Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Schritt für Schritt: Das Denken in Ranges beim Poker

Dara O'Kearney erläutert, wie man es beim Poker schafft, nicht mehr nur seine tatsächliche Hand zu spielen, sondern vielmehr alle möglichen Hände, die man halten könnte.

Viele Spieler haben große Probleme damit, die tatsächliche Hand aus dem Fokus zu rücken und die Gesamtheit der eigenen Range zu spielen. Ursprung hat die Schwierigkeit wohl darin, dass den meisten von uns bei der ersten Berührung mit Poker in den Medien glaubhaft gemacht wurde, dass die besten Spieler am Pokertisch in der Lage sind, ihr Gegenüber auf genau eine Hand festzulegen, als würden sie einen sechsten Sinn dafür besitzen.

Als Poker sich durch den Online-Boom weiterentwickelt hat, ist in der Literatur und im Zeitgeist immer mehr die Maxime "in Ranges denken" in den Vordergrund gerückt, allerdings vielmehr in Bezug auf die gegnerische statt die eigene Range. Wir wissen, dass man deutlich leichter eine verlässliche Strategie gegen einen Gegner finden kann, wenn man ihn auf eine Range von Händen festlegen kann. Wie sollen wir aber mit unserer eigenen Range an Händen verfahren? Es ist keine leichte Aufgabe, sich seine gesamte Range an Händen bewusst zu machen und entsprechend zu spielen, wenn man mit seiner tatsächlichen Hand eigentlich komplett den Flop verfehlt hat.

Auch die Spieler, die ich coache, haben große Probleme mit diesem Aspekt von Poker, daher versuche ich ihn meinen eigenen Denkprozess am Flop zu erläutern, um sie auf den richtigen Weg zu bringen. Er besteht aus drei Stufen:

1. Den Flop auswerten

Ich stelle mir zunächst die Frage, ob es ein guter, schlechter oder durchschnittlicher Flop für meine gesamte Range und nicht nur meine tatsächliche Hand ist. Nehmen wir zum Beispiel an, ein tighter Spieler eröffnet UTG, ich defende meinen Big Blind und der Flop bringt A-K-9. Bevor ich überhaupt einen Blick auf meine Hand werfe, ist klar, dass es ein schlechter Flop für meine Range ist. Richtig starke Hände wie AA, KK oder AK hätte ich preflop geraist, von daher kann die einzige Monsterhand, die ich in dem Spot realistisch noch halten könnte, lediglich 99 sein.

Dara O Kearney
"Ist der Flop gut, schlecht oder durchschnittlich für meine Range?"

Bringt der Flop jedoch eine Kombo wie 8-7-6 ist das großartig für meine Range. Ich kann 88, 77, 66, 89, 87, 76 und 65 halten. Villain hingegen dürfte solch einen Flop zum Großteil verpasst haben und hält bestenfalls ein Overpair.

Normalerweise wird ein guter Flop für unsere Range ein schlechter Flop für die gegnerische Range sein und umgekehrt. Unsere tatsächliche Hand haben wir bei diesem Schritt im Denkprozess überhaupt noch nicht berücksichtigt.

2. Gesamtstrategie für den Flop bestimmen

Ob der Flop gut oder schlecht für unsere Range ist, sollte unsere grundlegende Strategie beeinflussen. Würde man mit unserer Range donk-betten, check-callen, check-raisen, check-folden usw.? Welche Strategie würde funktionieren und welche nicht?

Dara O Kearney
"Würde unsere Range check-callen, check-raisen oder check-folden?"

Ist es zum Beispiel ein schlechter Flop für unsere Range, sollten wir nicht donk-betten. Im Beispiel mit A-K-9 würde eine Donk-Bet von uns häufig gecallt oder geraist werden und wir könnten im Großteil der Fälle nicht weiterspielen. Sogar mit 99 sollten wir nicht donk-betten, da der Flop häufig gut für unseren Gegner sein wird, sodass er ein Check von uns fast immer mit einer Bet beantworten würde. Würden wir donken, wäre hingegen offensichtlich, was wir halten.

Ist der Flop gut für unsere Range, können wir hingegen donk-betten, da wir Calls von Händen bekommen, die eigentlich checken würden, und da ein Bluff erfolgreich sein könnte, obwohl wir eigentlich gar nichts halten. Diesen Denkprozess gilt es für jede Line zu durchlaufen, die man spielen könnte.

3. Ranges konstruieren

Dara O Kearney
Dara O'Kearney 

In dieser Stufe betrachten wir unsere Gesamtrange und entscheiden, wie wir mit jeder spezifischen Hand verfahren basierend auf den Strategien, die funktionieren. Welche Hände würden donken, welche Hände check-callen, welche check-raisen und welche Hände würden check-folden?

Im Falle des 8-7-6-Flops hieße das: Wenn meine Range aus 22-JJ, 34s, 45s, 56s, 67s, 78s, 9Ts, JQs, KQs, Axs und AJo+ besteht, würde ich wohl mit 34s, 45s, 56s, 67s, 22, 33 und 44 donk-betten. Mit Sets, 78s und 98s würde ich check-raisen. Und mit jedem Overpair und Ax, mit dem ich ein Paar treffen konnte, würde ich check-callen. Alles andere würde in den Muck wandern.

Bei der Entscheidung, was man mit den einzelnen Händen macht, muss einem bewusst sein, dass jede Range aus einem Mix an starken und schwachen Händen (mit etwas Equity) bestehen sollte, abgesehen natürlich von der Check-Fold-Range. Hätten wir ausschließlich starke oder schwache Händen in den einzelnen Ranges, wären wir für einen aufmerksamen Gegner sehr leicht zu exploiten.

Nur in dieser finalen Stufe treffen wir eine Entscheidung für unsere konkrete Hand. Natürlich ist es kaum machbar über all diese Fragen innerhalb einer einzelnen Hand nachzudenken. Sobald man jedoch damit anfängt und es vor allem bei der Nachanalyse im Detail durchgeht, entwickelt sich eine Routine, die einem derartige Entscheidungen auch inmitten einer Hand leichter macht.

Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr auch im neuen Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book von Dara O'Kearney.