Die Konstruktion einer Value/Bluff-Range im Detail
Immer wieder wird betont, wie wichtig Balance ist. Wie genau sieht das aber in der Praxis aus? Dara O'Kearney stellt uns den Gestaltungsprozess bei seinen Ranges vor.

Wenn wir beim Poker betten, wollen wir eine Balance zwischen Bluffs und Value finden, damit wir nicht exploitet werden können. Wenn wir zu viel bluffen, kann unser Gegner uns exploiten, indem er mit einer weiten Bluffcatch-Range agiert oder anfängt zu bluffraisen. Wenn wir ausschließlich setzen, nur wenn wir eine starke Hand halten, kann unser Gegner unser Spiel exploiten, indem er billig davonkommt, sobald wir Stärke mit einer Bet zeigen, und sich auf uns stürzen, sobald wir Schwäche mit einem Check signalisieren.
Das Bluff/Value-Verhältnis wird von der Größe der Bet bestimmt, die man setzt. Bettet man den Pot, gibt man dem Gegner Odds von 2 zu 1, sodass das optimale Verhältnis in diesem Fall wäre 66% der Zeit zu betten und 33% der Zeit zu bluffen. Setzt man die Hälfte des Pots, gibt man dem Gegner Odds von 3 zu 1, sodass man in 75% der Fälle mit Value unterwegs sein sollte und in 25% der Fälle mit einem Bluff.
Je größer also die Betsize ausfällt, umso mehr Bluffs benötigt man auch in seiner Range.
Wenn man eine Bluff/Value-Range zusammenstellt, ist es besser, wenn man mit den Valuehänden beginnt und sich in Richtung Bluffs vorarbeitet. Hier ist ein Beispiel von einer Hand auf einem J 7 5Flop, die ich zuletzt im PIOSolver unter die Lupe genommen hatte:

Wir können ein paar wenige Hände wie J5s und J7s behalten für ein Slowplay, da man sich nicht allzu viele Sorgen machen muss, damit noch ausgedrawt zu werden. Hände wie 53o gewinnen zwar auch in mehr 50% der Fälle, sie eignen sich jedoch besser für einen Check/Call, der unserem Gegner noch ermöglicht zu bluffen. Dasselbe gilt für Check/Call mit 89s und 89o, da wir in diesen Fällen einen Double Gutter halten, den wir wegwerfen müssten, falls wir mit einem Reraise konfrontiert werden.
Am Ende bleiben folgende Hände übrig, für die der Solver eine Bet vorschlägt:

Wenn man in der Beispielhand nun den Pot am Flop setzen will, würde man je zwei Valuehände pro Bluff benötigen. Im Beispiel fangen wir mit den höchsten Equityhänden an, die wir halten, also KJo/JTo/J9s. Sie alle haben 70% Equity oder mehr.
Mit Blick auf Bluffs wären die idealen Hände Kombos wie 84s. Damit haben wir lediglich 29% Equity, wenn wir also setzen und ein Reraise kassieren, können wir unsere Hand komfortabel mucken. Treffen wir hingegen eine Sechs freuen wir uns über das verschleierte Monster, das wir erwischt haben. Halten wir 84s zudem in Karo, Kreuz oder Herz können wir am Turn auch einen Flushdraw erwischen und noch einmal mit derselben Hand semibluffen mit der Chance auf einen Flush am River.
Eine zentrale Lektion der Solver
Das Gezeigte ist ein wichtiger Lernpunkt, den man bei der Arbeit mit Solvern erkennen kann. Sie wählen grundsätzlich stets Hände zum Bluffen, mit denen am River noch sehr starke Hände erwischen kann. Wenn man die Hände betrachtet, mit denen oben geblufft werden sollte, sieht man sehr schnell, dass sie praktisch alle Semibluffs darstellen. Hände wie K9s und QTs können allesamt einen größeren Draw am Turn (oder ein besseres Top Pair) treffen und am River möglicherweise ein Monster.
Man muss nicht auf jeder Street perfekt gebalancet sein mit Ausnahme des Rivers. Der Grund ist, dass der River die einzige Stelle ist, an der man tatsächlich mit 0% Equity dastehen kann. Bei vorherigen Streets ist das nicht der Fall, denn selbst wenn man eine sehr schwache Hand hält, kann sie sich noch zu etwas verbessern, mit dem man zumindest einen Teil der gegnerischen Range schlägt.
Blufft man mit Händen, die eine Form von Draw bzw. Backdoor-Equity haben, schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Man kann mehr Pötte ohne Showdown abräumen, während man am River plötzlich auch noch mit einer starken Hand dastehen kann.
Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr auch zuhauf in Dara O'Kearneys neuem Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book.