Wie ändert sich das Preflop-Spiel in einem PKO?
ICM-Experte Dara O'Kearney hat eine Hand von Communityliebling Barry Carter unter die Lupe genommen, um zu erläutern, was sich ändern kann, wenn ein Kopfgeld mit im Spiel ist.
In einer neuen Artikelreihe lädt PokerStrategy.com-Redakteur Barry Carter zum Review einer vermeintlichen Standardhand durch einen professionellen Spieler, um zu sehen, ob es tatsächlich eine triviale Entscheidung war oder nicht.
In der heutigen Hand wird mein Freund und Co-Autor von Poker Satellite Strategy Dara O'Kearney einen Blick auf eine Preflop-Line werfen, die ich in einem $22-PKO-Turnier gespielt habe. Dabei ging es vor allem darum klarzustellen, wie sich mein Spiel im Vergleich zu einem regulären Turnier ändern sollte.
Es war früh im Turnier und jeder hatte mit einem $5-Kopfgeld begonnen, bei Spieler 1 war es jedoch bereits auf $10 angewachsen.

Wenn es ein gewöhnliches Turnier wäre, hätte ich mich wohl von KQo gegen Villain verabschiedet, weil er keine einzige Hand gespielt hat, seitdem ich am Tisch saß und ich mit KQo gegen eine tighte Range der Underdog wäre.
Dara O'Kearney: Das wäre mir etwas zu nittig, auch wenn er super tight unterwegs ist. Ich würde die Hand in einem regulären Turnier in solch einer Phase nicht shoven, aber ein Call ist auf jeden Fall eine Option, wenn man bedenkt, was es uns kosten würde und dass sich unsere Hand bereits am Flop definieren würde. Du sagst er sei tight. Was wäre aus deiner Sicht die schlechteste Hand, mit der er hier eröffnet?
Ich würde sagen KJ+, fast jedes Ass und jedes Paar.
Dara O'Kearney: Das wäre in etwa eine 25%-Range, gegen die wir rund 42% Equity hätten. Unsere Hand würde davon zu wenig realisieren, wenn wir das Board verpassen, er mit KJ oder A2 setzt und wir entweder die bessere Hand check-folden (vs. KJ) oder mit 25%-Equity (vs. A2). Angesichts des Preises für einen Call müssen wir nur in 30% der Fälle gewinnen. Da wir 42% Equity haben, sollten wir definitiv in der Lage sein mindestens 30% davon zu realisieren.

Tatsächlich habe auch ich mich dann für einen Flatcall entschieden, allerdings eher weil es ein PKO war und er schon ein gutes Kopfgeld angesammelt hatte. Das war für mich der Grund, warum ich meine Range hier erweitert habe.
Dara O'Kearney: In einem PKO wäre ich deutlich geneigter, die Hand sogar zu shoven, denn in den Fällen, wo ich den Pot gewinne, will ich auch das Kopfgeld einsacken. Ein Fold seinerseits wäre ein Desaster. HoldemResources Calculator empfiehlt in dieser Situation einen Call zum Balancen, aber beschränkt auf das obere Ende der Callingrange zusammen mit AJo. Im Vakuum ist ein Shove mit dieser speziellen Hand profitabler in HRC, weil man im Erfolgsfall auch das Kopfgeld bekommen würde.
Wäre es ein gewöhnliches Turnier, würde HRC klar einen Call empfehlen, aber nicht um zu balancen. Im PKO ist es wegen dem Bounty aber profitabler hier zu shoven.
In einem gewöhnlichen MTT wären wir allerdings auch crushed, wenn unser Shove gecallt wird. Ein Flatcall würde den Gegner hingegen mit einer breiteren Range weiterspielen lassen?
Dara O'Kearney: Schon, aber auch in einem normalen Turnier wäre ein Shove noch profitabel aufgrund der Fälle, in denen er foldet, selbst wenn wir bei einem Call stark im Nachteil wären. Seine Callingrange ist vermutlich in etwa 88+, AQ+ und AJs+. Gegen Hände in dieser Range flippen wir entweder oder werden dominiert. Shoven ist aber nach wie vor profitabel, da er nur in einem Drittel der Fälle callen würde. Trotzdem bleibt ein Call insgesamt die bessere Option, da wir eine Hand halten, die sich direkt am Flop definiert. Werden weder König noch Dame noch Draw aufgedeckt, sind wir raus. Darüber dominiert zu werden, machen wir uns bei solchen Stackgrößen keinerlei Gedanken.
Es ist aber insgesamt ein sehr interessantes Beispiel, weil man in einem regulären Turnier mit KQo eher callen sollte, in einem PKO ein Shove aber die bessere Option ist. Im Grunde ist es ein Musterbeispiel für einen Spot, in dem die Strategie zwischen regulären MTTs und PKO-Turnieren kippt.

