Kann man im Main Event jemals Asse preflop folden?
Dara O' Kearney untersucht mit Blick auf das ICM die Vor- und Nachteile, wenn man sich beim größten Turnier des Jahres an der Bubble ins Geld folden will...
Einer der Nebeneffekte beim Schreiben eines Buch über Satellites ist, dass ich jedes Jahr mit Blick auf die Main-Event-Bubble nach einem fragwürdigen Fold gefragt werde. Es ist oft strategisch richtig, Asse in einem Satellite vor dem Flop zu folden, da das Ziel darin besteht, ein Ticket und nicht das ganze Turnier zu gewinnen. Aber kann es korrekt sein, Asse auch in einem normalen Turnier schon vor dem Flop zu folden?
Diese Frage ist in diesem Jahr erneut aufgekommen, nachdem ein Spieler behauptet hat, er habe Asse an der Bubble des WSOP Main Event gefoldet:
BEST MOMENT OF @WSOP!
CHIP LEADER OPENS ON STONE BUBBLE, 5 SEAT FOLDS ACES AND GETS SHOWN 86o!!
Pure agony! pic.twitter.com/kv3cUEPOuu
— Frankie C (@FrankieCucc) July 10, 2023
Ich vermute, dass der Fold nicht korrekt war, kenne aber die involvierten Stacks nicht. Es gibt jedoch einige Situationen in Turnieren, in denen das Folden von Assen vor dem Flop korrekt ist.
Viele Spieler denken, dass man Asse an der Bubble des Main Events folden sollte, wenn zwei sehr große Stacks aufeinandertreffen. Aber tatsächlich sollte man erst in Betracht ziehen, Asse zu folden, wenn man sehr shortstacked ist. Nehmen wir an, man hat an der Main-Event-Bubble nur noch die Hälfte seines Startstacks. Dieser Stack hatte zu Beginn des Main Events einen Wert von $5.000, aber wenn man es knapp ins Geld schafft, ist dieser plötzlich $15.000 wert. Selbst wenn man diesen Stack verdoppelt, ist er nicht viel mehr wert, daher liegt die gesamte Equity darin, als Shortstack die Preisgeldränge zu erreichen.
Es ist tatsächlich eine deutlich kleinere Katastrophe, mit einem großen Stack zu bubbeln, weil der Mincash in Höhe von $15.000 nur ein kleiner Teil der kompletten Equity war.
Ich konnte meinen Autorenkollegen Barry Carter überzeugen, den Holdem Resources Calculator anzuschmeißen, um das Beispiel zu veranschaulichen. Das ist die Bubble eines 180-Mann-SNGs bei PokerStars. UTG hat nur noch einen BB und ist an der Reihe – der Button hat zwei Big Blinds und alle anderen Spieler haben um die 100BB. Unten sieht man die Ranges für alle Spieler, wenn zu ihnen gefoldet wird:

Aus dem Bauch heraus würde man sagen, dass der 1BB-Stack und der 2BB-Stack alle zwei beliebigen Karten spielen sollten, aber es ist spannend wie die beiden Stacks tatsächlich agieren sollten. UTG kann nur Asse preflop spielen und der BU foldet alle Hände, einschließlich Asse. Der Button foldet auch 100% der Hände, wenn jemand vor ihm eröffnet.
Eine Verdopplung der Stacks hat für beide Spieler praktisch keinen Nutzen, da sie im Vergleich zu den anderen Spielern sehr wenige Chips haben. Diese Spieler werden das Turnier mit sehr hoher Wahrscheinlich nicht gewinnen können und sind stattdessen in einem "Pseudo-Satellite-Spot" gefangen.
Das war zwar nur eine theoretische Situation, aber es wird beim WSOP Main Event Spots geben, die fast identisch sind. Vielleicht nicht zwei extreme Shortstacks an einem Tisch, aber sicherlich mehrere, die über das gesamte Feld verteilt sind.
Equity-Berechnung an der Bubble

Hier ist ein kurzer Ratschlag aus dem Buch Endgame PokerStrategy: The ICM Book, wie man seine Equity schnell berechnen kann, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können.
Wir bekommen eine grobe Vorstellung unserer Equity an der Bubble, indem wir "vorspulen" und uns vorstellen, wie unsere Equity aussehen würde, wenn die Bubble platzt und dies dann als groben Anhaltspunkt dafür verwenden, was wir an der Bubble riskieren. Wir schätzen unsere Equity nach dem Platzen der Bubble als den Wert eines Mincashes zuzüglich unseres prozentualen Anteils am verbleibenden Preispool basierend auf unserem prozentualen Chipanteil ein.
Nehmen wir an, wir haben ein Buy-in von $100, ein Teilnehmerfeld von 500 Spielern, 60 Spieler kommen ins Geld und der Min-Cash beträgt zwei Buy-ins. Das bedeutet, wenn die Bubble platzt, ist jedem Spieler ein Mincash von zwei Buy-ins garantiert (insgesamt 120 Buy-ins) sowie ein Anteil am verbleibenden Preispool (insgesamt 380 Buy-ins), basierend auf ihrem Chipanteil.
Ein Spieler, der die Bubble mit einem Startstack übersteht, hätte einen Equity von zwei Buy-ins plus einem fünf Hundertstel der anderen 380 Buy-ins (0,76 Buy-ins). Seine Equity wäre also 2,76 Buy-ins oder $276.
Wenn dieser Spieler an der Bubble all-in gehen würde, würde er nur einen Startstack (0,76 Buy-ins) an Equity gewinnen, aber 2,76 Buy-ins riskieren. Das bedeutet, dass er eine Equity von 78% benötigen würde, um einen profitablen Call zu machen. Gegen jede beliebige Hand wären Jacks ein Fold, und gegen eine Range von 20% wären Aces die einzige Hand, mit der er callen könnte.
Wenn ein Spieler mit fünf Startstacks die Bubble übersteht, wäre seine Equity zwei Buy-ins plus 5/500 Hundertstel des verbleibenden Preisgeldpools (3,8 Buy-ins). Seine Equity würde 6,8 Buy-ins betragen oder $680. Wenn dieser Spieler vor der Bubble all-in geht, würde er 6,8 Buy-ins riskieren, um 3,8 Buy-ins zu gewinnen. Eine schnelle Berechnung des Bubble-Fakors zeigt, dass er eine Equity von 64% benötigt, um profitabel zu callen. Gegen die Top 20% der Hände bedeutet dies, dass er JJ+ und AKs benötigt, um callen zu können.
Diese komplizierte Berechnung ist wahrscheinlich ziemlich entmutigend, wenn man nicht brillant in spontaner Mathematik ist und es ist wahrscheinlich ratsam, diese zu vermeiden, wenn man sich damit nicht wohlfühlt. Diese Berechnungen werden viel instinktiver, nachdem man sich eine Weile mit ICM beschäftigt hat. Sogar ein minderbegabter Spieler mittleren Alters kann sie durchführen.
In den meisten Fällen, wenn jemand Asse an der Bubble des Main Events foldet, geschieht dies aufgrund der emotionalen Komponente des Geldes und/oder des Prestiges des Events. Aber es gibt tatsächlich Situationen, in denen es korrekt ist, wenn einem das Geld wichtig ist.