Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Zum Profi werden als älterer Spieler mit Dara O'Kearney

Wir unterhalten uns mit einem der erfolgreichsten irischen Online-Turnierspieler über den Schritt zum Pokerprofi mit 42 Jahren und das Desinteresse der Pokerindustrie an älteren Spielern.





Dara O Kearney Poker
Dara O'Kearney

Du bist einer der erfolgreichsten Online-Turnierspieler, die Irland über die Jahre hervorbringen konnte, und bekannt für deinen von Unibet gesponserten Chip Race Podcast. Am beeindruckendsten bei deiner Laufbahn ist jedoch, dass du das Spiel erst sehr spät in deinem Leben erlernt hast. Man trifft immer wieder auf Vorurteile, was den Skill von älteren Pokerspielern betrifft. Ist da deiner Meinung nach etwas dran? Sind ältere Spieler im Normalfall schlechter als die jüngere Garde?

Dara O’Kearney: Ich verstehe natürlich, dass ich etwas aus der Masse heraussteche, und ich glaube tatsächlich, dass es neben dem tatsächlichen Alter so etwas wie ein Pokeralter gibt. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich mich vor Jahren einmal mit einem deutschen Spieler bei der WSOP herumgetrieben habe. Der hatte sich in ein Razz-Event gestürzt, wo am Tisch auf einmal nur ältere Leute gesessen haben und meinte dann zu mir: "Ich gehe erstmal davon aus, dass das alles keine guten Spieler sind, denn wenn das nicht der Fall wäre, hätte man mittlerweile ja etwas von ihnen gehört". Ich denke, da ist etwas dran. Im Normalfall kennt man die guten Spieler der älteren Generation.

Es stört mich aber sehr, dass das aktuelle Marketing beim Poker nur darauf ausgerichtet ist, dass man junge Leute zum Spielen bringt und das scheinbar alles ist, was zählt. Man muss sich mal überlegen, was man eigentlich braucht, um Online-Poker zu spielen. Viel Zeit und genug Geld. Wer hat das? Leute im Ruhestand haben das. Trotzdem entfremden sich die aktuellen Marketingkampagnen eher von älteren Spielern. Das sieht man vor allem bei den Live-Events für Senioren. Viele dort sehen Online-Poker sehr skeptisch. All die Skandale rund um Collusion, Scams, Full Tilt und UltimateBet, das alles macht bei der älteren Demografik einen sehr schlechten Eindruck. Und es scheint, als würde die Pokerindustrie keinerlei Anstrengungen unternehmen, um das zu ändern.

"Online-Poker hat ältere Spieler ignoriert"

Chip Race Podcast
"Ältere Spieler haben Zeit und Geld"

Die Reaktion zu John Hesp im letzten Jahr bestätigt deine Sicht. Es scheint einen großen Unterschied zu geben zwischen dem, was Kunden tatsächlich wollen, und dem, was Anbieter denken, das sie wollen.

Dara O’Kearney: Die Story rund um John Hesp war brillant. Dass jemand ein normales Leben führen kann (ohne 18 Stunden am Tag mit irgendwelchen Solvertools zu arbeiten) und sich dann trotzdem auf den Weg nach Vegas machen kann, um im Finale des größten Turniers der Welt eine gute Rolle zu spielen, ist genau das, was wir brauchen. Das ist eine Story, mit der man Poker sehr einfach verkaufen kann. Ganz im Gegensatz zu der Vorstellung, dass man schon mit 21 Jahren damit anfangen muss, um 2 Millionen Hände zu grinden und täglich 20 Stunden am Tag in die Spielanalyse zu stecken. Wenn ich ein Senioren-Event spiele und erzähle, dass ich auch online spiele, werde ich immer gefragt, warum ich mir das überhaupt antue. So wird Online-Poker aktuell den älteren Menschen verkauft, statt ihnen zu verdeutlichen, dass es an sich eine tolle Freizeitbeschäftigung ist. Ich denke, dass ein Pokerraum, der sich gezielt auf ältere Spieler ausrichtet, ziemlich gut funktionieren könnte.

Dein Sponsor Unibet hat schon beim Marketing gegenüber weiblichen Spielern neue Wege beschritten.

Dara O’Kearney: Das stimmt und im Grunde muss man das Spiel der älteren Demografik genauso verkaufen, wie man es bei der weiblichen macht. Das könnte sogar noch besser funktionieren, denn ältere Menschen haben nun mal mehr Zeit und meistens auch mehr Geld zur Verfügung.

