Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Hilft das GTO dem eigenen Mindset?

Dara O'Kearney erläutert, warum einige Spieler besser mit den Swings beim Poker umgehen können, sobald sie sich mit dem spieltheoretischen Optimum auseinandergesetzt haben.

Dara O Kearney
Dara O'Kearney 

Generell bedeutet das Spielen eines GTO-Stils, dass man immer etwas Value gegen schlechte Spieler liegenlässt, weil man sie exploiten könnte. Ein Spieler, der GTO aber bereits auf den Microstakes lernt, kann theoretisch in jeder Partie profitabel agieren, egal welches Limit. In der Realität würde der Druck des Geldes irgendwann natürlich aber seine Auswirkungen haben.

Einer der Gründe, warum einige Spieler den Exploit-Ansatz grundsätzlich vermeiden, ist, dass der GTO-Ansatz leichter zu befolgen ist, wenn es um das eigene Mindset geht. Ein Zitat von Bertrand Russell fasst die Vorteile eines GTO-Spielers in dieser Hinsicht gut zusammen: "Was die Menschen wirklich wollen ist nicht Wissen, sondern Gewissheit."

Spieler, die ihre Gegner exploiten wollen, müssen mit deutlich mehr Ungewissheit klarkommen, weil so viel mehr schiefgehen kann. Die Annahmen zum gegnerischen Spiel könnten falsch sein und die Gegner sehr weit von den eigenen Erwartungen abweichen. Gegner A könnte in eine Richtung des Entscheidungsbaums abdriften, während Gegner B einer völlig anderen folgt. Wenn ein Exploit-Spieler annimmt, dass ein Gegner zu wenig blufft, wird er daraus entsprechende Schlüsse für seine Aktionen ziehen. Zeigt der Gegner dann einen Bluff, wird sich sofort Ungewissheit bemerkbar machen. Waren alle Annahmen etwa falsch? Oder hat er hier nur einmal geblufft, hunderte andere Möglichkeiten zum Bluffen aber ignoriert? Spieler, die exploiten wollen, dürfen nie zu hart mit sich selbst ins Gericht gehen, auch wenn sie sich immer hinterfragen werden.

GTO-Spieler sind diesem Stress nicht ansatzweise ausgesetzt, weil sie für gewöhnlich einen Spot spieltheoretisch optimal simulieren können und damit eine Antwort auf die Frage erhalten, ob sie einen Fehler gemacht haben. GTO ist ein Ansatz, der in allen denkbaren Lagen funktioniert, in dem Sinne, dass man entweder spieltheoretisch korrekt gespielt hat oder weiß, dass man einen Fehler gemacht hat.

GTO-spezifische Mindset-Probleme

Dara O Kearney
Solver können Gewissheit verschaffen

Aber auch wer strikt dem GTO folgt, dem bleiben Mindset-Probleme nicht erspart. Weil das GTO gemischte Frequenzen beinhaltet, sind die meisten Plays auch zu einem kleinen prozentualen Anteil der Zeit korrekt. So kann man in einer Hand von einem offenbar sehr schlechten Herocall ausgehen, nur um dann herauszufinden, dass besagter Call aus Balancegründen auch beim GTO in 12% der Fälle gespielt wird. Schnell ist eine Art von Krücke gefunden, mit der man all seine schlechten Plays irgendwie rechtfertigen kann.

Aber nur weil etwas erlaubt ist, heißt es nicht automatisch, dass es kein Fehler ist. Wenn man im obigen Beispiel in 100% der Fälle den Herocall bringt, bleibt es ein massiver Fehler in dem Spot. Callt man tatsächlich in der Situation in 12% aller Fälle? Vermutlich nicht.

Mein Freund Niall Farrell hat sich einmal bei einem Daily Deepstack die Kante gegeben, nachdem er beim Main Event des entsprechenden Festivals ausgeschieden war. Er war sehr getiltet und erklärte mir, dass er "sehr viele Niedrigfrequenz-Plays mit hoher Frequenz gespielt" habe. Das war natürlich ein Scherz, aber eine akkurate Beschreibung des Problems, dem GTO-Spieler ausgesetzt sind.

Wer also vom spieltheoretischen Optimum profitieren will, der sollte auch ehrlich mit sich sein bei Einschätzungen, wie häufig man Aktionen bringt, die eigentlich nur in der klaren Minderheit aller Fälle gespielt werden sollten. Als Ansatz für Anfänger kann man sich zu Beginn lediglich auf das Spielen der vom GTO für die Mehrheit der Fälle vorgesehene Aktion konzentrieren und die Niedrigfrequenz-Plays für Balancing zunächst außer Acht lassen.

Grundsätzlich empfehle ich immer einen Mix aus GTO- und Exploit-Ansatz basierend auf solider Gameselection. Wer aber mit der Ungewissheit beim Poker zu kämpfen hat, was Annahmen zum gegnerischen Spiel betrifft, der findet im GTO eine gute Lösung!

Weitere strategische Einblicke von Dara O'Kearney findet ihr jederzeit auch in seinem neuesten Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book.