanken war ich schon 2005, aber das ist wohl
jeder Spieler, ohne dass er wirklich daran glaubt. Ich denke, diese
ganze materielle Entwicklung in denen einem die möglichen Dimensionen klar
werden, ist bei mir 2006 abgelaufen. Ich hab damals
sehr vernarrt gespielt, sehr, sehr viel ausprobiert, diskutiert, viel
geshottet. Ich war kein allzu guter Spieler, aber ich habe recht
schnell um höhere Summen gespielt. Wahrscheinlich hatte ich auch etwas
Glück auf den niedrigeren Stakes. Und ich hatte trotz einer mageren
Basicstrategie einen gesunden Blick auf das Spiel. Dieses ständige Trial and Error hat mir im Endeffekt die Vorraussetzungen geschaffen,
um 2007 ernsthaft mein Ding durchzuziehen.
PokerStrategy: Letztes Jahr war Dein Ziel, dieses Jahr die WSOP zu gewinnen. Das ist
wohl nur verschoben. Was hast Du sonst noch für Pokerziele in der
näheren Zukunft?
Ragen: Habe ich das gesagt? Ihr dürft mich wohl nicht so ernst nehmen. Ich will
mit dieser Tätigkeit Geld machen. Klar ist das Spiel faszinierend und
kann Spaß machen. Man kann sich gut messen, und es setzt zum Teil angenehm
viel Adrenalin frei. Jeder, der mal richtig eklig gegrindet hat -
der Downswing und Upswing, Upswing und Downswing hatte - weiß jedoch, wie stark das Spiel an die Nerven gehen kann. Das ist für jemanden,
der das nicht miterlebt hat, schwer vorstellbar. Es kann hart nerven, es ist nicht immer Spaß. Ich will also irgendwann den Kopf davon frei haben, richtig
Ferien von Poker machen, und nicht nur ein paar Tage, an denen es nicht
so gut klappt. Bis dahin muss ich gut daran verdient haben.
Kurzfristig betrachtet ist mein Ziel also, immer besser zu werden - in keine der psychologischen Fallen mehr tappen, nicht zu hoch
zu shotten, nicht zu hart und zu lange zu tilten oder Sonstiges. Longterm
versuche ich, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel aus dem System zu
ziehen.
PokerStrategy: Nach der WSOP 2007
wurde die Öffentlichkeit verstärkt auf Dich aufmerksam, und Du hast
viele Interviews gegeben. Ist es ein schönes Gefühl im Mittelpunkt zu
stehen, oder wird Dir das auf Dauer auch zuviel?
Ragen: Keine Ahnung, ob es auf Dauer zu viel wird, lange angedauert hat es nicht.
Es ist ein schnelllebiges Geschäft. Einige gute Spieler sind vielleicht
etwas aufmerksamer geworden. Wenn diese dann positiv über mein Spiel
urteilen oder mir auf Pokerebene Respekt entgegenbringen, freut mich
das. Fame, obwohl man es nicht verdient hat, obwohl man nicht gut spielt,
ist nicht viel wert.
Trotzdem noch mal der Ehrlichkeit halber: Ab
und an steh ich schon ganz gerne im Mittelpunkt, das ist zwar sehr stimmungsabhängig, aber manchmal macht es mir Spaß, selbst wenn ich es oftmals
nicht ernst nehmen kann.
PokerStrategy: Du hast in einem Deiner Interviews erwähnt, dass Dir durch die immer
produktiveren Foren und Mitglieder auf PokerStrategy einige Spieler mit
Rat und Tat zu Seite stehen. Wer ist da speziell zu erwähnen, und warum
berätst Du Dich gerade mit diesen PokerStrategen?
Ragen: Ganz zu Anfang hab ich
sehr viel mit
sammy gechattet, damals 2006. Ich hab ihn immer wieder
wie ein kleiner Junge angeschrieben und wollte Sachen wissen, seine
Gedanken zu Lines hören und so weiter. Dann hab ich viel gepostet und hab mit quasi
jedem diskutiert, der halt darüber reden wollte. Mit der Zeit hat
sich das aber mehr und mehr auf echte Face-to-Face-Gespräche verlagert.
