Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Sind Tells beim Live-Poker verlässlich?

Online-Pro Dara O'Kearney veranschaulicht, wie kognitive Verzerrung unsere Fähigkeit trüben kann, an den Live-Tischen Reads und Tells aufzuschnappen.





Dara O Kearney
Dara O'Kearney

Wie viele andere vor mir habe ich meine Pokerlaufbahn als Online-Spieler begonnen. Als ich dann allmählich anfing, auch live zu spielen, wurde mir meine fehlende Erfahrung bewusst, was das Erkennen von physischen Reads und Live-Tells betrifft. Also habe ich mich immer wieder über Hände mit einem Freund von mir ausgetauscht, der seit Jahren live gespielt hat und deutlich mehr Erfahrung in Sachen Tells hatte.

Eins der ersten Gespräche, das wir zu dem Thema geführt haben, lief wie folgt ab:

"Ich habe mit A4 suited eröffnet und vom Button kam eine 3-Bet. Er hatte den perfekten Stack, um Druck auf mich auszuüben, also nahm ich an, dass er in dem Spot oft light unterwegs ist. Also habe ich geshovet."

"Und...?"

"Er hat gesnapfoldet."

"Konntest du irgendwelche Tells dabei aufschnappen?"

"Er hat die Chips bei seiner 3-Bet ziemlich demonstrativ rausgehauen, aber ich war mir nicht sicher, was das bedeuten könnte."

"Na siehst du, ein klassischer Tell der Sorte 'stark bedeutet schwach'. Er versucht einen starken Eindruck zu vermitteln, obwohl er weak ist. Es ist beim Live-Poker deutlich wichtiger, derartige Tells aufzuschnappen, als sich wie all die ganzen Online-Spieler nur auf technischen Hokuspokus wie Stacksizes und möglichen Druck zu versteifen."

Und hier ist das letzte Gespräch, das wir je zu dem Thema geführt haben:

"Wie bist du rausgeflogen?"

"Ich habe ein Two Pair gerivert und klein gebettet, da ich schonmal gesehen habe, dass er gegen Blockbets am River geshovet hat."

"Und...?"

"Er hat mit einer unwahrscheinlichen Runner-Runner-Straight geshovet, auf die ich ihn niemals gesetzt hätte, nachdem er den Flop mit Nichts gebettet und den Turn gecheckt hatte, als er etwas Equity bekam."

"Konntest du irgendwelche Tells aufschnappen?"

"Er hat seine Chips sehr demonstrativ in die Mitte gestellt."

"Na siehst du, ein klassischer Tell von Stärke. Er wollte den Call aus dir herauslocken, das sind also immer die Nuts. Es ist beim Live-Poker deutlich wichtiger, derartige Tells aufzuschnappen, als sich wie all die ganzen Online-Spieler nur auf technischen Hokuspokus wie Runner Runner und neue Equity am Turn zu versteifen."

Der Tell war derselbe (demonstratives Setzen der Chips), die jeweilige Interpretation jedoch das genaue Gegenteil und nur auf Basis des Ergebnisses korrekt. Das war der Punkt, an dem ich erkennen musste, dass mein Freund wie viele andere Live-Spieler, die von sich behaupten, andere Menschen hervorragend lesen zu können, leider überhaupt nicht dazu in der Lage sind, sondern lediglich kognitiver Verzerrung unterliegen, denen unser Gehirn so leicht auf dem Leim geht.

Nervös und euphorisch kann dasselbe sein

Teddy KGB
Ist das hier ein Zeichen von Stärke oder Schwäche? Vermutlich beides...

Mein Punkt ist nicht, dass ich "beweisen" möchte, dass Live-Tells einfach nur Unsinn sind, sondern vielmehr will ich aufzeigen, dass der führende Experte in dem Bereich Zach Elwood Recht hat, wenn er sagt, dass ein Tell nie absolut ein- und dasselbe bedeuten wird, sondern bei verschiedenen Menschen eine komplett gegensätzliche Bedeutung haben kann.

