Frühere Fehler beim Poker: Backdoor-Draws
Lange Zeit wurden Backdoors unterschätzt und links liegen gelassen. Die Solver haben uns aber gezeigt, dass sie mit genug Aggression profitabel spielbar sind...
Zahlreiche Konzepte, die früher gängige Bestandteile moderner Pokertstrategie waren, sind heute nicht mehr zeitgemäß. Solver erlauben uns heutzutage ein tieferes Verständnis der Spieltheorie. In früheren Artikeln haben wir in diesem Zusammenhang bereits die Themen Setminen und Domination beleuchtet.
Heute widmen wir uns den Backdoor Draws, deren Wert für lange Zeit völlig unterschätzt wurde.
Things elite poker players used to believe (pre solvers)
1. Worried far more about domination than they should have
2. Overrated set mining
3. Blockers weren’t a thing in NLH (only PLO)
4. Backdoors didn’t matter much
5. Limping always terrible (especially from small blind) pic.twitter.com/KqYh8pBtva— Dara O'Kearney (@daraokearney) September 28, 2022
Der doppelte Nutzen von Backdoor-Draws
Von einem Backdoor-Draw ist die Rede, wenn man zwei aufeinanderfolgende Karten auf den Turn und River benötigt, um eine starke Hand wie etwa eine Straight oder einen Flush zu bilden. Hält man beispielsweise JQ, und der Flop zeigt 287, sind entweder 2 Herz-Karten oder die Kombination aus einer 9 und einer T auf den letzten beiden Straßen nötig, um den Gegner am River mit einem Monster zu überraschen.
Lange Zeit wurde das Spielen von Backdoor-Draws nur müde belächelt und als waghalsige Außenseiterwette abgetan.
In den letzten Jahren eröffneten uns die Solver jedoch ein tieferes Verständnis der Pokertheorie. Dabei wurde deutlich, dass es äußerst profitabel sein kann, eine Kombination aus zwei Backdoor-Draws aggressiv zu spielen.
Betrachten wir den Flop 744als Beispiel. In folgendem Szenario erhöht der Spieler am Button und der Big Blind callt, während mit einer effektiven Stackgröße von 40 Big Blinds gespielt wird. Die meisten Hände, mit denen der Big Blind checkraisen könnte, enthalten eine 4, wie etwa K4s und 54s. Die vollständige Range des Big Blinds sieht wie folgt aus:

Um eine ausbalancierte Range zu gewährleisten, sind allerdings auch einige Bluffs nötig. Dafür schlägt der Solver Hände wie JTs, J9s, T9s, T8s, T6s, 98s und 95s vor, falls diese über einen Backdoor-Flushdraw verfügen.
Gut getarnt und leicht zu spielen

Obwohl all diese Hände auf dem Flop wie Nieten erscheinen, verfügen sie dennoch über das Potenzial, auf dem River einen Flush oder eine Straight zu treffen. Selbst eine scheinbar aussichtslose Hand wie 95kann durch die vielversprechende 6 am Turn zu einem mächtigen Straight- und Flushdraw aufgewertet werden.
Eine Hand wie 95 erweist sich daher als ausgezeichneter Bluff-Kandidat. Wenn die Turn-Karte die Möglichkeit zu einem Draw eröffnet, bietet sich die Gelegenheit zu einem äußerst profitablen Bluff. Falls man sowohl auf dem Flop als auch auf dem Turn gecallt wird und sein gut getarntes Monster am River trifft, wird es kaum einem Gegner gelingen, seine Hand gegen eine Valuebet zu folden. Gleichzeitig lässt sich solch eine Hand problemlos aufgeben, falls man nichts trifft.
Mit dieser Strategie im Hinterkopf wird das Vorgehen auf jeder einzelnen Straße eindeutig.
Wendet man solch eine Solver-Strategie in der Praxis an, werden die Gegner enorme Schwierigkeiten haben, ein gut getarntes Monster am River zu durchschauen. Es dürfte vielen völlig abwegig erscheinen, dass jemand eine Hand wie 95 checkraist, was zu lukrativen Auszahlungen am River führt, falls man seine Hand vervollständigt. Da solche Hände vielen Gegnern lange im Gedächtnis bleiben, könnten sie einen fälschlicherweise für einen waghalsigen Glücksritter halten, was wiederum in vielen anderen Situationen von Vorteil sein könnte.
Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr auch zuhauf in Dara O'Kearneys Buch GTO Poker Simplified.