"Profitmaximierung sollte nur ein Nebenprodukt sein"
Unser langjähriger Coach und Physik-Student produziert zurzeit Premium-GTO-Content am Fließband und hat spannende Projekte in der Pipeline. Was genau, erfahrt ihr im Interview.
Da er auf besonders interessante Themen sehr ausführlich geantwortet hat, haben wir das Interview in zwei Teile gesplittet. Viel Spaß mit dem ersten!
Vielen Dank, dass du bei diesem Interview dabei bist Samy89! Stell dich doch kurz für die zwei oder drei User vor, die dich noch nicht als einen unserer langjährigen Pokercoaches kennen.

Samy89: Danke für die Einladung. Ich werde in meiner Umgebung meistens Chris genannt, höre aber auch auf den Namen Samy bzw. SamyBaem. Vor einigen Monaten bin ich 30 Jahre alt geworden und befasse mich primär in meinem Leben mit Naturwissenschaften, KI, Spieltheorie und Kunst. Studiert habe ich Physik und verfasse nach einer dreisemestrigen "Pause" aktuell meine Masterthesis in theoretischer Physik über "Spieltheorie und Clustering in imperfekten Spielen", zu denen auch Poker zählt.
Was würdest du als Grund nennen, warum du so lange beim Poker geblieben bist und dich vor allem immer noch so intensiv mit der Spieltheorie beschäftigst?
Samy89: Das sind bei mir und wie bei den meisten anderen wohl auch dynamische Gründe. Ich bin seit etwa 10 Jahren dabei. In den ersten drei Jahren lag der einzige Beweggrund darin, ein gewisses Maß an finanzieller Unabhängigkeit zu gewinnen. Ich komme aus einer liebevollen, jedoch finanziell armen Familie, sodass Arbeit in der Jugend für mich als ein Symbol für Leid und Freiheitsberaubung visualisiert wurde. Dadurch getriggert habe ich also versucht alternative Wege zu finden, um an Geld zu gelangen. Ich war damals aktiv in der Counterstrike-Szene tätig und wurde von einem Teammitglied angesprochen, dass ich es doch mal mit diesem Poker versuchen sollte.
Als mein Studium begann, grindete ich aktiv NL100. In dieser Phase hatte ich eine Winrate von ca. 4-5BB/100 und konnte davon neben dem Studium super chillig leben. "Mit einer seidenen Unterhose morgens 6 Uhr aufzustehen, um zu joggen ist nicht leicht", würde Mike Tyson wohl zu dieser Phase sagen und so grindete ich meine 30-40K Hände pro Monat, wurde "zufrieden" und stagnierte. Wie so oft erkennt man erst im Nachhinein, dass man dadurch einiges an Potenzial vernichtet hat. Dafür hatte ich mehr Energie für das Studium und konnte mich zumindest dort weiterentwickeln. Als ich den Bachelor in der Tasche hatte, begann die erste Studienpause, um mich 6 Monate lang voll auf Poker fokussieren zu können und nebenbei das Streamen zu starten, was mir ebenfalls sehr viel Postmaterialistisches gegeben hat.
"Turniere wirken nur lukrativ"

