Lernen lernen: Der Testeffekt
Zu den effektivsten Lernmethoden zählt das aktive Abrufen von Lerninhalten aus dem Langzeitgedächtnis, anstatt sie bloß gebetsmühlenartig zu wiederholen.

Für das Jahr 2024 habe ich mir das ehrgeizige Ziel gesetzt, 365 Hände in Eigenregie zu analysieren. In den vergangenen fünf Jahren habe ich gemeinsam mit Dara O'Kearney zahlreiche Pokerbücher verfasst und meinen Lernfortschritt vor allem durch die umfassenden Recherchen vorangetrieben. Doch in diesem Jahr habe ich vor, mich aus reinem Eigeninteresse intensiver mit der Pokertheorie zu beschäftigen.
Aus diesem Anlass habe ich mich auf die Suche nach den erfolgversprechendsten Lernmethoden begeben. Fakt ist, dass die meisten Spieler bei Weitem nicht so effektiv lernen, wie es eigentlich möglich wäre.
Für die kommenden Monate plane ich, meine Lernerfahrungen sorgfältig zu dokumentieren. Als Auftakt möchte ich jedoch mit einigen verblüffenden Fakten rund um das Thema Lernen beginnen.
Aktives Lernen statt stumpfes Pauken

In der Regel eignen wir uns formales Wissen an, indem wir stundenlang pauken. Wir vertiefen uns in unsere Lehrbücher, lesen und lesen, in der Hoffnung, dass wir das Fachgebiet beherrschen, wenn die Prüfung ansteht.
Eine gegensätzliche Methode sieht vor, bereits vorhandenes Wissen ständig aufs Neue zu testen. Das Lernen mit Karteikarten regt beispielsweise gezielt dazu an, bereits gelerntes Wissen abzurufen, indem man wiederholt versucht, sich zu erinnern und die Informationen im Anschluss durch lautes Aussprechen festigt.
Eine weitere Lernmethode ist das sogenannte Braindumping, bei der man alle Informationen, die man zu einem Thema weiß, spontan aufschreibt. Anstatt schon während einer Vorlesung Notizen zu machen, könnte man beispielsweise im Nachhinein versuchen, alles, was man noch im Kopf hat, aufzuschreiben, ohne dabei auf vorherige Unterlagen zurückzugreifen.
Das ständige Abrufen von Informationen gilt aus verschiedenen Gründen als wirksam. Studien haben gezeigt, dass die kognitiven Anforderungen, die an das Erinnerungsvermögen gestellt werden, den Lernprozess fördern und maßgeblich dazu beitragen, Informationen auch in Stresssituationen verfügbar zu machen. Zusätzlich wird der Transfer vom Kurzzeit- zum Langzeitgedächtnis stimuliert, indem ständig neue Querverbindungen entstehen. Mich persönlich überzeugt bei dieser Methode besonders die Fähigkeit, Gedächtnislücken zu identifizieren. Wenn man zu einem Thema keine Antwort parat hat, wird sofort deutlich, worauf man den Fokus legen sollte.
Solver als interaktives Lerntool nutzen

Wie lassen sich diese Methoden nun auf Poker übertragen? Zunächst habe ich mit einem Tool namens Anki Karteikarten erstellt. Jedes Mal, wenn ich mit einem Thema zu kämpfen habe, fertige ich eine Karteikarte dazu an, um mich später selbst zu testen. So kann ich mir beispielsweise in Ruhe einprägen, unter welchen Bedingungen eine Overbet am Turn angemessen ist. Diese Information hätte ich in der Hitze des Gefechts vermutlich nicht parat.
Wenn ich Solver-Ergebnisse analysiere, werfe ich nicht bloß einen Blick auf die Ergebnisse, sondern artikuliere meine Erwartungen laut. Beispielsweise formuliere ich meine Hypothese dazu, mit welchen Händen vermutlich ein Check/Raise vorgeschlagen wird, um meine Vermutungen im Anschluss mit den tatsächlichen Ergebnissen zu vergleichen. Dieser Ansatz zwingt mich dazu, eine aktivere Rolle im Lernprozess einzunehmen und zeigt mir schonungslos, bei welchen Einschätzungen ich komplett daneben liege.
Bei Coaching-Sessions erläutere ich zunächst meine eigene Herangehensweise, bevor ich die Antworten vom Coach erhalte. Obwohl es schmerzhaft sein kann, sein eigenes Unvermögen zur Schau zu stellen und korrigiert zu werden, hilft dieser Schmerz dabei, das Gelernte nachhaltig zu verankern.
Noch heute beabsichtige ich diese Lernmethode bei einem Video zum Thema 3-Bets anzuwenden. Mein Plan ist es, erst nach dem Video aufzuschreiben, was ich gelernt habe. Anschließend werde ich mir das Video erneut ansehen, um besonderes Augenmerk auf die Punkte zu legen, die mir entgangen sind.
Zugegeben, diese Methode kann zunächst eine äußerst unangenehme Erfahrung sein, besonders wenn es um Themen geht, in denen du nicht sonderlich fit bist. Aber nach einer gewissen Eingewöhnung ist das Überprüfen dessen, was du bereits weißt, erheblich angenehmer als der Versuch, tief vergrabenes und eventuell bereits vergessenes Wissen ans Tageslicht zu fördern.
Welche dieser Methoden kommen bei euch zum Einsatz? Wir freuen uns auf eure Kommentare!