Wann man mit starken Draws auf Bluffs verzichten sollte
Für die meisten Spieler scheint die Entscheidung, mit einem Straight-Flush-Draw zu setzen, eindeutig zu sein. Doch der Solver hat andere Pläne.

In meiner Artikelreihe "Selbstversuch" versuche ich, knifflige Spots in Eigenregie zu lösen und im Anschluss einen Solver zurate zu ziehen, um den tatsächlich korrekten Lösungsweg zu finden – zumindest wenn es um das spieltheoretische Optimum geht.
Nachdem ich mich ausführlich mit der Kunst des Bluffens auseinandergesetzt habe, bin ich zu einem bedeutenden Schluss gekommen: Es kann in einigen Fällen tatsächlich ratsam sein, mit den stärksten Draws passiv zu spielen und auf Semibluffs zu verzichten.
Betrachten wir mithilfe von GTO Wizard die vorgeschlagene Betting-Range für den BTN bei effektiven Stacks von 40 BB, nachdem der Gegner auf einem 9♥6♥2♦-Flop gecheckt hat.
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Die stärksten Draws bestehen hier aus suited Ax-Händen, 8♥7♥ sowie aus Combo-Draws wie T♥7♥. All diese Kandidaten setzen nur gelegentlich, doch erstaunlicherweise wird mit dem Ax-Flushdraw und 8♥7♥ am häufigsten gecheckt.
In einem vorherigen Artikel bin ich bereits näher darauf eingegangen, warum der Nut-Flush-Draw selten gecheckraist wird. Dabei waren die Pair-Outs das Zünglein an der Waage, weshalb es mich umso mehr überrascht hat, dass auch mit 8♥7♥ vorzugsweise Checks vorgeschlagen werden. Ich persönlich hätte die Foldequity mit dieser Hand höher gewichtet.
Doch offenbar habe ich mich verschätzt. Die suited Ax-Hände verfügen hier über eine Equity von rund 70%, während 8♥7♥ eine ähnlich hohe Equity von 65% aufweist. In Bezug auf die Equity-Realisierung ist es also tatsächlich kein wünschenswertes Ergebnis, wenn der Gegner foldet, selbst wenn wir dadurch in einigen Fällen mit 8-hoch zum River gelangen.
Im Anschluss wollte ich mithilfe der Node-Lock-Funktion herausfinden, wie sich die Strategie ändert, wenn der Gegner entgegen der Theorie zu häufig callt. Der Solver hat daraufhin folgende strategische Anpassungen vorgenommen:

Mit dem Wissen, dass wir häufiger gecallt werden, schrauben wir unsere Checks zurück und setzen häufiger, obwohl wir mit 8♥7♥ derzeit hinten liegen. Unsere Equity ist so hoch, dass unser Primärziel darin besteht, Chips in die Mitte zu bringen. Dafür kommen auch einige Overbets zum Einsatz.
Nun ersetzen wir den callfreudigen Gegner durch einen passiven Spieler, der etwas zu häufig foldet:

Hier zeigt sich eine subtile Besonderheit. Wir erhöhen die Setzfrequenz mit 8♥7♥ und setzen dabei vorzugsweise kleine Betsizes ein, während wir mit dem Rest der Range häufiger overbetten. Die Tatsache, dass unser Gegner zu häufig foldet, macht unsere Hand insgesamt profitabler, jedoch ziehen wir es dennoch vor, den Gegner durch kleine Bets zum Callen zu verleiten.
Abschließend untersuchen wir, was passiert, wenn der Gegner häufiger Check/Raise spielt, als es die GTO-Strategie vorsieht:

In diesem Fall halten wir uns mit 8♥7♥ vornehm zurück.
Jetzt wird deutlich, warum wir in den beiden vorherigen Szenarien unsere Setzfrequenz an die Tendenzen des Gegners angepasst haben. Allerdings beruht die jeweilige Entscheidung darauf, dass der Gegner selten raist. Da wir tunlichst vermeiden wollen, einen so starken Draw aufzugeben, halten wir uns in diesem Fall zurück, um unsere Equity möglichst oft zu realisieren.