Die Täuschungen unseres Gehirns an den Tischen
Der größte Gegner an den Tischen ist manchmal gar nicht unser Gegenüber, sondern der eigene Kopf. Wir erläutern, wie kognitive Verzerrungen wie Verlustaversion unser Spiel beeinflussen...
Vermutlich hatte schon jeder einmal das Gefühl, dass sich das Universum gegen einen verschworen hat und man auf Teufel komm raus einfach nichts mehr an den Tischen gewinnen konnte. Kurioserweise haben das Universum und unsere eigene Natur tatsächlich keinerlei Mühen gescheut, uns vom Gewinnen abzuhalten.
Was sind die Qualitäten, die einen idealen Pokerspieler ausmachen? Darunter fallen unter anderem Objektivität und Rationalität. Leider können wir diese Eigenschaften aufgrund der menschlichen Natur nie tatsächlich abrufen. Wir nehmen die Realität und unsere Umgebung durch eine Art Prisma wahr, eine rosarote Brille, die die Evolution auf unsere Nase gesetzt hat. Besten Dank dafür!
Ohne die Evolution wären wir natürlich nicht in der Position, die wir in der Welt einnehmen. Trotzdem haben wir unsere Fähigkeit, die Realität so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist, gegen die Möglichkeit eingetauscht, uns weiterzuentwickeln. Unser Gehirn registriert, was um uns herum geschieht, mit einigen Verzerrungen. In der Wissenschaft spricht man von kognitiver Verzerrung. Der Grund ist einfach: Um uns weiterzuentwickeln, müssen wir in der Lage sein, uns der Umgebung anzupassen. Eine verzerrte Wahrnehmung der Realität hilft uns dabei, bestimmte Entscheidungen in Situationen zu treffen, in denen Präzision nicht besonders wichtig ist.
Poker ist dabei keine Ausnahme. Alles, was an den Pokertischen passiert, wird von unserem Gehirn und unserem Bewusstsein anders wahrgenommen. Mit anderen Worten: Es passiert eigentlich nur ein und dasselbe, unser Gehirn nimmt es jedoch als etwas vollkommen anderes wahr. Als Pokerspieler müssen wir jedoch verhindern, dass unser Urteilsvermögen getrübt wird. Andernfalls können wir nicht unser A-Game spielen. Um die Evolutionsbrille abnehmen zu können, müssen wir also herausfinden, wie sie funktioniert.
Die Angst vor dem Verlieren
Wenn alle anderen Bedingungen gleich sind, streben wir eher danach, nichts zu verlieren, anstatt etwas zu gewinnen. Für Menschen ist der Schmerz durch Verlust deutlich spürbarer als die Befriedigung durch Gewinn. So hat man gemessen, dass ein Verlust 2,5-mal deutlicher zu spüren ist, als die Freude über einen Gewinn.
Das erklärt, warum wir uns mehr ärgern, wenn wir am Sessionende mit einem Minus von $50 dastehen, als wir uns freuen, wenn wir $50 gewonnen haben. Ein anderes Beispiel: Wir sind am River, der Pot ist 300 Big Blinds groß und wir haben 200 Big Blinds. Wir erwarten, dass unser Gegner in 50% aller Fälle folden wird. Sieht so aus, als hätten wir einen profitablen All-in-Bluff. Die meisten von uns würden jedoch in solch einem Spot checken, um das Geld zu retten, das wir bereits haben.
Diese Verlustaversion tritt auch in anderen Bereichen auf. Forscher haben herausgefunden, dass Investoren, die kurzfristige Berichte zu ihren Investments erhalten, eher zu konservativeren und weniger profitablen Entscheidungen tendieren, als Investoren, die langfristige Berichte erhielten. Das Bewusstsein der erstgenannten Investoren nahm minimale Verluste deutlich spürbarer wahr, als die kompensierenden Gewinne. Auch wenn das Endergebnis für beide gleich ausfiel, herrschte bei den kurzfristig agierenden Investoren eine deutlich negativere Empfindung bezüglich der eigenen Investitionen vor. Daher wählten sie weniger profitable aber verlässlichere Optionen.
Das scheint auch auf Poker übertragbar zu sein. Wie oft habt ihr zum Beispiel während eurer letzten Session die aktuellen Resultate im Trackingtool gecheckt? Es hat einen Grund, warum uns immer wieder eingebläut wird, dass man beim Spielen die Ergebnisse durchweg ausblenden sollte.
Der Ankereffekt
Eine weitere wichtige Verzerrung ist der Ankereffekt, von dessen Relevanz der Großteil der Forschung überzeugt ist.
Der Effekt erklärt sich wie folgt: Im Zuge eines Experiments hat man verschiedene Personen um die letzten drei Ziffern ihrer Telefonnummer gebeten. Im Anschluss hat man dieselben Personen dann gefragt, wann die Westgoten Rom geplündert haben (die richtige Antwort ist 410 n. Chr.). Personen, deren Telefonnummerziffern höher ausfielen, tendierten zu einem späteren Datum, als diejenigen mit niedrigeren Ziffern. Mit anderen Worten: Die letzten drei Ziffern der Telefonnummer haben als "Anker" gewirkt und ihre Schätzungen entweder zum einen oder anderen Ende "gezogen".
Dieses Phänomen kann leicht mit dem neurologischen Netzwerk innerhalb unseres Gehirns erläutert werden. Kommt es zur Aktivierung bestimmter Nervenzellen, können auch angrenzende Zellen leichter aktiviert werden. Nervenzellen, die hohe Zahlen verarbeiten, befinden sich näher aneinander, als an Zellen, die für niedrige Zahlen verantwortlich sind. Die Reihenfolge und Art der neurologischen Aktivierung hat also einen direkten und signifikanten Einfluss darauf, wie wir denken.
Das kann verschiedene Auswirkungen auf unser Pokerspiel haben. Nehmen wir zum Beispiel an, dass wir einen Bluff mit Ace-High gecallt und den Pot gewonnen haben. In ein paar Händen befinden wir uns in derselben Situation, allerdings gegen einen anderen Gegner. Man kann davon ausgehen, dass sich die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Ace-High-Bluffcatch verbessert hat, allerdings fällt es uns nun auch leichter, uns selbst davon zu überzeugen, dass unser Gegner blufft. Der Bluff, den wir zuvor erfolgreich gekontert haben, wird zu unserem Anker.
Übrigens sollte man es daher auch immer positiv sehen, wenn ein schwacher Spieler, der häufig Fehler macht, eine Hand zwar schlecht spielt, weil er zum Beispiel entgegen seiner Odds drawt, aber sie dennoch gewinnt. Der Erfolg wird sich wie ein Betonklotz an sein Bein heften und ihn in der Zukunft immer und immer wieder runterziehen.
Diese Verzerrung kann auch bei der Analyse von Sessions beobachtet werden. Wenn man eine Verlustsession direkt im Anschluss auswertet, ist es wahrscheinlicher, dass man mehr Gründe findet, um seine Entscheidungen zu begründen und zu unterstützen, als zu einem späteren Zeitpunkt. Das liegt daran, dass das Bewusstsein noch mit der Wahrnehmung während des Spielens verbunden ist, sodass es schwerer fällt, objektiv zu sein. Wenn man sich dieselbe Session dann am nächsten Tag anschaut, erkennt man plötzlich, wie unrealistisch manche Begründungen und Schlussfolgerungen waren.
Fortsetzung folgt...