Warum,
ist eine gute Frage. Ich denke, ich mag diese etwas emotionaleren
Diskussionen übers Pokern einfach wesentlich lieber. Da kann man
glücklichweise nicht so gut gequotet werden. Momentan sind meine
Gesprächspartner Leute wie
Morgoth, Sebastian Ruthenberg, Cort
Kilber-Melby, Nasr El-Nasr oder 
Dabei muss man nicht immer die gleichen Stakes spielen, alleine Fragen
nach den Lines gestellt zu bekommen et cetera, kann das eigene Spiel pushen.
Ich
bin inzwischen eher so eine Art Anlaufstation für einige Freunde, die
viele von diesen Fragen stellen, und denen ich gerne helfe. Gruß hierbei
nochmal an die beiden, die mich zum Pokern gebracht haben, 

PokerStrategy: Spielst Du eigentlich mittlerweile lieber Tournaments oder Cashgames, und favorisierst Du eher Online-Poker oder Live-Poker?
Ragen: Na, da ist er ja, der Klassiker. Also, ich komme aus der Online-NL Hold 'em Ecke, und die gefällt mir auch am besten.
Online
heißt mehr Hände, mehr Lerneffekt, weniger Ego, mehr Action. Live kann
ab und an richtig lustig sein, aber alles in allem erwischt man zu oft
langweilie Fold-Sessions. Turniere spiele ich fast lieber als
Cashgames, aber die sind nicht gut für meine Nerven, da raste ich
regelmäßig aus. Hinzu kommt, dass sie einfach unprofitabler sind. Tourneys mit
dicken Buy-ins sind toll - wenn es jeden Abend 500er und 1000er Turniere
mit vielen Teilnehmern geben würde, wäre ich dabei. Dieses muss man
jedoch wiederum Live-Turnieren zu Gute halten - die Buy-in-Höhen sind sehr viel
ansprechender.
PokerStrategy: Was sind Deiner Meinung nach die wichtigsten Fähigkeiten, die ein
Pokerspieler mitbringen muss, um erfolgreich zu sein?
Ragen: Ah, schöne Frage. Erstmal, um das Ganze in den Streberrahmen zu
setzen: Erfolg ist relativ. Will jemand NL25 schlagen, sind andere
Attribute dominierend als auf dem Weg zu NL2k. Will jemand die Highstakes schlagen, würde ich sagen Intellekt. Intellekt hat mit Abstand den
wichtigsten Stellenwert. Da jeder sich für schlau hält,
dürfte ich hiermit ja niemanden abschrecken. Sehr wichtig sind Logik,
Psychologie, eine Prise vom Virtuosen. Man muss für
Meinungen von anderen Leuten sehr offen sein und ab und an sein Ego
zurückschrauben.
PokerStrategy: Was sind Deine
Stärken?
Ragen: Was meine Stärken sind. Tja, wesentlich schwerer zu sagen.
Also erstens halte ich mich für schlau...;) Nun, ich denke, meine
günstigste Eigenschaft ist, dass ich mir keine künstlichen Hürden
setze. Ich versuche fast alles zu hinterfragen, was im Pokern passiert.
Das führt oftmals zu Donkeyplays, aber auch oftmals zu kleinen
Durchbrüchen, die einem keiner mehr nehmen kann. Viele denken, ich würde sehr
aggressiv spielen, aber da bin ich mir nicht so sicher. Ich glaube, ich kann
meine Strategie gut den Gegebenheiten anpassen und habe ein ganz gutes
Gefühl für meinen Gegner entwickelt. Schwächen liegen bei
Konzentration, Fleiß, zum Teil meinem Ego und spezifischen Reads.
PokerStrategy: Kommen wir zum Privaten: Was macht Dein Wirtschaftsmathematik-
studium?
Ragen: Es plätschert...
PokerStrategy: Womit vertreibst Du Dir Deine Freizeit, wenn es mal nicht um Pokern geht?
Ragen: Ich schlafe zuviel. Seit letztem Jahr bin ich sehr viel unterwegs,
das kann zum Teil richtig nerven. Ich versuche, etwas Kraftsport zu machen
und ab und an zu joggen, aber meine Faulheit terminiert diese Gedanken
meistens schon auf dem Weg zur Tür. Ich gehe oft feiern.
PokerStrategy: Gibt es etwas, das Du zum Schluss noch sagen möchtest?
Ragen: Nö.
PokerStrategy: Vielen Dank für das Interview, und wir wünschen Dir weiterhin viel Erfolg und alles Gute!
Ragen: Danke, es hat Spaß gemacht!