Ein verrückter Bluff auf NL5.000?!
Heute schauen wir uns zusammen mit KTU eine Hand auf NL5.000 an, die viele Fragen aufwirft.

Es ist ratsam, NL5.000-Tische zu beobachten. Hier sieht man, was die Größten der Großen so treiben und bekommt Einblicke in ihre Gameplans. Besonders interessant wird es, wenn die Plätze am Tisch lange frei bleiben. Dann kann man davon ausgehen, dass das Niveau wirklich sehr hoch ist und kein richtiger Fisch herumschwimmt.
Hände mit Showdown geben uns beim Beobachten Hinweise auf die Gameplans der ganz Großen. Die hier ausgewählte Hand wirft eine Frage auf: Dreht 1nvoker am Button mit A4s komplett durch?
Bejaht man das, könnte man weiter vermuten, dass Also11 seinen Gegner perfekt ausgetrickst hat. Er checkt mit AK am Turn, um einen Bluff zu induzieren und 1nvoker tut ihm prompt diesen Gefallen und verblufft $5.000. Das ist zu kurz gedacht. Ich behaupte, dass diese Hand von beiden Seiten korrekt gespielt wurde und wir viel davon lernen können.
Vernünftige Ranges entstehen dadurch, dass beide das Beste aus ihrer Position herausholen wollen

Vernünftige Ranges zu spielen bedeutet, dass wir unseren Gegner nicht unterschätzen und im Gegenteil davon ausgehen, dass er keine groben Fehler macht. "Ich folde hier am River mein AQ, da auf NL50 hier niemand blufft", wäre ein Beispiel für unvernünftige Range-Konstruktion. So wird man leider kein guter Pokerspieler.
Wirkliche Erkenntnis gewinnen wir nur, wenn wir uns fragen, was passiert, wenn beide "genau richtig" spielen. Die extremen Mechaniken sind immer einfach:
- Er blufft zu oft und darum calle ich mit meinen ganzen marginalen Händen
- Er bluff zu wenig und darum folde ich meine ganzen Bluffcatcher
- Mein Gegner callt zu viel. Ich bette nur for Value
- Mein Gegner foldet zu viel. Ich kann alles bluffen.
Nur selten sieht man hochwertige Diskussionen darüber, was eigentlich passiert, wenn beide Seiten davon ausgehen, dass ihre Gegner nichts "zu oft" oder "zu wenig" machen, sondern eben "genau richtig" spielen. Das ist oft die Realität auf den Highstakes und Spieler aller Klassen können davon lernen. Denn nur wenn man "genau richtig" verstanden hat, kann man auch mit Verstand das eigene Spiel dem des Gegners anpassen.
Übrigens bringen vernünftige Ranges einen weiteren Vorteil mit sich: Optimale Strategien sind nämlich extrem tödlich gegen die wenig ausbalancierten Strategien der typischen Micro- und Smallstakes-Spieler.
1nvoker attackiert die Blinds mit einer 50%-Range - Tendenz fallend

Welche Hände sind bei starker Gegnerschaft in den Blinds profitabel für ein Blindsteal am Button?
Je besser die Blinds spielen, desto weniger können wir am Button openraisen. Zurzeit gehen wir davon aus, dass man mit einem 2,5 Big Blinds großen Blindsteal ungefähr 50% seiner Hände profitabel spielen kann. Die Tendenz ist allerdings fallend.
Das – vor allem preflop sehr starke – Programm PokerSnowie schätzt gegen sehr starke Gegner nur 39% der Hände als profitabel ein und viele starke Spieler folgen diesem Trend von Mr. Silikon bereits. Trotzdem ist die gute alte 50%-Range am Button immer noch der Startpunkt der meisten Geschichten am Pokertisch.

Diese Range basiert auf den folgenden Annahmen: Der Small Blind würgt euch in 15 bis 18% der Fälle eine 3-Bet rein, während der Big Blind zu 13% 3-bettet und 50% seiner Hände callt.
Verteidigen eure Gegner ihre Blinds deutlich seltener, dann könnt ihr diese Range natürlich erweitern. Macht euch aber bewusst, dass ihr vorsichtiger mit allen Händen am Flop agieren müsst. Das Motto lautet: Obacht geben, länger leben.
Schließlich seid ihr am Flop gegen eine stärkere Range unterwegs.
Also11 verteidigt den Small Blind mit einer "3-Bet-only-Strategie" von 15% bis 18%
Das ist seit 2013 der letzte Schrei und gilt als das Nonplusultra im Small Blind gegen einen Button-Steal. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Nach einem Call bekommt der Big Blind sehr gute Odds und wir spielen sehr oft zu dritt in der schlechtesten Position. Will man zusätzlich auch noch 3-Bets im Small Blind spielen, bleiben nur sehr wenige Hände zum Callen. Das wiederum gibt den Gegnern einen Informationsvorteil und macht die Call-Hände nochmals schwieriger zu spielen.
Wir gehen für diese Hand also von der folgenden 15%-Range aus:
1nvoker wird 50% bis 60% seiner Range gegen die 3-Bet verteidigen.

Verdrängt hier bitte den Gedanken "Autoprofit vermeiden" aus eurem Denken. Es geht einfach darum, welche Hände man profitabel fortsetzen kann. Je weiter die 3-Bet-Range ist, umso mehr Hände könnt ihr natürlich verteidigen. Graue Hände folden, gelbe Hände 4-betten und rote Hände callen. Gelb-Rote Hände werden schließlich zu 50% in Calls und 4-Bets aufgeteilt.
Wichtig ist hier, dass man bei einer 4-Bet davon ausgeht, oft einen Call zu bekommen. Der Small Blind 3-bettet schließlich vor allem relativ gute Hände und die meisten davon können auch eine 4-Bet mitgehen.
Wichtig ist, dass man schon bei seiner Preflop-Entscheidung ein paar Ideen hat, wie es postflop weitergehen kann. Darauf kommen wir dann in der nächsten News zu sprechen.
Das Postflop-Spiel ist auch das Thema der nächsten News zu dieser Hand. Generell merkt euch für das Spiel am Button gegen 3-Bets: 3-bettet eurer Gegner deutlich seltener, dann müsst ihr auch mehr Hände folden. Callt euer Gegner keine 4-Bets, dann verschwinden Hände wie AJs und JTs aus eurer 4-Bet-Range und ihr 4-bettet lieber Hände wie A8o. Die Hände spielen sich zwar grausam am Flop, aber dazu kommt es dann ja nicht. Daran sieht man übrigens auch schön, warum die alte Regel „Wir callen keine 4-Bets“ euren Gegnern das Leben sehr sehr einfach macht.
Bis hierhin haben wir gelernt:
- Vernünftige Ranges entstehen, wenn beide Spieler gut spielen
- Openraise- und Defend-Ranges für den Button.
- Eine moderne "3-Bet-only-Strategie" für den Small Blind
- Die wichtigsten Anpassungen an eure Gegner.
Wie seht ihr die Hand? Was haltet ihr vom Spiel der Highstakes-Regulars Also11 und 1nvoker? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!
