Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Auf wem lastet der höchste ICM-Druck?

Dara O'Kearney räumt auf mit dem Mythos, dass Shortstacks am Final Table und an der Bubble dem höchsten Druck durch das Independent Chip Model ausgesetzt sind.

Eine von mir gecoachte Spielerin hat sich vor Kurzem das Finale des Poker Masters angesehen und kam daraufhin mit einer interessante Frage zu mir, die meinem Empfinden nach vielen Spielern Probleme bereitet. Die Stacks im besagten Turnier mit $50.000 Buy-in sahen an der Bubble wie folgt aus:

Scott Seiver war Chipleader mit 1,8 Millionen, Jason Koon auf Rang 2 mit 1,5 Millionen und Daniel Negreanu war Shortstack mit 325.000 Chips.

poker masters

Die Kommentatoren ließen verlauten, dass Jason Koon als Zweitplatzierter in Chips dem höchsten ICM-Druck an der Bubble ausgesetzt ist. Meine Schülerin hatte jedoch eher erwartet, dass auf Negreanu als Shortstack der höchsten Druck lasten würde. Ihre Frage war daher, ob der Umstand, dass Koon diese Rolle zuteilwurde, daher rührte, weil er letztlich auch bessere Chancen hatte, das gesamte Turnier zu gewinnen?

Damit lag sie fast richtig. Schauen wir es uns also im Detail an...

Der Bubble-Faktor

Nachfolgend findet ihr den Bubble-Faktor von jedem Spieler am Tisch, wenn sie in einem direkt Duell aufeinandertreffen würden. Mit dem Bubble-Faktor wird grundsätzlich ausgedrückt, wie viel Equity man in ICM-lastigen Spots in einem Turnier riskiert. Je höher der Faktor ausfällt, umso tighter muss man agieren.

Die Positionen könnt ihr ignorieren, einzig die Stacksizes der einzelnen Spieler sind entscheidend. Mit dem ICMIZER könnt ihr euch übrigens jederzeit vergleichbare Übersichten zu ICM-Spots in euren Turnieren erstellen:

BF

Wie man sieht, hängt die Höhe des Bubble-Faktors entscheidend davon ab, gegen welchen Spieler man genau agiert. Wenn Jason Koon gegen den Chipleader spielt, dann beträgt sein Bubble-Faktor 2,61 – der höchste Wert am Final Table. Das liegt daran, weil er in solch einem Spot am meisten Equity von allen Spielern am Tisch riskieren würde, weil der Leader ihn trotz seines hohen Stacks komplett aus dem Turnier nehmen könnte.

Gegen Negreanu beträgt Koons Bubble-Faktor jedoch nur 1,18, weil er in solch einem Duell nicht allzu viel Equity gegen den Shortstack riskieren würde. Negreanu selbst hat derweil ebenfalls recht niedrige Bubble-Faktoren, weil er – auch wenn ein Ausscheiden natürlich ein schlechtes Ergebnis darstellt – am wenigsten Equity von allen riskiert.

Wenn der Chipleader Seiver also in eine Hand involviert ist, kann Negreanu im Vergleich zu Koon mit einer deutlich weiteren Range agieren, auch wenn Koon eigentlich mehr Chips hat.

Grundlegend kann man sich daher merken: Der Bubble-Faktor ist höher gegen Spieler, die einen in Chips covern, und je mehr Chips man insgesamt hält. Konzeptionell ist die Berücksichtigung derartiger Bubble-Faktoren entscheidend für den Erfolg bei Turnieren und kann, wenn man die Dynamiken verinnerlicht hat, als gute Orientierung dienen, um zu wissen gegen welche Spieler man in welchen Spots Druck ausüben kann und gegen welche man eher zurückhaltender agieren sollte.

Einen vollständigen strategischen Einblick in PKO-Turniere findet ihr jederzeit im Buch PKO Poker Strategy von Dara O'Kearney und Barry Carter.