Ein kontroverser Fold mit QQ
Ein umstrittener Fold mit QQ kurz vor dem Final Table des Main Events sorgt für reichlich Gesprächsstoff. Dara O'Kearney beleuchtet diese Entscheidung im Kontext des ICM genauer.
Seit der Veröffentlichung meines Buches über das Independent Chip Model erhalte ich jedes Jahr zahlreiche Anfragen, die interessantesten Hände des Main Events unter diesem Gesichtspunkt zu analysieren. Besonderes Aufsehen erregte dieses Jahr ein kontroverser Fold von QQ kurz vor der Final-Table-Bubble. Diese Hand musste ich mir genauer ansehen.

Der Big Stack Joe Serock eröffnete mit A6o aus UTG+1, woraufhin Jonathan Tamayo QQ aus mittlerer Position in den Muck warf. Zum Kontext: Diogo Coelho hatte im Small Blind weniger als 6 BBs, was den ICM-Druck erheblich erhöhte.
Die Auszahlungsstruktur:
| Platz | Preisgeld |
|---|---|
| 1. | $10.000.000 |
| 2. | $6.000.000 |
| 3. | $4.000.000 |
| 4. | $3.000.000 |
| 5. | $2.500.000 |
| 6. | $2.000.000 |
| 7. | $1.500.000 |
| 8. | $1.250.000 |
| 9. | $1.000.000 |
| 10. | $800.000 |
Bevor ich mich der Analyse zuwende, muss ich Tamayo in Schutz nehmen: Es gibt sicherlich Situationen, in denen QQ an der Grenze der Rentabilität liegt. Ich habe in letzter Zeit ähnliche Spots gesehen, bei denen für QQ gegen ein Raise aus früher Position bestenfalls eine gemischte Strategie vorgeschlagen wird. In dieser Situation könnte er sich mit einem Fold fast sicher weitere $200.000 sichern, was für viele Menschen eine lebensverändernde Summe darstellt.
Was die meisten jedoch überraschte, war die Geschwindigkeit, mit der er gefoldet hat. Doch lasst uns diese Hand genauer unter die Lupe nehmen.
War der Fold gerechtfertigt?
Da ich noch in Las Vegas bin, müssen wir bei der Analyse mit dem Hold'em Resources Calculator auf eine vereinfachte Simulation zurückgreifen, die nur Open-Raises, Re-Raises und All-ins erlaubt. Für Serock wird folgende Raising-Range vorgeschlagen:

Serock war zu diesem Zeitpunkt Chipleader und kann trotz seiner frühen Position mit einer ziemlich weiten Range eröffnen, da immenser ICM-Druck vorherrscht. Es fällt auf, dass seine Range stark auf Ax-Hände ausgerichtet ist, da deren Eigenschaften als Blocker das Risiko gegnerischer Konter erheblich reduzieren. Unter normalen Umständen käme ein Raise aus früher Position mit A6o nicht infrage, doch Serock lag hier mit seinem Raise goldrichtig.
Das Independent Chip Model sieht für Tamayo folgende Reaktion vor:

QQ ist in dieser Situation ein eindeutiger Raise. Tatsächlich wird eine gemischte Strategie aus All-ins und Re-Raises vorgeschlagen. Sogar TT ist ein Pflicht-Raise, während Folds erst unterhalb von 99 in Betracht kommen.
Ein All-in mit QQ bringt langfristig $143.148 ein, was 14 Buy-ins entspricht. Zum Vergleich: Ein All-in mit AA wirft an dieser Stelle einen Profit von $396.540 ab. Es ist oft sinnvoll, AA als Maßstab zu verwenden, um die Rentabilität einer Aktion zu beurteilen. Ein Raise mit KQo erzielt beispielsweise nur $3.097, was angesichts eines möglichen Gewinns von $10 Millionen nicht besonders lohnenswert erscheint.
Hier kann die 5er- und 10er-Regel nützlich sein. Wenn eine Hand weniger als 5% dessen einbringt, was AA einbringt, kann es gerechtfertigt sein, sie zu folden, um die Varianz zu verringern. Bringt sie jedoch mehr als 10% ein, sollte sie nie gefoldet werden.
Es mag einige überraschen, dass die Range in dieser Situation so weit ist, obwohl ein Shortstack am Tisch die mittleren Stacks dazu motiviert, zu laddern.
Der Hauptgrund dafür ist, dass Serocks Range in diesem Spot sehr weit sein sollte, was QQ umso profitabler macht. Wenn wir mit QQ shoven und davon ausgehen, dass alle bis zu Serock folden, sieht seine Calling-Range folgendermaßen aus:

Er sollte 80 % der Hände, mit denen er geraist hat, folden. QQ steht gegen die Calling-Range gut da – abgesehen von AA, KK und AK. Dies ist eine sehr profitable Situation für Tamayo.
Viele glauben fälschlicherweise, dass man bei starkem ICM immer besonders tight spielen muss. Obwohl wir es in vielen Fällen durchaus mit tighteren Ranges zu tun haben, gilt das nicht für den aggressiven Chipleader.
Zur Verteidigung von Tamayo möchte ich anfügen, dass es definitiv Situationen gibt, in denen QQ an der Final Table Bubble gefoldet wird. Allerdings müssen dafür etliche Faktoren eine Bedrohungslage erzeugen, die so hoch ist, dass es gerechtfertigt ist, QQ zu folden. Ein Shortstack, der kurz vor der Eliminierung steht, sorgt jedoch in jedem Fall für prekäre ICM-Situationen.
Auch die besonders toplastige Auszahlungsstruktur spricht gegen den Fold mit QQ, da der ICM-Druck weniger ausgeprägt ist. Unter diesen Umständen ist es lohnenswerter, die Podiumsplätze ins Visier zu nehmen.
Es ist jedoch auch möglich, dass das Prestige, den Finaltisch zu erreichen und sich eine siebenstellige Summe zu sichern, seine Entscheidung beeinflusst hat. Wenn es um den Finaltisch des Main Events geht, entsteht eine emotionale Bubble; es ist ein Moment von großer Tragweite, der neue Möglichkeiten abseits des Tisches eröffnen kann.
Vor allem bleibt er durch seine kontroverse Entscheidung weiterhin im Rennen und hält damit den Traum von $10 Millionen lebendig. Vielleicht wird er eines Tages auf diesen Fold als die beste Entscheidung seines Lebens zurückblicken. Viel Glück, Tamayo!
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