Aktualisiert am 05 Aug. 26 von

Barrys Strategie-Ecke: Solven eines "Fehlklicks" beim Live-Poker

Barry Carter ist letzte Woche nach einem unglücklichen Fehler beim Klicken an der Bubble eines High Roller Turniers ausgeschieden, also quält er sich nun weiter, indem er die Situation mit GTO Wizard unter die Lupe nimmt.

Poker

Ich bin gerade von den Party Poker Open aus Madrid zurückgekehrt, wo ich glücklicherweise das High Roller Turnier spielen konnte, nachdem ich ein Satellite für £5 gewonnen hatte. Das Event lief für mich reibungslos, bis ich leider kurz vor der Bubble einen "Live Misclick" machte.

Bei noch etwa fünf Spielern bis zum Geld hatte ich rund 13 Big Blinds. Ich saß auf Seat One im Small Blind und dachte, dass zu mir gefoldet worden war, also komplettierte ich den Small Blind mit 93. Das war für sich genommen bereits ein Fehler, aber mein Gegner, immerhin ein Triple Crown Gewinner, hatte mich in den vorherigen Orbits mehrfach den Small Blind komplettieren lassen, also wurde ich etwas zu ehrgeizig.

Was ich nicht wusste: Der Button auf Seat 9 hatte tatsächlich eröffnet. Ich hatte das nicht gesehen, weil der Dealer mir die Sicht auf ihn verdeckte, aber das ist keine Ausrede. Ich hätte besser aufpassen müssen.

Der Flop kam A94, was mir Second Pair und sonst nicht viel brachte. Ich hatte meinen Gegner als ziemlich aggressiv eingestuft. Als ich zu ihm checkte, setzte er 2 Big Blinds.

Ich dachte eine Weile darüber nach und fand die Idee nicht gut, mit Middle Pair zu callen, wollte aber auch nicht folden. Also entschied ich mich dafür, mit einem Check-Raise All-in eine riskante, aber wirkungsvolle Strategie zu wählen. Mein Gegner hat nicht immer ein Ass. Ich blocke ein Set aus Neunen, was immerhin etwas wert sein dürfte, aber vor allem hatte ich das Gefühl, dass meine Hand unbedingt Equity gegen zwei Overcards verweigern möchte.

Wie es kam, tankte er ewig und callte schließlich mit einem schwachen Ass, womit mein Turnier beendet war. Es ist extrem ärgerlich, auf diese Weise durch einen Misclick auszuscheiden, besonders so kurz vor den bezahlten Plätzen.

Weit vorne, weit hinten

Ich besprach meine Logik mit meinem Coach Dara O'Kearney und er war nicht meiner Meinung. Er erinnerte mich daran, dass wir uns in einer "Way Ahead, Way Behind"-Situation befanden und dass man eine Hand in solchen Spots per Check-Call spielen sollte. Außerdem erinnerte er mich daran, dass mein Gegner sehr oft den Turn behind checken würde, wenn er kein Ass hat.

Ich entschied mich, die Hand in GTO Wizard zu solven, um zu sehen, welchen Rat das Tool geben würde. Um die Situation nachzubilden, gab ich mir in einem so ICM-lastigen Spot eine "Small-Blind-Completing-Range" statt einer Flatting-Range gegen ein Button-Open. Die Ranges sahen so aus:

Poker

Auf dem Flop war es immer zu 100 % ein Check. Mein Gegner setzt zu 100% der Zeit. Genau wie Dara es vorgeschlagen hatte, callt GTO Wizard in diesem Spot immer und raist nie.

Poker

Weil ich mich so sehr darüber ärgerte, mich überhaupt erst in eine so dumme Situation gebracht zu haben, hatte ich komplett vergessen, was Turn und River waren. Aber ich analysierte mehrere Turn- und Riverkarten und in so gut wie jedem Fall bestand die Strategie einfach darin, herunterzucallen.

Fast alle Händen callen auch eine Bet am River. Das liegt daran, dass wir uns in der Welt von GTO befinden, in der von unserem Gegner erwartet wird, auf jeder Street Bluffs zu haben. In der Realität denke ich, dass Dara recht hatte, als er sagte, dass unser Gegner den Turn behind checken würde, wenn er kein Ass hat. In dieser Hinsicht könnten wir also wahrscheinlich Turn oder River gegen weitere Aggression folden.

Letztlich war der größte Fehler aber vermutlich ohnehin, den Small Blind zu komplettieren. Der Big Blind war buchstäblich einer der besten Spieler, die ich kenne, und nur weil ich damit ein paar Orbits lang durchgekommen war, gab mir das noch lange keinen Freifahrtschein, außer Position gegen einen Triple Crown Gewinner Pötte zu spielen.