Überraschende Fakten zum Tilt
Wie genau entsteht eigenlich Tilt und wann rechnet man am wenigsten mit der brodelnden Wut? Mentalcoaching-Ikone Jared Tendler fördert Überraschendes zutage...

Bevor ich mit meinem Blog über Tilt so richtig loslege, lasst uns sicherstellen, dass wir alle auf derselben Seite sind, was wir mit dem Begriff eigentlich meinen. Tilt ist im Grunde genommen eine humorvolle und verniedlichende Bezeichnung für ein Wutproblem, das häufig unter Leistungsdruck auftritt. In der Pokerszene verwenden wir diesen Begriff ganz selbstverständlich, doch meiner Meinung nach sollte er auch in anderen Lebensbereichen Verwendung finden. Wenn man schon ein Problem mit Wut hat, könnte man dann nicht genauso gut versuchen, ihr etwas Positives abzugewinnen?
Tilt ist ein echtes Problem, schließlich kostet er dich bares Geld. Wütend zu werden kann zu derart schlechten Entscheidungen führen, dass man sich die eigene Dummheit im Nachhinein kaum erklären kann. Wut blendet die Vernunft aus, sodass man sich berechtigt fühlt, dem unangenehmen Kontrahenten mit übermäßig aggressiven Spielzügen Paroli zu bieten oder sich beim Trading nicht an die eigenen Stop-Loss-Marken zu halten. Diese Fehler addieren sich im Laufe der Zeit und verhindern die Möglichkeit, das eigene Potenzial voll auszuschöpfen.
Überraschende Fakten über Tilt

Als ich überlegt habe, welchem Thema ich mich diesen Monat widme, fiel mir auf, dass ich in den letzten 2 Jahren über viele Themen geschrieben habe, aber noch nie über Tilt. Ehrlich gesagt hat mich das überrascht, da es sich um ein so weit verbreitetes Problem handelt. Also habe ich einige überraschende Erkenntnisse zum Thema Tilt zusammengestellt:
- Tilt wird häufig nicht als solcher erkannt
- Tilt tritt oft nach eigenem Fortschritt auf
- Tilt kann in vielfältiger Form auftreten
- Es gibt keinen Gewinner-Tilt!
- Wut kann die Leistung steigern
Das Problem eingestehen

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung! Tatsächlich leiden viele unter einem Tilt-Problem, ohne es zu bemerken, da Tilt in vielfältiger Form auftreten kann. Nicht alle Menschen äußern ihren Zorn durch lautstarke Wutausbrüche.
Bei einigen Menschen kann sich Tilt auf eine eher introvertierte Weise zeigen, also als eine subtile brodelnde Wut, die zu erhöhter Reizbarkeit und Frustration führt. Als Reaktion ziehen Betroffene sich schweigend zurück und verlieren den Fokus. Während die einen den Topf vom Herd nehmen, lassen die anderen ihn überkochen.
Wenn man Schwachstellen bei seinem Mindset vermutet, sollte man Tilt nicht kategorisch ausschließen. Dabei sollte man seinen Blick etwas ausweiten und sicherstellen, dass man die erkannten Symptome den richtigen Kategorien zuordnet.
Der Erfolg gibt mir recht

Verwirrenderweise tritt Tilt auch manchmal auf, wenn es besonders gut läuft. Nachdem man Fortschritte bei einer Vielzahl von mentalen Aspekten wie der Bewältigung von Angst, der Steigerung des Selbstvertrauens oder der Disziplin gemacht hat, steigen die Ansprüche und Erwartungen. Der Wunsch, das nächste Ziel zu erreichen, wird stärker und plötzlich fühlt sich jeder Fehler wie ein Rückschritt an. Wenn man bereits bedeutende Fortschritte gemacht hat, kann die Toleranz für Fehler sinken. Die bloße Vorstellung, in alte Muster zurückzufallen, sorgt unweigerlich für Wut und Ärger.
Eine weitere Form des Tilts, auf die es zu achten gilt, ist der sogenannte "Entitlement Tilt." Dieses überzogene Anspruchsdenken entsteht durch die Überzeugung, dass deine vorherigen Bemühungen, dein Wissen und deine Erfahrungen bedeuten, dass du berechtigt bist, zu gewinnen. Dabei entwickelt man eine übermäßige Selbstsicherheit, was angesichts der erbrachten Fortschritte auch nachvollziehbar ist. Allerdings neigt man dazu, das potenzielle Ausmaß des zukünftigen Erfolgs zu überschätzen. Diese subtile Überheblichkeit ist oft schwer zu erkennen, weshalb viele meiner Klienten sie erst realisieren, wenn sie nach einer Niederlage vor Wut explodieren.
Das Gute ist, dass du in diesem Stadium tatsächlich besser abschneidest als je zuvor und bereits in vielen Bereichen erhebliche Fortschritte gemacht hast. Allerdings gilt es nun das nächste Problem anzugehen, und zwar Tilt.
Die verschiedenen Formen von Tilt

