Analyse: Colmans Fold mit Aces im 5-Bet-Pot
Unser italienischer Coach 92Niko hat sich einen der größten Pötte im "Super High Roller Cashgame" genauer angeschaut. War es wirklich ein guter Fold von Colman?

Der Blick geht zurück ins Jahr 2015, wo im Aria Resort & Casino in Las Vegas eines der exklusivsten No-Limit-Cashgames des Jahres stattfand. Die Rede ist vom Super High Roller Cash Game, bei dem man sich mit mindestens $250.000 einkaufen musste und die Blinds $400/$800 betrugen.
Robl, einen massiven Stack von $1.693.600 vor sich, erhält 88 in MP und steigt in den Pot mit einem Raise auf $2.400 ein. Colman hat AA im Cutoff und erhöht umgehend via 3-Bet auf $8.500. Seiver überlegt ein paar Sekunden, was er mit seiner Hand anfangen soll. Er hält 99 am Button, ein Call wäre eine durchaus denkbare Option, am Ende entscheidet er sich jedoch für die 4-Bet auf $24.000.
Trickett und Newey folden beide ihren Trash in den Blinds. Der ursprüngliche Raiser Robl wirft noch ein letztes Mal einen Blick auf seine Holecards und legt die Pocket Achter dann ab. Er sollte nicht der letzte Spieler mit einer einfachen Entscheidung sein: Per 5-Bet erhöht Colman mit seinen Pocket Rockets auf $70.000 und nach etwas mehr Bedenkzeit beendet Seiver die Preflop-Action mit einem Call.
Die Detail-Analyse der Hand von 92Niko
Versuchen wir das bisher Gesehene einzuordnen. Um die Hand vollends zu verstehen, müssen wir die äußerst deepen Stacks berücksichtigen, mit denen wir es hier zu tun haben. Colman gibt den effektiven Stack im Spiel mit $583.200 Chips vor, was mehr als 700BB entspricht. Da wir nun wissen, wie viel jeder Spieler im Pot setzen könnte, stellt sich eine entscheidende Frage: Warum entscheidet sich Seiver für eine Cold-4-Bet mit 99? Ein Call scheint die einfachste Option. Wenn er nur callt, wird Robl den stärksten Anteil seiner Range zwar 4-betten, mit der Mehrheit seiner Hände jedoch nur callen. Er muss nur $6.100 mehr einsetzen, um mit hohen Implied-Odds einen Pot von $27.900 gegen zwei Gegner out of position zu spielen.
Die 4-Bet von Seiver ist deutlich kniffliger, da Colman häufig genug out of position callen muss, damit Seiver den Positionsvorteil tatsächlich ausnutzen kann. Wenn er nicht bereit ist, seine 9er auf Showdown-Value zu spielen, dann würden viele andere Kombinationen besser als Bluffs funktionieren.
Nachdem Colman 5-bettet ist es wohl ein knapper Call, vielleicht etwas auf der loosen Seite, aber auf jeden Fall zu rechtfertigen. Obwohl Colman die 4-Bet noch einmal ums Dreifache erhöht, muss Seiver nur $46.000 weitere Chips setzen, um einen $144.800-Flop zu sehen. Natürlich hat er damit nicht genug Potodds fürs Set-Minen, aber ein Call kann durchaus Sinn machen, wenn er davon überzeugt ist, dass er bei einem Hit zusätzlichen Value extrahieren kann oder die Hand durchs Exploiten von Colman gewinnen kann.
Der Flop bringt letzten Endes K92, Seiver trifft also sein Set und Colman eröffnet mit einer kleinen Conti-Bet von "nur" $50.000. Der Flop ist extrem trocken und obwohl man 700BB deep ist, gibt es keinen Grund für eine große C-Bet in einem 5-Bet-Pot. Selbst wenn man nur 1/3 auf Flop und Turn setzt, hätten die Spieler am River weniger als eine Potsize-Bet left.
Selbst ohne Berücksichtigung von Seivers Range ist die Continuation-Bet hier wohl die beste und einfachste Option für Colman. Mit Assen muss er davon ausgehen, auf diesem Flop noch die beste Hand zu halten. Check/Call wäre ebenfalls denkbar, allerdings macht es den weiteren Verlauf out of position deutlich komplizierter.
Seiver entscheidet sich die Continuation-Bet nur zu callen. Ein vernünftiges Play, da der Flop sehr trocken ist und er auf späteren Streets mehr Geld bekommen kann.
Der Turn bringt die 3 und der Pot liegt nun bei $244.800. Colman eröffnet diesmal mit einem Check. Mehr Value aus seinen Assen zu holen, ist nun etwas komplizierter. Das Board ist jedoch nicht sonderlich scary, entsprechend kann er es sich erlauben, seinem Gegner einen kostenlosen River zu zeigen. Seiver setzt im Anschluss erwartungsgemäß den halben Pot und Colman callt.
Der River bringt die 8 bei einem Pot von mittlerweile $484.000. Nach Colmans erneutem Check bringt Seiver seine restlichen $343.200 per All-in in die Mitte.
