Was Pokerspieler beim Laddering falsch machen
Dara O'Kearney erläutert eine Fehleinschätzung des ICM, der viele Spieler kurz vor und nach dem Zustandekommen eines Final Table unterliegen.

Das ICM ist beim Poker eins der geläufigsten Konzepte, dennoch verstehen es viele Spieler aus allerlei Gründen auf fundamentaler Ebene falsch. Der größte Fehler überhaupt ist es natürlich, das ICM komplett zu ignorieren und deutlich zu loose zu spielen. Die meisten Turnierspieler könnten durch etwas tighteres Spiel in der späten Turnierphase die eigenen Resultate vermutlich schon beachtlich auf die Sprünge helfen.
An einem Final Table kann man hingegen häufig genau eine gegensätzliche Entwicklung feststellen. Statt deutlich zu loose wird in einem großen Finale häufig deutlich zu tight agiert. Den Finaltisch eines Turniers wie ein Cashgame zu spielen, ist natürlich ein grober Fehler, aber ihn anzugehen wie ein Satellite ist mindestens genauso desaströs.
Der Begriff Laddering bedeutet, dass ein Spieler solange inaktiv bleibt und im Sitout verweilt, bis der nächste Preissprung eingetütet ist, weil ein weiterer Spieler ausgeschieden ist. Mathematisch ist es zu 100% das korrekte Play einen marginalen Spot auszulassen, wenn ein Preissprung bevorsteht und zwei andere Spieler den Anschein erwecken, als würden sie gegeneinander in den Krieg ziehen. Es ist jedoch genauso ein erheblicher Fehler auf einen Preissprung zu spekulieren und herunterzublinden.
Über ICM-Fehler in der späten Turnierphase wurden schon ganze Bücher geschrieben, aber um genau diesen Punkt zu verdeutlichen, reicht auch ein Blick auf das nachfolgende Bild. Es stammt aus dem Klassiker Kill Everyone und zeigt den durchschnittlichen Bubble-Faktor in der Sunday Million. Im Groben stellt der Bubble-Faktor einen Maßstab dar, der beschreibt, wie viel mehr ein Verlust an Chips in einem Turnier schadet, als ein Gewinn nützt. Liegt ein Bubble-Faktor von 2 vor, dann bedeutet das, dass man nur je $1 an Equity gewinnen kann pro $2, die man in einem Pot riskiert. Die genaue Berechnung sparen wir uns, aber ein Bubble-Faktor von 2 hat letztlich zur Folge, dass man 66% an Equity benötig, wenn man das eigene Turnierleben riskiert.
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Wie man beim Bild erkennen kann, ist der Bubble-Faktor zu Beginn sehr niedrig, steigt dann aber auf bis zu 1,6 kurz vor den Preisrängen an. Sobald sich alle Spieler im Geld befinden, kommt es im Anschluss zu einem rasanten Abfall. Vor dem Final Table steigt der Faktor dann abermals steil auf bis zu 1,7 an, um nach Erreichen des Finaltischs wieder allmählich zu sinken, wenn auch nicht so stark wie nach dem Platzen der Bubble. Im finalen Heads-up beträgt der Bubble-Faktor dann 1 und es wird nach Chip-EV gespielt, weil das ICM keinerlei Wirkung mehr hat. Es gilt zu beachten, dass bei dem Beispiel durchschnittliche Faktoren betrachtet werden, die deutlich höher oder niedriger ausfallen können, je nachdem wie hoch der eigene Stack und der Stack des Gegners in einer Hand inmitten eines Turniers ausfallen.
Dass der Bubble-Faktor vor allem an der Bubble hoch ausfällt, verrät im Grunde ja schon der Name. Dass er aber kurz vor dem Final Table im Schnitt sogar höher ausfällt, dürfte dann aber doch überraschen, ebenso wie die Tatsache, dass er am Finaltisch stetig abnimmt. Viele Spieler dürften eher erwarten, dass das ICM seinen größten Einfluss mitten am Final Table entfaltet, weil dort die Preissprünge in absoluten Zahlen am höchsten ausfallen. Tatsächlich ist der größte Einfluss des Chipmodells aber festzustellen, wenn noch zwei Tische im Turnier verbleiben.
Warum genau nimmt der Bubble-Faktor aber am Final Table ab? Weil man bereits einen Großteil der eigenen Equity realisiert hat. In einem üblichen $50-Turnier könnten die Preissprünge ab neun verbleibenden Spielern zum Beispiel $1.000, dann $2.000, dann $3.000 betragen. In absoluten Zahlen mag das mit Blick auf das eigene Buy-in hoch wirken, die eigene Equity könnte sich zu dem Zeitpunkt jedoch bei etwa $10.000 bewegen, wodurch die Preissprünge in Relation bei Weitem nicht mehr so gewichtig ausfallen. Hat man zudem $2.000 als Preisgeld erreicht, hat jeder der verbliebenen Spieler diese $2.000 sicher und weniger des verbleibenden Preispools wird noch verteilt.
Das alles bedeutet nicht, dass man am Finaltisch ab sofort den inneren Maniac rauslassen kann, denn das ICM hat nach wie vor erheblichen Einfluss – wie in jeder Turnierphase abgesehen vom Heads-up. Was jedoch klar sein sollte: Hat man den Final Table erreicht, hat man auch die größte ICM-Hürde, bei der die gröbsten Fehler in einem Turnier passieren können, hinter sich gelassen.
Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr auch zuhauf in Dara O'Kearneys neuem Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book.