Mentale Hürden beim Aufstieg in den Limits
Jared Tendler gewährt heute wertvolle Einblicke in die mentalen Herausforderungen, die euch beim Poker beim Aufstieg auf höhere Stakes erwarten...

Viele Pokerspieler arbeiten stets auf den nächsten Limitaufstieg hin. Allerdings gehen damit wiederkehrende Herausforderungen einher, die es zu bewältigen gilt, da sonst zusätzlich mentale Hürden entstehen.
Wer sich auf höhere Stakes vorwagt, tut dies mit der Absicht, mehr Geld zu verdienen. Allerdings kann ein Limitaufstieg auch Probleme mit sich bringen, da der zusätzliche Druck einen Spieler durchaus aus der Bahn werfen kann. Kompetentere Gegner werden potenzielle Schwachstellen gnadenlos ausnutzen. Auch in anderen Tätigkeitsfeldern können neue Aufgaben mit gesteigerter Verantwortung zu Problemen führen, unterscheiden sich jedoch in ihrer Ausprägung in Abhängigkeit von dem Beruf und der Position. Daher sollte man sich im Vorfeld fragen, wie groß der Schritt des Limitaufstiegs tatsächlich ist.
Für einen bereits etablierten Profi stellt ein Limitaufstieg lediglich einen weiteren Schritt in gewohntem Gefilde dar, immerhin hat er diesen Prozess schon häufig durchlaufen. Für einen ambitionierten Amateur hingegen kann das Spiel auf höheren Stakes nervenzehrend sein, da er sich erst an die größeren Beträge gewöhnen muss und die Summen womöglich eine erhebliche Rolle im realen Leben spielen.
Für ambitionierte Spieler mit dem Ziel, das Spiel professionell auszuüben, ist es gleichermaßen wichtig, ihre Bankroll auszubauen und ihr Können unter Beweis zu stellen. Wenn mit einem Limitaufstieg der Schritt zur Vollzeittätigkeit verknüpft ist, entsteht doppelter Druck. Einerseits ist das Ziel zum Greifen nah, und so kurz vor dem Erfolgsmoment möchte niemand scheitern. Andererseits verstärkt sich dieser Druck, wenn jemand mit seiner aktuellen Situation unzufrieden ist und Poker oder Trading als Ausweg aus seiner misslichen Lage sieht.
Als letzte Bemerkung sei angemerkt, dass ein zu früher Limitaufstieg für Anfänger ein großer Fehler ist und oft zu leeren Konten führt. Daher sollte man sicherstellen, dass man dazu bereit ist.
Um genauer auf Probleme einzugehen, die in jedem Stadium auftreten können, sind im Folgenden einige Beispiele für potenzielle Stolpersteine aufgeführt.
Vom wahren Wert des Geldes lösen