Durch das Studium und die freie Zeit begann ich Poker anders wahrzunehmen, als ich es vor und während des Studiums tat. Es erschlossen sich für mich die Zusammenhänge zwischen den Prinzipien der Natur und der Spieltheorie, die mich bis heute begeistern. Daraus entwickelte sich das Interesse, ein Modell basierend auf den Theorien der Physik zu bauen, welches sich dann in imperfekten Spielen anwenden lässt. Das war vor etwa 16 Monaten und vier bis fünf Monate später habe ich das Basteln abgeschlossen. Zu dieser Zeit war ich nicht mehr an der Uni eingeschrieben, weswegen ich es einem Professor der theoretischen Physik von der Uni Köln vorstellte, der mir glücklicherweise einen Platz in seiner Arbeitsgruppe gab, um das Ganze als Masterthesis und eventuell auch als Paper veröffentlichen zu können. In dieser Zeit spielte ich Poker durchweg mit der Befriedigung mein Wissen anwenden zu können und verlor den Geldaspekt nahezu komplett. Ich vermute für die Zukunft, dass sich dieser Trend in meinem Kopf durchsetzen wird. Interessanterweise spielte ich zu diesem Zeitpunkt Limits, für die ich ein paar Jahre zuvor mental wohl nicht bereit gewesen wäre. Das wurde durch eine Investmentgruppe realisiert, was wiederum für meine zukünftigen Projekte und die gewünschte finanzielle Freiheit sehr hilfreich war.
Vor allem aus mentaler Sicht möchte ich deswegen empfehlen, den Fokus allein auf die eigene Entwicklung zu setzen und die Maximierung des Profits als Nebenprodukt dieses Ziel zu sehen. Das ist eine dieser Aussagen, die vor allem dann an Bedeutung gewinnen, wenn man sie auch fühlt, anstatt es "nur" zu wissen.
Was spielst du denn zurzeit, wenn du dich an die Pokertische begibst?
Samy89: NL200+ und je nach Höhe der Stakes gebe ich auch einen Teil der Prozente meiner Action ab.
Wie kommt es, dass du nie zu Turnieren als primäre Variante abgewandert bist? Ein theoretisch versierter Spieler wie du sollte doch gerade in diesem Bereich seine Edge gut ausspielen können?
Samy89: Danke für die netten Worte. Turniere wirken lukrativ, da man von den großen Cashes mehr mitbekommt als vom alltäglichen Grind. Lex Veldhuis beispielsweise, der einen ziemlich hohen durchschnittlichen Buy-in hat und 120 Stunden im Monat grindet, kommt auf etwa $10.000 pro Monat mit starken Schwankungen. Netto ist das dann im Vergleich gar nicht mehr so berauschend und den gleichen Output bekommt man als motivierter NL200/NL400-Grinder ebenfalls zusammen. Also bleibe ich grundsätzlich lieber bei Cashgames, auch wenn ich ab und zu auch ein größeres Turnier mal gerne mitnehme.
"Lifestyle of the Pinguin"

Gibt es eigentlich ein Lieblingsvideo oder Projekt von dir bei PokerStrategy.com, wo bei dem besonders zufrieden mit deiner Arbeit warst?
Samy89: Am meisten Liebe habe ich in das Pinguin-Projekt gesteckt. Ich habe unzählige Stunden damit verbracht, Lernmodelle zu konzipieren, um komplexe Themen stark vereinfachen zu können. Das hat übelst Spaß gemacht, da wir als Gruppe einen sehr starken und familiären Zusammenhalt hatten, den ich so noch nicht im Leben kennengelernt habe. Ich denke, dass dieses Projekt stark dazu beigetragen hat, überhaupt einen Stream zu starten. Ein Freund sagt zu meinem Lebensstil "Lonely Ranger", da ich der Typ bin, der seine "Sachen" generell allein bewältigt. Der Stream zeigte mir, dass es auch sehr geil sein kann, mit Gleichgesinnten an einem Projekt zusammen zu arbeiten. Ich habe das komplette Team von Poker Scientist zum Beispiel durch den Stream kennengelernt. Aktuell streame ich recht sporadisch. Das liegt aber nicht an der Lust, sondern allein an der begrenzten Zeit, die wir haben. Prinzipiell kann ich mir aber durchaus vorstellen, in Zukunft das Streamen wieder ernsthafter zu forcieren.
Das war es mit dem ersten Teil unseres großen Interviews mit Samy89. Beim nächsten Mal geht es mit dieser interessanten Frage weiter:
Wie erwähnt arbeitest du mit dem Team von Poker Scientist aktuell an einer Software mit demselben Namen. Um was für ein Tool handelt es sich dabei?
Wer bereits jetzt etwas mehr über Poker Scientist erfahren will, findet hier den Instagram-Auftritt der Entwickler samt Link zur Website des Projekts.