Colman muss sich erstmal zurücklehnen und lässt ein paar nervöse Bisse in sein T-Shirt folgen. Mit einem Lächeln fragt er Seiver, ob dieser Kings hält. Nach einem Blick auf seinen restlichen Stack nimmt er seinen Kontrahenten genauer unter die Lupe, sagt ihm, dass er Aces hat, und erklärt sogar, wie er den Handverlauf sieht. Seiver vermeidet jedoch jeglichen Augenkontakt.
Nach ein paar Momenten muckt Colman seine Aces und Seiver gewinnt den Pot.
Was für ein Fold! Viele Spieler sehen hier wahrscheinlich einen extrem guten Laydown und würden selbst wohl nie AA in einem 5-Bet-Pot auf einem trockenen Board ablegen, wenn der Gegner (dem man die Option zu bluffen gegeben hat) am River All-in geht und man Potodds von 2,5:1 bekommt.
Ist ein Fold hier tatsächlich das beste Play?
Das ist eine recht schwierige Frage, aber glücklicherweise gibt uns Colman selbst ein paar Einblicke in seine Gedankengänge, was vor allem auf den Highstakes nur äußerst selten passiert. Nach dem Push von Seiver entgegnete er: "Scott, Scott, Scott... Kings, nicht wahr? Das ist alles, was du haben kannst. Ich habe Aces... AK würdest du so nicht spielen."
Liegt Colman hier richtig? Der Schlüssel, um seine Entscheidung zu verstehen, ist die von Seivers gewählte Line. Er hat am Flop gecallt, dann zweimal gebarrelt an Turn und River. Kann er jemals einen Bluff halten, wenn er so spielt? Das hängt davon ab, wie seine 4-Bet/Calling-Range aussieht:
- KK (3 Kombos): Es macht wenig Sinn, Kings in position zu 6-betten, da er nur Action von AA-KK erwarten kann. Auf diese Hand hat Colman Seiver nach dem River-Shove gesetzt.
- AK (max. 6 Kombos): Nicht die Art von Hand, die die meisten Spieler in einem 5-Bet-Pot spielen wollen. Eine 6-Bet verwandelt sie in einen Bluff. Ein Flatcall ist denkbar, vor allem wenn Seiver weiß, dass Colman Ax oder Kx für 5-Bet-Bluffs nutzt. Man sollte außerdem beachten, dass diese Hand bereits aufgrund des Calls der ursprünglichen 3-Bet in Seivers Range liegen kann.
- QQ-TT (jeweils 6 Kombos): Schwer zu sagen. Es sind alles Hände, die man 4-betten könnte, um Colman im Heads-up zu isolieren. Allerdings spielen sie sich nach einer 4-Bet bei derart deepen Stacks nicht wirklich gut und sobald man mit einer 5-Bet konfrontiert wird, wird es knifflig.
- AA (1 Kombo): Ziemlich unwahrscheinlich, aber es wäre zumindest eine sehr interessante Line in position.
Wie würde man all diese Hände auf dem Flop spielen? Wir können wohl davon ausgehen, dass man in den meisten Fällen mit ihnen callen würde. Bis zu diesem Punkt also nichts Außergewöhnliches.
Wie aber sieht es am Turn aus? Colman checkt, die stärksten Kombos (KK natürlich und AA) können valuebetten und auch AK hat die Option zu betten, wobei ein Call von einer schlechteren Hand äußerst unwahrscheinlich ist. Colmans Range sollte polarisiert sein, sodass er mit AA-KK c-betten und check-callen und alles andere folden würde. Wenn wir annehmen, dass Seiver AK hält, wäre das beste denkbare Szenario für ihn, dass Colman einen 5-Bet-Bluff mit einer Hand wie KQo oder KJo gespielt hat, die einige Blocker hält und er daher den Flop c-betten und am Turn check-callen könnte. Dass man mit solch einer Hand die Blank am River erneut check-callen würde, ist jedoch nur schwer vorstellbar. QQ-TT sind die einzigen Hände, die man in Bluffs verwandeln könnte, was jedoch nur begrenzt Sinn machen würde, auch weil das Board derart trocken ist, dass es sehr schwierig ist, effektiv gegen eine Madehand zu bluffen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass man realistisch nicht davon ausgehen kann, dass Seiver irgendeine Semibluff-Hand am Turn hält, da er preflop mit Händen wie QJs gecallt haben müsste. Das ist natürlich äußerst unwahrscheinlich angesichts der Action vor dem Flop.
Der entscheidende Punkt hier ist also recht simpel: Seiver kann eine Hand halten, die schlechter als AA ist, wenn er den Turn bettet. Er würde mit derselben Art von Valuehand jedoch niemals auch den River betten. Es ist nur schwer vorstellbar, dass Seiver AK nach einer Bet am Turn erneut am River valuebetten würde, wenn AA auf jeden Fall ein Teil von Colmans Range in diesem Spot sein kann.
Die Hände in Seivers Flop-Calling-Range, die gegen Aces verlieren würden, betten nicht Turn und River, da sie nicht von einer schlechteren Hand ausbezahlt werden. Bluffs sind aufgrund der Boardtextur und Seivers Call am Flop unwahrscheinlich. Colman muss hier also tatsächlich folden.
Was haltet ihr von der Hand? War es tatsächlich ein guter Fold von Colman? Hätte Seiver in dieser Hand mehr Geld machen können?
Hier geht es zum Twitch-Channel von unserem italienischen Coach 92Niko


