Das Konzept vom Value Target
Dara O'Kearney präsentiert heute ein hilfreiches Konzept, mit dem man auf simple Weise die eigene Valuebet-Range auf Vordermann bringen und auch dünne Valuebets setzen kann.

Ein großes Leak, das ich immer wieder bei Amateurspielern sehe, sind zu wenige Valuebets und stattdessen Checkbacks mit Händen, die eigentlich einen erheblichen Teil der gegnerischen Range schlagen.
Die Definition einer Valuebet ist aber eindeutig: Es handelt sich um eine Bet, mit der man in mehr als 50% der Fälle vorne liegt gegen alle Hände, die callen würden. Setzt man $100 am River, muss man nicht zwingend in 100% der Fälle am Ende die Nase vorn haben, damit es eine profitable Bet ist. Man muss lediglich in mehr als 50% der Fälle vorn liegen.
Hobbyspieler setzen hingegen häufig nur für Value, wenn sie 100% sicher sind, dass sie die stärkere Hand halten. Stattdessen sollten sie aber auch eine Valuebet setzen, wenn sie überzeugt sind, dass sie in mehr als der Hälfte aller Fälle die Hand gewinnen würden.
Dabei gilt es jedoch auch zu beachten, dass man mögliche Check/Raises als Bluff mit in seine Entscheidung einfließen lässt. Wenn diese Möglichkeit besteht, weil der Gegner den Eindruck erweckt, dann muss die eigene Valuerange entsprechend angepasst und tighter ausgelegt werden. Wie viel tighter hängt davon ab, wie wahrscheinlich es ist, dass der Gegner ein solches Bluffraise setzt. Ist es sehr wahrscheinlich, dann sollte man eher nur Hände valuebetten, die in 55% der Fälle gegen einen Call vorn liegen. Erweckt der Gegner aber den Eindruck, dass er niemals bluffraisen würde, dann kann man schlichtweg alles betten, mit dem man in 50,01% der Fälle oder häufiger vorn liegen würde.
Wie hoch auch immer die genaue Prozentzahl am Ende in einem Spot ausfällt, setzt man nicht häufig genug auch dünne Valuebets, die nah an der Grenze zur Profitabilität liegen, dann läuft man Gefahr exploitet zu werden. Bettet man lediglich Monster for Value, dann wird man langfristig von keinem Gegner mehr ausgezahlt. Entsprechend muss man hin und wieder dabei erwischt werden, mit einer Bet schlichtweg geblufft oder sehr dünn for Value gebettet zu haben, damit die extrem starken Händen tatsächlich auch ausgezahlt werden. Zudem besteht bei dünnen Valuebets auch immer das Potenzial, dass man von einem Bluffcatcher gecallt wird, der einem ordentlichen Profit mit einer Hand beschert, die sich lediglich an der Grenze zur Profitabilität bewegt.
Das Value Target von Andrew Brokos

Mein guter Freund und Autorenkollege Andrew Brokos hat mit dem "Value Target" ein hilfreiches Konzept dazu ins Leben gerufen, dass dabei helfen kann, die eigene Valuebet-Range zu erweitern. Dabei soll man sich die schwächste Hand bewusst machen, mit der der Gegner noch eine Bet callen würde. Im Anschluss gilt es, alle Hände zu berücksichtigen, die in der Calling-Range als hochwertiger bewertet werden. Der Mittelpunkt ist das sogenannte Value Target – oder auch genau die Hand, die von den eigenen Valuebets geschlagen werden muss.
Nehmen wir zum Beispiel an, dass am Flop 2-7-J ohne möglichen Flushdraw aufgedeckt wird und die schwächsten Hände, mit denen der Gegner noch allen würde, 89s für den Gutshot und A7s für das Middle Pair wären. Nun gilt es, sich alle weiteren Hände bewusst zu machen, mit denen der Gegner ebenfalls callen würde, wobei man letztlich lediglich den Mittelpunkt davon schlagen muss:
So kann man annehmen, dass der Gegner im konkreten Spot neben 89s und A7s auch mit 88, 99, TT, JT, QJ, KJ, AJ, QQ, KK, AA, 22, 77 und JJ callen würde. Mit Blick auf die einzelnen Handstärken wäre der Mittelpunkt etwa bei KJ erreicht, das ist also das Maß für die eigene Range, was die möglichen Valuebets betrifft. Diese müssen nicht etwa Aces schlagen können, um profitabel zu sein, sondern lediglich KJ. Die eigenen Valuebets in dem Spot sollten folglich also KJ, AJ, QQ, KK, AA, 22, 77 und JJ umfassen.
Der Prozess der Rangefindung wird dabei aber noch von einigen weiteren Faktoren verkompliziert, insbesondere von Blockern. So ist QQ im konkreten Spot eine deutlich bessere Valuebet als AJ, obwohl es sich praktisch um dieselbe Handstärke handelt. Das liegt daran, dass QQ nicht Hände wie A7s in der gegnerischen Range blockiert und es somit wahrscheinlicher ist, dass diese auch tatsächlich noch unterwegs sind. Gleichermaßen ist 22 eine bessere Valuebet als JJ, weil man damit nicht JT/QJ/KJ/AJ beim Gegner blockt.
Auch noch bessere Hände und mögliche Bluffraises müssen berücksichtigt werden, trotz dessen ist das Konzept vom Value Target ein guter Ausgangspunkt, um sich eine dünnere Valuebet-Range anzueignen. Es gilt, den Mittelpunkt der gegnerischen Calling-Range zu bestimmen und sich daran zu erinnern, dass man nicht alle, sondern nur 50% der Hände schlagen muss, um eine profitable Bet zu setzen.
Weitere Einblicke dieser Art finden sich auch zuhauf in Dara O'Kearneys neuem Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book.