Sobald mehr Geld auf dem Spiel steht, fallen Gewinne und Verluste stärker ins Gewicht. Man neigt dazu, die Beträge mit ihrer Bedeutung im realen Leben zu vergleichen. Während einer einzigen Spielsession können durchaus Hypothekenraten oder Autos den Besitzer wechseln. Das führt dazu, dass sich die Perspektive von der rein geschäftlichen Betrachtungsweise des Kapitals verlagert. Ein hilfreicher Tipp könnte sein, Buy-ins stets als prozentualen Anteil der Bankroll zu betrachten, um sich weniger auf den monetären Wert im realen Leben zu fokussieren.
Mit zunehmenden Geldbeträgen geht oft die Angst vor dem Verlust einher. Das kann dazu führen, dass man Gewinne zu früh sichert oder profitable Partien vorzeitig verlässt, selbst wenn man bereits einige Buy-Ins gewonnen hat. Doch warum fürchtet man eigentlich den Geldverlust? Liegt es einfach daran, dass man größere Beträge verlieren kann als man es gewohnt ist? Oder geht mit einem Verlust ein Rückschritt der eigenen Ziele einher? Könnte das Selbstvertrauen leiden, weil Geld für einen gleichbedeutend mit Selbstbewusstsein ist? Wird ein Verlust als Niederlage in einem Wettbewerb wahrgenommen? Um diese Ängste zu überwinden, sollte man sich zunächst bewusst machen, für was das Geld eigentlich steht, und eventuelle Schwächen in der Betrachtungsweise korrigieren.
Im Streben nach Perfektion neigt man oft dazu, sich selbst zusätzlichen Druck aufzubürden. Wenn dann die Varianz zuschlägt und das Pech hereinbricht, kann Frustration schnell die Oberhand gewinnen. Nicht zuletzt erfordert das Spielen mit höheren Einsätzen ein hohes Maß an Selbstvertrauen. Daher ist es durchaus möglich, dass man zunächst sein eigenes Selbstbewusstsein stärken muss.
Der unersättliche Ehrgeiz, der einen dazu antreibt, hart zu arbeiten, kann auch mit dem Wunsch verbunden sein, schnell viel Geld zu verdienen. Der Alles-oder-Nichts-Stil wirkt gleichermaßen aufregend und heroisch. Doch genau dieser Ansatz verhindert häufig, die Fähigkeiten zu entwickeln, die langfristigen Erfolg sichern. Oft betrachten wir die seltenen Ausnahmen, die es geschafft haben, als inspirierende Vorbilder, und versuchen, es ihnen gleichzutun, ohne die hohen Risiken zu realisieren, die damit einhergehen.
Ungeduld bedeutet, den Fokus ausschließlich auf das Ergebnis zu legen und nicht auf die Fähigkeiten, die diesem Ergebnis zugrunde liegen - etwas, für das es keine Abkürzungen gibt. Angesichts der kurzfristigen Schwankungen sowohl im Trading als auch beim Poker sollte man nach einem besonders glücklichen Lauf bewusst etwas Abstand nehmen, damit die eigenen Fertigkeiten Schritt halten können.
Ungelöste Probleme können auf höheren Stakes erneut aufkeimen

Die wahre Bewältigung eines Problems erfordert, dass der Fortschritt selbst unter den anspruchsvollsten Bedingungen aufrechterhalten werden kann. Jeder Limitaufstieg birgt auf verschiedenen Ebenen seine eigenen Herausforderungen.
Diese zusätzliche Komplexität kann entweder verschiedene Facetten eines altbekannten Problems offenbaren oder dasselbe Problem auf einer neuen Ebene präsentieren. Aus diesem Grund schätze ich den Begriff 'Mental Game' so sehr, da er die ständige Weiterentwicklung treffend beschreibt.
Probleme wie Perfektionismus, Wut und Angst mögen auf niedrigen Stakes bereits erfolgreich bewältigt worden sein. Das verleiht einem ein Gefühl der Souveränität und weckt natürlich den Wunsch nach mehr. Es ist jedoch äußerst üblich, dass zuvor als gelöst angesehene Probleme unter zusätzlichem Druck erneut aufkeimen. Daher ist es ratsam, darauf vorbereitet zu sein, falls sie zurückkehren.
Den gängigsten Fehler, den ich beobachte, betrifft Pokerspieler, die nicht darauf vorbereitet sind, ihren altbekannten Problemen erneut zu begegnen. Dadurch entsteht Wut, Angst und der Verlust des Selbstvertrauens. Es fühlt sich wie ein großer Rückschlag an, als ob all ihre bisherige mentale Arbeit umsonst gewesen wäre, aber das ist keineswegs der Fall! Sie waren schlichtweg nicht auf eine erneute Auseinandersetzung mit scheinbar bereits gelösten Problemen vorbereitet.
Der Aufstieg auf ein höheres Limit kann durchaus nervenaufreibend sein und markiert einen wichtigen Moment in der Karriere eines jeden Pokerspielers. Ich wünsche euch allen viel Erfolg!