Es ist also wichtig, dass man eine Korrelation herstellt: Zu erkennen, dass ein Spieler seine Chips bei einer Bet in die Mitte pfeffert, ist eine nutzlose Information, es sei denn man hat ihn dabei schon in der Vergangenheit beobachtet und weiß, dass es immer dasselbe bedeutet (Stärke oder Schwäche). Manche Spieler fangen an zu zittern, wenn sie gerade bluffen, weil sie schlichtweg nervös sind. Manch andere zittern, wenn sie eine starke Hand haben, weil sie euphorisch werden. Kleine Randnotiz: Nervosität und Euphorie bedingen beim Menschen dieselben körperlichen Reaktionen, sodass man sich "vormachen" kann, dass man lediglich euphorisch ist, wenn man wegen etwas nervös wird.

Manche Gegner fangen an ihr Gegenüber anzustarren, wenn sie gerade bluffen, um einschüchternd zu wirken. Andere wiederum fangen mit den Nuts anzustarren, um einen Call zu provozieren. Dasselbe gilt auch für Tells mit Blick auf Betsizing. Manche schwächeren Spieler setzen klein, wenn sie eine starke Hand haben, damit sie einen Call bekommen. Andere machen das Gegenteil und setzen klein, wenn sie am Bluffen sind, weil sie dabei nicht zu viele Chips riskieren wollen. Einige setzen groß, wenn sie wollen, dass man foldet. Andere wiederum hauen die Chips in die Mitte, wenn sie mit einer starken Hand ausgezahlt werden wollen.

Ein guter Spieler achtet natürlich darauf, dass er derart lesbare Setzmuster in seinem Spiel vermeidet und sein Betsizing balancet, das heißt, dass ein- und dieselbe Setzhöhe in einem Spot mal einen Bluff und mal eine Valuebet bedeuten kann.

Live ist die Samplesize winzig

poker scarf
Keine Informationen am Tisch preisgeben

Und selbst wenn man denkt, dass man einen Zusammenhang zwischen einem Tell und der Handstärke des Gegners herstellen konnte, muss man weiterhin vorsichtig sein. Beim Live-Poker ist die Samplesize an Händen derselben Art verschwindend gering. Nur weil man einen Typen dabei beobachtet hat, dass er mit einer schwachen Hand zwei- oder dreimal dasselbe gemacht hat, heißt das nicht, dass er in Zukunft in solchen Situationen immer weak sein wird.

Gute Spieler sind vielmehr in der Lage, einen in genau solche Trugschlüsse zu führen und provozieren gezielt, dass man denkt, man hätte einen Read aufgeschnappt. Mein Podcast-Kollege David Lappin musste genau diese Erfahrung gegen Oldschool-Legende George McKeever machen. Während einer Pause schilderte mir David stolz, dass er beim alten George einen Betsize-Tell erkennen konnte, weil dieser immer klein setzen würde, wenn er weak oder am Bluffen war, und groß, wenn er eine starke Hand hatte. Solche Muster sind bei Spielern der älteren Generation zwar verbreitet, aber ich hatte natürlich Zweifel, dass ein Spieler wie George mit seiner Erfahrung und seinem Erfolg derart transparent agieren würde.

In der nächsten Pause habe ich David dann gefragt, wie es mittlerweil lief:

"Hab leider gerade einen großen gegen George verloren."

"Was ist passiert?"

"Er hat preflop klein eröffnet, von daher dachte ich, er sei weak und habe defendet. Am Flop hat er wieder klein gesetzt, also habe ich gefloatet. Auch am Turn und River folgten kleine Bets, also gab es von mir ein Check-Raise in der Annahme, er hat schlichtweg Nichts."

"Und...?"

"Er hat dann geshovet."

"Dein Betsizing-Tell scheint nicht ganz so verlässlich oder?"

"In der Tat. Beim Stacken der Chips, die kurz zuvor noch mir gehörten, hat er mich nur angegrinst und meinte: 'Dachtest, du hättest bei meinen Bets etwas aufgeschnappt oder?'"

Dieser Artikel ist ein Auszug aus Dara O'Kearneys kostenlosem Strategie-Newsletter, den er regelmäßig verschickt. Wer Lust auf weitere Einblicke hat, kann sich hier jederzeit gratis für den Newsletter anmelden.