Wie zu viel Selbstvertrauen schaden kann
Grigoriy 'ahlinpoker' Skrypnik geht den Geheimnissen unseres Gehirns auf den Grund und erläutert weitere Wahrnehmungsverzerrungen.
Heute folgt ein weiterer Artikel zum Thema kognitive Verzerrungen und wie sie unser Pokerspiel beeinflussen. Die ersten beiden relevanten Täuschungen unseres Gehirns habe ich bereits zuvor erläutert.
Rechtfertigung eigener Ansichten
Oft wird uns gesagt, dass Erfolg beim Poker in unseren eigenen Händen liegt. Wir müssen lediglich die erforderliche Zeit investieren, um an unserem Spiel zu arbeiten. Mit anderen Worten: Wer lernt, sein Wissen erweitert und seine Auffassungsgabe trainiert, wird auf lange Sicht seine Bankroll wachsen sehen. Erneut sorgt die Evolution jedoch für ein Haar in der Erfolgssuppe.
Wie sich herausstellt, will unser Gehirn gar nicht lernen! Wenn es etwas eigentlich nicht weiß, jedoch eine Meinung zum Thema vorliegt, scheut es keine Mühen, um die eigene Ansicht zu rechtfertigen, anstatt die Wahrheit herauszufinden.
Zum Beispiel könnte jemand, der von seinen Pokerfähigkeiten überzeugt ist, jede Winningsession als einen Beweis seines Skills ansehen. Dem gegenüber stellen wir einen Spieler, der stets an sich zweifelt. Nach jeder Losingsession ist er überzeugt, dass ein neuer Tiefpunkt folgen wird, daher steigt er in den Limits ab oder wählt seine Tische mit übereifriger Vorsicht. In beiden Fällen kann die tatsächliche Anzahl an Gewinn- und Verlustsessions, wenn nicht sogar das Endergebnis selbst, komplett gleich ausfallen.
Der Unterschied liegt im kognitiven Gewicht, das wir denselben Ereignissen zuordnen. Menschen tendieren dazu den Ereignissen mehr Gewicht zu verleihen, die ihren Ansichten entsprechen, als denen, die ihre Überzeugung hinterfragen würden.
Die Konsequenz dieser Verzerrung sind zwei weitere Täuschungen, die dafür sorgen, dass unser Gehirn die Realität anders wahrnimmt, als sie tatsächlich ist. Sie sind miteinander verflochten und verursachen übersteigertes Selbstbewusstsein sowie eine Illusion von Überlegenheit.
Übersteigertes Selbstbewusstsein

Das Ganze ist wissenschaftlich bewiesen. Eine Testgruppe erhielt eine Liste mit Wörtern, die häufig falsch geschrieben werden. Die Teilnehmer sollten anschließend die ihrer Meinung nach richtige Rechtschreibung der Wörter notieren. Außerdem sollten sie dabei stets angeben, wie sicher sie sich der entsprechenden Antwort waren. Überraschenderweise waren die Testkandidaten in 99% der Fälle von ihrer Version überzeugt, obwohl sie lediglich bei 40% der Wörter richtig lagen.
Beim Poker zeigt sich dieses übersteigerte Selbstbewusstsein regelmäßig bei den eigenen Reads und der Einschätzung von gegnerischen Ranges sowie beim Abschätzen von Wahrscheinlichkeiten und der Profitabilität unserer Aktionen. Ich sage nicht, dass man nun jede Aktion infrage stellen soll. Allerdings sollte man sich stets daran erinnern, dass man in der Hälfte aller Fälle falsch liegt, wenn man sich einer Sache sicher ist.
Die Illusion von Überlegenheit
Menschen neigen dazu, sich zu überschätzen, wenn es darum geht, was sie gut können, während sie ihre Fähigkeiten unterschätzen, wenn es um Dinge geht, die sie nicht gut können.
Diese Verzerrung ist äußerst verbreitet. Erinnert euch einfach an den einen oder anderen Persönlichkeitstest, bei dem ihr euch selbst auf einer Skala mit zwei Extremen einschätzen solltet, zum Beispiel "am Besten" oder "am Schlechtesten". Ich würde darauf wetten, dass fast jeder seine Kreuzchen deutlich über bzw. unter dem Mittelpunkt gemacht und sich folglich als "über- bzw. unterdurchschnittlich" eingeschätzt hat.
Es ist natürlich offensichtlich, dass der Großteil der Menschen nicht "überdurchschnittlich" begabt sein kann. Auf der anderen Seite ist es erstaunlich, wie eifrig wir unser eigenes Selbstwertgefühl herabsetzen, wenn es um Bereiche geht, in denen wir unserer Meinung nach schlecht sind.
Zum Beispiel tendieren viele Midstakes-Spieler dazu ihre Pokerfähigkeiten deutlich zu überschätzen. In gewisser Weise ist das natürlich kein Wunder, da sie Teil einer verhältnismäßig sehr kleinen Gruppe von Spielern sind, die beim Poker gewinnen. Auf ihrem Weg nach oben haben sie niedrigere Limits und etliche Gegner geschlagen. Allerdings ist das Resultat manchmal ein derart aufgeblähtes Ego, dass sie so sehr von ihrer Edge überzeugt sind, dass sie sich bereitwillig an einen Tisch voller Regulars setzen. Auf lange Sicht keine gute Idee!
Betrachten wir im Gegensatz dazu einen fähigen Spieler, dessen Karriereverlauf nicht von Sonnenschein und Schmetterlingen geprägt war. Vielleicht hat er für mehrere Jahre die Micros gegrindet, seine Bankroll mehrmals verloren oder sogar Poker irgendwann an den Nagel gehangen, weil er nicht das gewünschte Profitlevel erreichen konnte.
Zwischen einem solchen Spieler und den Regulars, die mit Glück die Midstakes ohne große Rückschläge erreichen konnten, könnte es nur sehr feine Unterschiede hinsichtlich ihrer Fähigkeiten geben. Wenn man sie allerdings bitten würde, ihren eigenen Skill einzuschätzen, würde man den Eindruck bekommen, dass es sich um Welten handelt.
Wie ihr euch vorstellen könnt, ist es schlecht sich zu über- und unterschätzen. Die Fähigkeit, seinen Platz inmitten anderer Spieler objektiv einschätzen zu können, ist eine sehr wichtige Eigenschaft für Pokerspieler. Es ist zwar schwer aber äußerst wichtig, die eigene Voreingenommenheit hinter sich zu lassen und alle Fakten fair zu beurteilen.
Forsetzung folgt...
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