WSOP Player of the Year: Ist die Wertung noch fair?
Während ein zweifacher Braceletsieger auf Rang 25 und der bisher größte Gewinner auf Rang 79 geführt werden, liegt ein Spieler mit einigen Mincashes aktuell auf Platz 4.
Das bisher größte Gesprächsthema rund um die World Series of Poker 2017 ist die überarbeitete Wertung beim "Player of the Year"-Race. Zum Zeitpunkt des Schreibens befindet sich David Bach, der in diesem Jahr als erster Spieler zwei Bracelets gewinnen konnte, auf Rang 25 mit 301,79 Punkten. Doug Polk rangiert aktuell sogar nur auf Platz 79 mit 231,70 Punkten, obwohl er das bisher größte Preisgeld mit $3.686.865 gewinnen konnte. Aditya Agarwal ist derzeit hingegen Vierter mit 387,99 Punkten, obwohl er abgesehen von einem Final Table, den er auf Platz 9 beendete, lediglich sechs Mincashes für sich verbuchen konnte. Gesamtführender ist Pablo Mariz mit 459,41 Punkten nach seinem Triumph beim Millionaire Maker, einem zweiten Platz in einem Tag-Team-Event und zwei weiteren Mincashes.
Wer die offizielle Seite zum WSOP Player of the Year aufruft und mit dem Punkterechner experimentiert, erkennt schnell, dass beim neuen Algorithmus vor allem der ROI stark gewichtet wird. Obwohl Polks One-Drop-Erfolg das bisher größte Preisgeld beim gleichzeitig härtesten Teilnehmerfeld bedeutete, nahmen vergleichsweise wenige Spieler am Event teil, was entsprechend auch den ROI verringert hat. Ähnlich sieht es bei David Bach aus, der zwar zwei prestigeträchtige Mixed-Game-Events gewinnen konnte, sich jedoch nur gegen 150 und 364 Spieler durchsetzen musste. Mariz hingegen konnte zwei sehr gute Ergebnisse in Turnieren mit 843 und 7.761 Spielern erzielen.
Grundsätzlich kann man natürlich schlecht gegen ein System argumentieren, dem es gelingt, die Buy-in-Höhe vor allem mit Blick auf die High-Roller-Events nicht überzubewerten. Auch wenn Fedor Holz selbstverständlich ein überragender Spieler ist, bedeuten Erfolge bei einer Reihe von Super High Rollern letztendlich den Gewinn von mehreren Turnieren mit kleinen Teilnehmerfeldern. Uns beeindrucken vielmehr die Höhe des Preisgelds und das hohe Niveau der Konkurrenz bei diesen Turnieren, keinesfalls aber die Größe der Teilnehmerfelder.
Das POY-Race wird zugänglicher
Die Änderungen an der Wertung beim "Player of the Year"-Race haben zur Folge, dass nun erstmals auch gewöhnliche Spieler oben mitmischen können, die sich weder das Spielen von zahlreichen Events leisten können noch ausgewiesene Experten im Bereich Mixed Games sind. In diesem Jahr könnte das Race ein bisher völlig unbekannter Spieler gewinnen, was die Zugänglichkeit von Poker für jedermann, was das Kartenspiel ja mitunter so attraktiv macht, sehr gut widerspiegelt.
Der Hauptpreis für den Gewinner (ein €10.000-Seat bei der WSOPE 2017 und ein $10.000-Seat bei der WSOP 2018) wird einem aufstrebenden Spieler ohnehin deutlich mehr bringen, als den Hellmuths und Negreanus der Szene, die das Race eher aus Prestigegründen versuchen zu gewinnen.
Dennoch wirkt es etwas absurd, wenn David Bach zwei angesehene Mixed-Game-Championships gewinnen kann und dennoch mehr als 20 Plätze hinter einem Spieler eingereiht wird, dessen bestes Resultat ein 9. Platz ist. Der strittige Punkt bei der Bewertung ist die Frage, was schwieriger ist: der Sieg bei einem großen oder bei einem hochkarätig besetzten Teilnehmerfeld? Man kann sicherlich annehmen, dass Daniel Negreanu oder Phil Ivey eher zwei Non-Hold'em-Events gewinnen würden, anstatt ein einziges $1.500-No-Limit-Event mit mehr als 3.000 Spielern. In einem solchen Turnier gilt es deutlich mehr entscheidende Situationen zu überstehen, auch wenn die durchschnittliche Stärke des Tischs erheblich schwächer ausfällt.
Ist die neue Wertung tatsächlich fairer?
Die Wertung ist sicherlich "fairer", wenn man berücksichtigt, wie wenig ein Spiel wie Razz oder 2-7 Single Draw außerhalb der WSOP gespielt wird oder wie allgegenwärtig No-Limit Hold'em ist. Wenn in 99% aller Pokerpartien No-Limit gespielt wird, ist es vermutlich nicht richtig, wenn ein Spieler "Player of the Year" aufgrund seiner Leistung in weitaus weniger verbreiteten Pokervarianten werden kann.
Bei der WSOP wird jedoch seit jeher Poker in all seinen Formen gefeiert, darunter auch die Geschichte von Poker. Zudem ist Vielseitigkeit und die Meisterung vieler Varianten eine beachtliche Leistung und mit der Grund, warum die Players Championship derart begehrt ist. Auch wenn ich schon immer mehr auf der Seite des kleinen Mannes anstatt des Profis gestanden habe, muss man zugestehen, dass ein Sieg bei einem Non-Hold'em-Event stets etwas Besonderes und "Echtes" hat.
Die größte Sorge bei der neuen Bewertungsformel ist, dass den Turnieren mit riesigen Teilnehmerfeldern deutlich zu viel Bedeutung zukommt. Man kann davon ausgehen, dass die Sieger des Main Event, Colossus und des Millionaire Maker am Ende auch beim Race ganz oben vertreten sein werden. Ein einzelnes Resultat sollte jedoch nicht den "Player of the Year" bestimmen. Der Award sollte an den Spieler gehen, der über die Turnierserie hinweg durchgehend am meisten Erfolg hatte. Jeder hätte es sicherlich ziemlich irritierend gefunden, wenn man Jamie Gold 2006 zum Player of the Year gekrönt hätte.
Ich wäre jedoch ein Heuchler, wenn ich mich komplett gegen die neue Formel aussprechen würde, da ich schon immer der Meinung war, dass Poker so zugänglich wie möglich sein muss. Dass das Race nun von deutlich mehr Spielern als zuvor gewonnen werden kann, spiegelt genau das wider. Vielleicht bedarf es aber noch einiger kleinerer Anpassungen, was die Wertung von ersten Plätzen und mehreren Siegen betrifft. Vielleicht macht ja auch ein zweites Race für Events mit einem Buy-in ab $10.000 Sinn.
Ich unterstütze also die Wertungsanpassung, aber dennoch fühlt es sich irgendwie nicht richtig an, wenn David Bach schon derart weit unten im Ranking positioniert ist.
Wie sollte eurer Meinung nach das "Player of the Year"-Race bei der WSOP gewichtet werden? Welcher Faktor ist entscheidend? ROI, Höhe des Buy-ins, Vielseitigkeit oder Stärke des Teilnehmerfelds?