Wenn man sich in Vegas umschaut, ist vieles auf ältere Menschen im Ruhestand ausgerichtet. Das hat man dort verstanden. Man bringt die Rentner teilweise mit Bussen in die Stadt. Beim Online-Poker hat man diese Klientel aus irgendeinem Grund vollkommen vergessen.

"Das Mindset der Selbstständigkeit"

Dara O Kearney Poker
"Sicherheit durch Flexibilität"

Es mag für einen 21-Jährigen jedoch einfacher sein, eine Profilaufbahn einzuschlagen, da man noch keine Karriere hat, die man aufgeben müsste. Das dürfte das Schwierigste gewesen sein, wenn man diesen Schritt wie du mit 42 Jahren wagt, oder?

Dara O’Kearney: Ich entsprach aber ohnehin nicht dem Standard, denn ich war damals bereits selbstständig. Mein Berufshintergrund ist Elektronikingenieur, was mich zunächst in die Softwareindustrie gebracht hatte, bevor ich mit Ende 20 dann mein eigenes Softwareunternehmen geführt habe. Das hatte zwei Vorteile, denn ich musste mich schon damals immer aktiv reinhängen, damit aus dem Ganzen auch etwas wurde, und ich war in der Lage mehr Geld anzusparen, sodass ich beim Poker später über ein gutes Polster verfügen konnte.

Im Grunde bin ich Poker zunächst mit dem langfristigen Ziel angegangen, um es zum ersten Hobby meiner Wahl zu machen, statt damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich war damals auch als Ultra-Marathonläufer aktiv und befand mich unter den besten 15 Läufern weltweit. Mir war aber klar, dass ich das nicht ewig machen könnte. Als ich dann Poker im Fernsehen gesehen habe, wollte ich dort eine Laufbahn einschlagen, denn es war offensichtlich körperlich deutlich weniger fordernd. Der langfristige Plan war, dass ich etwa sechs bis sieben Jahre brauchen würde, um wirklich gut in dem Spiel zu werden. Allerdings lief es für mich sowohl live auch als online direkt zu Beginn derart gut, dass ich knapp ein Jahr, nachdem mir mein Bruder erklärt hatte, was eigentlich ein Flop ist, mit Poker mehr Geld machen konnte als mit meinem eigentlichen Job. Der Schritt zum Profi erschien daher logisch. Ich hatte ohnehin ein Geldpolster und wenn es nicht gut lief, hätte ich auch nach einem Jahr zurück in die alte Karriere gehen und das Geschäft wieder aufbauen können.

Nun bist du wohl noch selbstständiger als zuvor, als du noch deine eigene Firma geführt hattest. Ich bin selbst seit längerer Zeit schon selbstständig und hatte stets Sorge, dass es zu einem weiteren "Black Friday" kommen könnte. Dann habe ich jedoch das Buch "Antifragile" von Nassim Taleb gelesen, der argumentiert, dass selbstständige Menschen sogar sicherer vor Karriereumbrüchen sind, da sie sich ohnehin dauerhaft anpassen müssen, ganz im Gegensatz zu jemanden, der alles auf eine Karte bei einem einzelnen Unternehmen setzt.

Dara O’Kearney: Das stimmt. Ich habe mit Jason Tompkins und David Lappin vor einiger Zeit angefangen, andere Spieler zu staken. David und ich hatten dann irgendwann eine große Diskussion über die Perspektive. Für ihn war es eine verwurzelte Schwachstelle beim Staking, dass mit der Zeit einige Spieler zu großen Gewinnern werden, die Gruppe verlassen und nur diejenigen übrig bleiben, die es noch nicht geschafft haben, wodurch der Stakingstable an sich immer schwächer wird. Für mich war diese Sichtweise allerdings so, als würde ein Unternehmer sagen, dass es nichts bringt, neue Leute einzustellen, da sie irgendwann so gut in ihrer Arbeit werden, dass sie eine Freelancer-Laufbahn einschlagen. Es hat mich immer überrascht, dass man in der IT-Branche mehr Geld als Freiberufler machen kann, aber trotzdem so wenige diesen Schritt wagen, nicht einmal die Besten unter den Angestellten.

Ich denke das hat einen psychologischen Grund. Manche Menschen wollen nicht jeden Tag über Geld und die Zukunft nachdenken. Selbstständig zu sein bedeutet für mich jedoch Sicherheit durch Flexibilität. Die Tatsache, dass man weiß, dass man sich anpassen kann, egal was kommen mag. Dieses Mindset, was Selbstständigkeit betrifft, hat mir sehr beim Schritt hin zum Profi geholfen.

Mehr über Dara erfahrt ihr bei Twitter, in seinem Blog und dem Chip Race Podcast.