Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Strategien gegen Calling-Stations an der Bubble

Gegen einen callfreudigen Spieler kann die Bubblephase schnell zum Spießrutenlauf werden. Doch sollte man wirklich den Fuß vom Gas nehmen, um einer möglichen Eliminierung zu entgehen?





poker

In meiner Artikelreihe "Selbstversuch" versuche ich, knifflige Spots in Eigenregie zu lösen und im Anschluss einen Solver zurate zu ziehen, um den tatsächlich korrekten Lösungsweg zu finden – zumindest wenn es um das spieltheoretische Optimum geht.

Bei meinen umfangreichen Recherchen mit der neuen Postflop-ICM-Funktion von GTO Wizard bin ich auf verblüffende Erkenntnisse gestoßen, die ich heute mit euch teilen möchte – es geht um die allseits beliebten Calling-Stations. 

Viele Spieler sind der Meinung, dass man unter extremem ICM-Druck gegen Calling-Stations Vorsicht walten lassen sollte, insbesondere wenn man nur noch einen kleinen Stack hat. Es wird argumentiert, dass die Foldequity gegen einen callfreudigen Gegner verschwindend gering ist und man sich dadurch nur selbst aus dem Turnier befördert. 

Aber stimmt diese Annahme wirklich? Dazu untersuchen wir folgendes Szenario: Wir befinden uns auf der Bubble eines MTTs mit 1.000 Teilnehmern und sitzen im HJ mit einem Stack von 17BB. Nach unserem Raise werden wir vom BB gecallt, der mit 67BB deutlich besser dasteht. Da die durchschnittliche Stacksize bei 40BB liegt, sind wir gut beraten, den Mincash einzutüten. 

Auf dem Flop erscheint Q72-Rainbow. Die GTO-Strategie sieht für den BB vor, in 100 % der Fälle zu checken. Der Solver schlägt für den HJ folgende Strategie vor:

poker

Der HJ eröffnet mit einer äußerst tighten Range und verfügt nach dem Flop über eine Equity von 69,6% – trotz ICM-Druck ein klarer Fall für eine Range-Bet.

Auf die 20%-Bet reagiert der BB wie folgt:

poker
 

Da dieser Flop schwierig zu treffen ist, landen die meisten Hände im Muck. Selbst gegen die Bluffs des Hijacks liegen viele seiner Hände hinten.

Doch was passiert, wenn wir mithilfe der Node-Lock-Funktion festlegen, dass der BB niemals Ace-High oder King-High foldet? In diesem Fall sollte der HJ folgendermaßen reagieren:

poker

Tatsächlich ändert sich seine Strategie nicht im Geringsten. Durch den enormen Range-Vorteil sollte der HJ trotz des ICM-Drucks das Risiko eingehen, eliminiert zu werden, und Value extrahieren. 

Nun untersuchen wir einen anderen Flop, und zwar 8-3-2 Rainbow. Nachdem der BB seine gesamte Range checkt, fährt der HJ wie folgt fort:

poker
 

Hier sehen wir eine gemischte Strategie, darunter auch einige All-ins. Dies ist ein weitaus polarisierteres Szenario, weshalb wir häufiger checken.

Die Reaktion des Big Blinds auf die 20%-Bet:

poker
 

Gegen solch eine kleine Bet wird selten gefoldet, da viele Hände mit Verbesserungspotenzial im Spiel sind.

Wie verändert sich die Strategie, wenn der BB seinem Namen als Calling-Station alle Ehre macht und mit sämtlichen Händen callt und sogar gelegentlich raist?

In diesem Fall schlägt der Solver für den HJ folgende Strategie vor:

poker
 

Sowohl die Bet-Frequenz als auch die Bet-Sizes werden reduziert. Dadurch wird nicht nur der Stack geschont, sondern auch weiterhin Value extrahiert. Der Big Blind callt die kleinen Bets zu oft und lässt damit wertvolle Chips auf dem Tisch. Würde der Big Blind genauso freizügig größere Bets callen, würden wir unsere Betsizes entsprechend anpassen. 

Natürlich sollte man zweimal überlegen, gegen wen man setzt, besonders wenn man in Bubble-Situationen gecovert wird. Doch im Allgemeinen ist es gerade gegen Calling Stations ratsam, häufiger zu setzen, um den eigenen Range-Vorteil voll auszuspielen.

    Wie und an welchen Themen arbeitet ihr abseits der Pokertische? Wir freuen uns auf eure Kommentare!