Patrick Leonard: "Den Begriff GTO würde ich verbieten"
Im Gespräch mit unserem Ex-Coach, der mittlerweile als Profi die Partien crusht, erfahren wir mehr über GTO vs. Exploits und die tatsächlich größte Gefahr für Online-Poker...

Hallo Patrick und als erstes natürlich herzlichen Glückwunsch zu deinem Bracelet! War das ein Meilenstein, bei dem du auch etwas Erleichterung gespürt hast, nachdem es endlich mit einem WSOP-Sieg geklappt hat?
Patrick Leonard: Vielen Dank! Und ja, ich habe schon vor Jahren realisiert, dass die Reise immer zufriedenstellender ist als das letztliche Ziel. Das war im Grunde so bei allen großen Meilensteinen meiner Karriere. Nach dem Sieg habe ich mich in Richtung Rail umgedreht und einmal laut "YES!" geschrien. Das war auf jeden Fall ein Moment der Erleichterung.
Wie kam es zur Teambildung mit Espen Jorstad, der am Ende bei der WSOP sogar das Main Event für sich entscheiden konnte?
Patrick Leonard: Ich verstehe mich gut mit Espen. Er ist ein großartiger Spieler und wir nehmen beide das Spiel ähnlich wahr. Weil wir so nerdig sind in Sachen Poker, war mir klar, dass es sehr viel Spaß machen würde, falls wir weit kommen.
Espen hat verraten, dass 14 Spieler einen Anteil an seinem Main-Event-Gewinn hielten. Nachdem du auch ordentlich Gas gegeben beim Anfeuern, kann man davon ausgehen, dass du einer dieser 14 Spieler warst?
Patrick Leonard: Ich würde nicht sagen, dass das Halten von Anteilen auf irgendeine Weise ändern würde, wie ich jemanden anfeuere. Ich habe schon Leute vor und während Finaltischen gecoacht, von denen ich keinerlei Anteile hielt und die ich gerade erst kennengelernt habe. Mir macht es einfach generell Spaß, den Menschen beim Poker zu helfen und irgendwann spielt jeder um Preisgelder, die er so noch nie erlebt hat. Also versuche ich den Leuten in der Community etwas zurückzugeben, die positive Energie versprühen.
"GTO würde ich als Begriff verbieten"

Du warst einer der erfolgreichen Pokerspieler, die Interesse angemeldet haben, als Vanessa Selbst ein Bewerbungsgespräch für Pokerspieler bei ihrer Tradingfirma angeboten hat. Wie kommt es zu dem Interesse?
Patrick Leonard: Ich interessiere mich grundsätzlich für unterschiedliche Geschäftsideen. Mich interessiert auch, wie andere außerhalb der Pokerszene das Skillset bewerten, das ich mir mit Poker aneignen konnte, und wie sich verschiedene Branchen dahingehend auch überschneiden.
Und wo siehst du dich beim Spektrum "GTO vs. Exploits" dieser Tage?
Patrick Leonard: Ein Großteil der Leute, die aktuell die Debatte bestimmen, verstehen meiner Meinung nach nicht wirklich, was GTO tatsächlich bedeutet. GTO ist zunächst ein Spiel, jedes Spiel hat Regeln und dann wird eine bestmögliche Strategie basierend auf den Parametern des Spiels entwickelt. Niemand arbeitet tatsächlich mit einem vollständigen Nash-Equilibrium, weil es zu umfangreich ist und unsere Computer schlicht nicht leistungsstark genug sind. Die aktuelle Form von GTO entspricht meiner Meinung nach daher eher einem Exploit-Ansatz, weil die Parameter des Spiels letztlich von uns bestimmt werden. Nicht die Pokerregeln an sich, aber wenn man zum Beispiel einen Gegner auf 100 verschiedene Betgrößen am River setzt, entspricht das theoretisch immer noch nicht einem reinen GTO, erst recht nicht, wenn man bei Riverbets lediglich zwei verschiedene Größen bestimmt. Selbst gesetzte Parameter dieser Art sollten Schätzungen von Größen und Frequenzen beinhalten. Die meisten sprechen dann aber von Exploits, obwohl es eigentlich mehr in Richtung GTO geht.
Ab welchen Stakes wird ein Verständnis von GTO aus deiner Sicht zum Muss, was das aktuelle Spielniveau betrifft?
Patrick Leonard: NL2. Es ist ein Spiel und man versucht es, optimal zu spielen. Optimal bedeutet auch, dass man Schätzungen zu den gegnerischen Frequenzen einfließen lassen sollte, die dann als Parameter gesetzt sind, bevor man versucht die spieltheoretisch optimale Entscheidung zu treffen. Genau das verwechseln die Leute aber häufig mit dem Equilibrium. Die Debatte rund um das GTO insgesamt ist eins der größten Missverständnisse im Bereich Poker, weil es auch für negative Presse von Leuten sorgt, die nicht verstehen, was GTO eigentlich bedeutet. Daher würde ich den Begriff in der Branche verbieten! Zumindest bis man verstanden hat, worum es dabei tatsächlich geht.
Und wie viel Sorgen bereitet dir RTA unter den aktuellen Umständen? Findest du, dass die Gefahren aufgebläht werden oder tritt die Branche dem Ganzen sogar noch zu unbekümmert entgegen?
Patrick Leonard: Persönlich bin ich sehr besorgt. Es ist die mit Abstand größte Gefahr für Online-Poker. Ich will selbst nicht nur erfolgreich sein mit Blick auf Titel und Preisgelder, die ich gewinne. Ich möchte auch Teil der Speerspitze von Menschen in der Branche sein, die den zukünftigen Schutz gegen Betrug und gefährliche Technologien geformt haben, um die Integrität der Partien beim Online-Poker zu wahren.
Im nächsten Teil unseres Interviews mit Patrick Leonard, der in Kürze folgen wird, erfahren wir noch mehr zum Thema Integrität der Partien und wie sich sein Leben abseits der Tische aktuell gestaltet...