Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Warum Ghosting beim Poker dennoch Betrug ist

Die Anonymität von Spielern beim Online-Poker sorgt dafür, dass manch einer denkt, es wäre nichts Verwerfliches, wenn man sich als jemand anderes ausgibt – zu Unrecht.

Daniel Cates
Jungleman hat Ghosting mittlerweile eingestanden

Die Story der Woche waren zweifellos die Betrugsvorwürfe gegenüber Daniel Cates und sein darauffolgendes Schuldeingeständnis. In privaten Online-Partien über eine unregulierte Poker-App hat er unter anderem gegen Bill Perkins und vermutlich auch Dan Bilzerian gespielt, das allerdings über den Account von Hobbyspieler Sina Taleb.

Etliche gutbetuchte Amateurspieler sollen Teil der Partien gewesen sein und sind womöglich davon ausgegangen, dass sie tatsächlich gegen Taleb spielen würden. Die Runden waren wohl darauf ausgerichtet, Spieler vom Kaliber eines Daniel Cates nicht mitspielen zu lassen, damit man seinen Spaß haben kann und nicht von deutlich stärkeren Spielern ausgenommen wird. Jungleman hat in der Folge jedoch angedeutet, dass es gemeinhin bekannte Praxis gewesen sein soll, dass viele Profispieler dennoch mitgemischt und in den Partien Ghosting betrieben haben.

Davon spricht man, wenn ein Spieler über den Account eines anderen, eigentlich schwächeren Spielers aktiv an Partien teilnimmt oder ihm direkte Ratschläge gibt, sodass praktisch jemand anderes spielt. Manch einer in der Pokerszene sieht darin keinen Betrug, weil man immer noch gute Entscheidungen treffen und spielbare Karten erwischen muss, im Gegensatz zu Collusion oder der Nutzung von Superuser-Accounts, wo man die Chance zu verlieren deutlich einschränkt, wenn nicht sogar ganz zunichte macht.

Beim Online-Poker ist man Anonymität an den Tischen gewohnt. Wann auch immer ein Profispieler einen neuen Account bei einem Pokerraum aufmacht, wird er eine ganze Weile lang keine Gegner abschrecken, weil man schlichtweg nicht wissen kann, dass sich dahinter ein Spieler auf Eliteniveau befindet. Manch einer sieht in Ghosting daher lediglich dasselbe wie über ein neu erstelltes Spielerkonto zu spielen.

Je kleiner das Feld, desto größer die Edge

Anonymous poker
Anonymität ist ein wesentlicher Teil von Online-Poker

Es mag dazugehören, dass man die meiste Zeit nicht weiß, wer sich hinter einem Nickname an den Online-Tischen tatsächlich verbirgt. Dennoch bleibt Ghosting klarer Betrug. Es rangiert vielleicht am unteren Ende des Spektrums, was die Schwere von Betrugsvergehen betrifft, aber es gibt einen Grund, warum praktisch jeder Pokeranbieter die Praxis strikt untersagt.

Vor allem auf den Highstakes sind Ghosting und Multiaccounting eindeutig problematisch, da der Spielerpool dort sehr klein ist. Wenn man in einem Turnier mit mehr als 1.000 Teilnehmern Ghosting betreibt, wird man kaum einen Vorteil daraus ziehen können, weil man nur selten einen Gegner zweimal antreffen wird. In kleineren Kreisen, wie zum Beispiel den unregulierten Amateurpartien, haben zuvor gespielte Hände gegen einen Gegner wesentlichen Einfluss auf die nachfolgenden Duelle. In den Köpfen der Spieler in den Partien, bei denen Perkins und Bilzerian mitgemischt haben, wird sich mit der Zeit ein Image von Sina Taleb etabliert haben. Welche Tendenzen er am Flop hat, wie sinnvoll seine Valuebets und Folds ausfallen und ob er ein Händchen für Bluffs hat. Die vorherige Spielerfahrung gegen ihn wird zweifellos Einfluss auf ihre Entscheidungen gehabt haben. Wird jedoch sein Platz von Jungleman eingenommen, werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit immer wieder Fehler im Duell gemacht haben, weil sie eigentlich dachten, dass sie gegen Taleb spielen.

Hinzu kommt der simple Aspekt von Gameselection. Viele Dinge kann man beim Poker nicht kontrollieren, an welchen Partien wir teilnehmen ist jedoch etwas, was wir bestimmen können und hat wesentlichen Einfluss auf unseren Profit. Man kann davon ausgehen, dass keiner der Amateure die Partien gegen Cates gespielt hätte, weil er schlichtweg eine enorme Edge auf seine Gegner hat. Aus genau diesem Grund wurden die privaten unregulierten Partien vermutlich überhaupt erst organisiert.

Ein Spiel mit unvollständigen Informationen

High stakes poker TV show
Spielerfahrung gegen einen Gegner bedeutet alles auf den Highstakes

Der Spieler, der Ghosting betreibt, hat letztlich Zugriff auf Informationen, die der Rest des Tischs nicht hat – was ohne jede Frage nicht fair ist. In Partien im kleinen Kreis kann genau das für eine unfassbar große Edge sorgen.

Cates behauptet, dass er vermutlich gar nicht gegen die anderen Amateure gespielt und noch andere Profis mitgemischt haben. Da die Partien zudem über eine unregulierte App gespielt wurden, kann man wohl davon ausgehen, dass lediglich ein Imageschaden die Konsequenz für das Vergehen sein wird.

Poker ist ein Spiel mit unvollständigen Informationen und wir versuchen unseren Gegnern allein mit Bluffs regelmäßig etwas vorzumachen. Man könnte sagen, dass Poker deswegen ein Spiel ist, bei dem Täuschung eine wesentliche Rolle spielt. Aber wo zieht man die Grenze? Wäre es zum Beispiel unethisch, wenn man als Spieler eine Sonnenbrille und Hoody bei einem Live-Turnier trägt, in der Hoffnung nicht als Profispieler erkannt zu werden? Ist es falsch, wenn man so tut, als wäre man betrunken, damit die Gegner denken, man spielt kompletten Müll zusammen? Ist es verwerflich, wenn man einen Screenname wählt, der fast identisch mit dem eines anderen Spielers ist, um unaufmerksame Gegner dadurch zu verwirren?

Ich bin mir nicht sicher, wo genau die Grenze ist, aber ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass die Annahme einer falschen Identität, um bei Partien dabei zu sein, von denen man eigentlich ausgeschlossen wäre, sie deutlich überschreitet.

Ist Ghosting für euch eine Form von Betrug? Wir freuen uns auf eure Meinung!