Im Rahmen meines Buches "The Mental Game of Poker" habe ich sieben verschieden Arten von Tilt kategorisiert:
- Tilt durch schlechten Lauf
- Tilt durch Verlustaversion
- Tilt durch Ungerechtigkeitsempfinden
- Tilt durch Fehler
- Tilt durch Sinnen auf Rache
- Tilt durch Anspruchsdenken
- Tilt durch Verzweiflung
In meinem Buch "The Mental Game of Trading" habe ich die erste und die letzte Form von Tilt aus dieser Liste gestrichen, um sie auf fünf zu reduzieren, denn Tilt durch einen schlechten Lauf ist im Grunde genommen keine eigenständige Art von Tilt. Vielmehr speist sich die Wut aus einer großen Anzahl von Auslösern, die in so kurzer Zeit auftreten, dass sich der Geist nicht erholen kann. Jeder weitere Verlust kann das Fass zum Überlaufen bringen. Tilt durch Verzweiflung ist die schwerwiegendste Form von Tilt und hat immer mangelndes Selbstvertrauen als primäre Ursache. Deshalb habe ich dieses Thema in das Kapitel über Selbstvertrauen verschoben.
Obwohl es auf den ersten Blick überwältigend wirken mag, all diese Variationen zu erkennen und sich in mehreren von ihnen wiederzufinden, vereinfacht diese Kategorisierung die Problemlösung erheblich, da man so eine klare Ausrichtung erhält. Genau aus diesem Grund habe ich Tilt in diese verschiedenen Kategorien unterteilt.
Angenommen, man geht zum Arzt, weil man sich miserabel fühlt und erhält die Diagnose, dass man krank ist. Um die richtige Behandlung zu bestimmen, ist es entscheidend, genau festzustellen, was nicht stimmt. Dies gilt auch für mentale und emotionale Herausforderungen. Erst wenn man die Art(en) von Tilt genau bestimmt, kann man sich gezielt auf die Suche nach den Ursachen machen und Korrekturen vornehmen. Genau dabei sollen meine Bücher behilflich sein.
Es gibt keinen Gewinner-Tilt

Mich persönlich regt es auf, wenn jemand fälschlicherweise behauptet, dass ich den Begriff "Gewinner-Tilt" geprägt habe. Niemand wird wütend, wenn er gewinnt. Das Problem, was hier beschrieben wird, entsteht vielmehr durch Überheblichkeit oder Angst.
In der Pokerwelt wird der Begriff Tilt oft so inflationär verwendet, dass er aus diagnostischer Sicht an Bedeutung verliert. Manchmal wird Tilt benutzt, um Ausreden zu beschreiben, die erklären sollen, warum man nicht fähig ist, seine Bestleistung abzurufen. Es gibt weder einen Ablenkungstilt noch einen Fokustilt. Wenn man einen Begriff zu weit ausdehnt, verliert er letztendlich seine Bedeutung. Um bedeutende Fortschritte bei der Lösung mentaler Probleme zu erzielen, sollte man sowohl das Problem selbst als auch die damit verbundenen Begrifflichkeiten präzise beschreiben.
Wut kann motivieren

Einige Menschen kann Wut motivieren, ihre Bestleistungen zu erbringen. Ein Paradebeispiel hierfür sind Pokerspieler, die ihre Session unkonzentriert beginnen und Fehler machen. Die dadurch entstehende Wut motiviert sie, sich am Riemen zu reißen und ihr A-Game abzurufen.
Obwohl solch eine Form der Motivation nicht gerade der Ideallösung entspricht, kann sie funktionieren. Die Frage, ob man seine Kraft aus Wut schöpfen möchte, bleibt letztendlich jedem selbst überlassen.
Die nächsten Schritte

Sobald sich Tilt negativ auf die eigene Leistung auswirkt, sollte man aktiv werden. Der erste Schritt sollte immer sein, die Ursachen zu verstehen. Allen, die gerade erst anfangen, sich mit dem Thema beschäftigen, stelle ich gerne Material zur Verfügung. Dieser Leitfaden soll dabei helfen, verschiedene Formen von Tilt zu identifizieren und Lösungsansätze zu finden.
Ich kann jedem nur ans Herz legen die entsprechenden Kapitel in meinem Buch erneut zu lesen. Es lohnt sich, die darin enthaltenen Methoden zur Diagnose in regelmäßigen Abständen zu wiederholen, um den Ursachen für entstehenden Tilt auf den Grund zu gehen.
Tilt kann teuer werden, aber ihr könnt ihm ein Ende setzen. Auch wenn es für einige von euch vielleicht nie möglich sein wird, der Wut vollständig den Rücken zu kehren, könnt ihr zumindest eine Mentalstrategie entwickeln, die verhindert, dass Wut euch Geld kostet und Chancen verbaut.