Die zwei Arten von Calling-Stations
Einige Spieler neigen dazu, zu viele Hände zu callen, während andere gänzlich auf Raises verzichten. Doch welche Strategie ist gegen diese beiden Spielertypen jeweils am effektivsten?

In meiner Artikelreihe "Selbstversuch" versuche ich, knifflige Spots in Eigenregie zu lösen und im Anschluss einen Solver zurate zu ziehen, um den tatsächlich korrekten Lösungsweg zu finden – zumindest wenn es um das spieltheoretische Optimum geht.
In den letzten Wochen habe ich intensiv mit der neuen Post-Flop-ICM-Funktion von GTO Wizard experimentiert. Nach meinem letzten Artikel über Calling-Stations habe ich eine interessante Theorie entwickelt.
Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass es zwei Arten von Calling-Stations gibt. Auf der einen Seite stehen die passiven Spieler, die zwar mit den richtigen Händen weiterspielen, aber zu selten raisen. Auf der anderen Seite gibt es Spieler, die Hände callen, die sie eigentlich gar nicht spielen sollten. Meine Vermutung lautet, dass je nach Spielertyp eine andere Strategie erforderlich ist.
Um diese Theorie zu testen, werfen wir einen Blick auf folgende Hand. Im Duell BTN gegen BB sehen wir bei effektiven Stacks von 40BB einen 9-4-2 Rainbow-Flop. Nachdem der BB seine gesamte Range checkt, wird folgende Strategie für den BTN vorgeschlagen (Die Betsizes wurden automatisiert von GTO Wizard ermittelt):

Eine gemischte Strategie ist hier durchaus sinnvoll, da der BTN den Flop zwar oft verfehlt, aber dennoch einen deutlichen Range-Vorteil besitzt. Daraus ergibt sich eine Setzfrequenz von 74 %.
Daraufhin spielt der BB wie folgt weiter:

Die meisten Hände landen im Muck, da auch der BB häufig den Flop verfehlt. Die meisten Raises werden mit 9x-Händen vorgeschlagen, da sie aktuell vermutlich vorne liegen, aber anfällig gegen Overcards sind.
Nun untersuchen wir mithilfe der Node-Lock-Funktion, was passiert, wenn der BB zwar weiterhin dieselben Hände spielt, aber gänzlich auf Raises verzichtet. Die bisherigen Check/Raises werden also zu Calls. In diesem Fall sieht die Reaktion des BTN folgendermaßen aus:

Ohne die Gefahr, gecheckraist zu werden, kann der BTN seinen Range-Vorteil voll ausspielen und mit all seinen Händen setzen.
Gehen wir nun einen Schritt zurück. Diesmal ändern wir die Node-Lock-Einstellungen so, dass der BB weiterhin mit denselben Händen raist, aber zusätzlich 30% der Hände callt, die zuvor gefoldet wurden. In diesem Fall wird für den BTN folgende Strategie vorgeschlagen:

Interessanterweise hat die Setzfrequenz im Vergleich zur GTO-Strategie abgenommen, statt zuzunehmen. Im Wesentlichen sind es dieselben Hände, die gesetzt werden, nur eben seltener.
Diese Strategie überrascht mich nicht. Der wohl wichtigste Punkt, den ich je aus Solver-Analysen mitgenommen habe, ist, dass sie es tunlichst vermeiden, gereraist zu werden. Der Solver vermeidet es mit allen Mitteln, Equity aufgeben zu müssen. Wenn keine Gefahr besteht, dass geraist wird, setzt der Solver mit nahezu allen Händen. Gegen Spieler, die nie folden, können wir unsere Setzfrequenz jedoch nicht beliebig erhöhen.
In einem GTO-Umfeld erzielt der BTN im Schnitt 4,09 BB, während der BB mit einem Gewinn von 2,01 BB rechnen kann. Wenn der BB gänzlich auf Raises verzichtet, steigt der Gewinn des BTN auf 4,24 BB, während der BB nur noch 1,86 BB erzielt. Behält der BB seine Raising-Range aufrecht, aber callt gleichzeitig zu viele Hände, erhöht sich der Gewinn des BTN auf 4,29 BB, während der Erwartungswert des Big Blinds auf 1,81 BB abfällt. Auf Raises zu verzichten, stellt also einen weniger schwerwiegenden Fehler dar als das zu häufige Callen. Auf lange Sicht kostet dieser Fehler sage und schreibe 20BB auf 100 Hände.
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