Nach meinem Call konnte ich tatsächlich am Flop erwischen, worauf ich gehofft hatte. Mein Plan war dann ein Check-Shove in der Annahme, dass er mit welchem Treffer auch immer callen würde. Und falls er den Flop verpasst hat, könnte ich so vielleicht noch eine C-Bet aus ihm herauslocken.
Dara O'Kearney: Die einzige strategische Frage, die sich nach so einem Flop stellt, ist: Wie kommt man hier am besten All-in? Ich denke, ich selbst würde einen Check-Call vorziehen, weil er dann schlechtere Hände noch weiterbetten kann. Hat er zum Beispiel AJ und du callst, könnte er sich sagen, dass viele Draws unterwegs sind und es am Turn reinstellen (auch wenn er AJ wohl auch nicht gegen deinen Check/Shove ablegen würde). Mit einer Hand wie 77 könnte er sich aber durchaus noch verabschieden. Ich würde schätzen, dass er mit einer insgesamt breiteren Range am Turn noch reinstellt. Manchmal kann ein Check-Shove die bessere Wahl sein, weil der Turn eine Scarecard hervorbringt, die ihn vertreibt. Aber wenn man bedenkt, wie wenig vom Stack hier verbleibt, dann wird es sehr schwer für ihn selbst bei einer solchen Karte den Turn noch zu folden.
Das gesagt, würde ich aber auch ein Blick auf mein HUD werfen, um zu sehen, ob er einen hohen C-Bet-Wert hat, am Turn aber häufig aufgibt. In solch einem Fall wäre ein Check/Shove, der die eigene Hand eher wie einen Draw aussehen lässt, wohl tatsächlich die bessere Option.

Am Ende hat er eine Weile überlegt, mit JTO gecallt und der River ihn gerettet.
Dara O'Kearney: Das sollte preflop eigentlich nicht in seiner Range sein, aber am Flop blieb ihm keine andere Option mit seinem Paar und dem Gutshot. Preflop war allerdings der Schlüsselspot hier, wie so oft in einem PKO.
Korrekte Anpassung, schlechte Basis

Ich muss mich bei Dara ausdrücklich für diese Analyse bedanken. Mir war bewusst, dass ich meine Strategie in dem Spot looser als üblich gestalten sollte, weil es ein PKO war und der Gegner ein hohes Kopfgeld auf sich hatte. Es hat sich aber herausgestellt, dass schon meine Basisstrategie für ein gewöhnliches Turnier zu tight war, sodass auch die Anpassung für das PKO nicht optimal ausfiel.
Wer Lust auf mehr Analysen dieser Art hat, kann gern beim Chip Race Podcast einschalten, den Dara regelmäßig zusammen mit David Lappin veröffentlicht. Dabei gibt es in jeder Folge einen Abschnitt mit derartigen Strategieanalysen, gepaart mit Interviews mit einigen der größten Namen der Szene. In der ersten Folge der neuen Staffel geben sich zum Beispiel Lee Davy, Barny Boatman, Jason Mercier und Jamie Kerstetter die Ehre.
Eure Gedanken zur Hand? Wir freuen uns auf eure Expertise!