Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Was kostet ein ICM-Debakel wirklich?

Wie schwerwiegend ist der finanzielle Schaden eines ICM-Fehlers am Final Table tatsächlich? Dara O'Kearney gewährt exklusive Einblicke, die manch einem die Sprache verschlagen dürften...





Dara O Kearney
Was kostet ein ICM-Fehler tatsächlich?

Für Turnierspieler können einzelne ICM-Entscheidungen gravierenden Einfluss auf die Ergebnisse ihres gesamten Pokerjahrs nehmen. Darunter fallen nicht nur Entscheidungen während des Spiels, sondern auch das Verhandlungsgeschick bei Final-Table-Deals. 

Einige Spieler beschäftigen sich nur unzureichend mit dem Thema ICM, mit der Begründung, dass der Glücksfaktor beim Spiel mit Shortstacks ohnehin überwiegt. Es mag zwar stimmen, dass die Edge beim Shortstack-Spiel begrenzt ist, doch ein grober Fehler am Final Table kommt einem finanziellen Super-GAU gleich. Daher ist es ratsam, sich intensiv mit dem Thema ICM zu beschäftigen.

Um euch die Tragweite von ICM-Entscheidungen zu verdeutlichen, möchte ich ein Szenario aus meinem Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book vorstellen. Unten seht ihr die Calling-Range des Small Blinds mit einem Stack von 15BBs, nachdem der Button an einem Final Table mit fünf verbleibenden Spielern All-In gegangen ist. Die Grafik entstammt dem Holdem Resources Calculator, wobei die eingerahmte Range zeigt, mit welchen Händen ein Call profitabel ist. Die Zahlen darunter geben an, wie viel Prozent des verbleibenden Preisgelds ein Call durchschnittlich einbringt (zum Vergrößern könnt ihr auf das Bild klicken). In diesem Beispiel wird deutlich, dass ein Call mit AA 5,92% des verbliebenden Preisgelds gewinnt, während ein Call mit 99 lediglich breakeven abschneidet.

Dara O Kearney
Hier klicken zum Vergrößern

Betrachten wir nun die Auszahlungsstruktur eines typischen 11$-MTTs mit 180 Teilnehmern bei PokerStars. Bei fünf verbleibenden Spielern sind noch etwa $1.342 im Preispool und werden wie folgt auf die jeweiligen Plätze verteilt:

Position Auszahlung
1. $540
2. $360
3. $205
4. $133
5. $104

Wenden wir diese konkreten Zahlen auf die HRC-Tabelle an, stellen wir fest, dass ein Call mit AA durchschnittlich $79,44 einbringt (5,92% von $1.342). Ein inkorrekter Call mit KQs kostet im Schnitt $20,40 (1,52% von $1.342), was zwei Buy-ins entspricht. Wer abenteuerlicherweise mit 22 callt, verliert im Schnitt $44,55 oder vier Buy-ins (3,32% von $1,342).

Doch wie sehen die Zahlen aus, wenn man sich am größten Final Table des Jahres befindet? Stellt euch vor, es handelt sich um das $11-Sunday-Storm mit sagenhaften 14.513 Teilnehmern. Hier könnte die Auszahlungsstruktur wie folgt aussehen:

Position Auszahlung
1. $15.430,57
2. $10.539,37
3. $7.203,40
4. $4.923,35
5. $2.299,80
Dara O Kearney
Dara O'Kearney 

Wenden wir das oben durchgeführte Rechenbeispiel nun auf den enormen Preispool von $40.396,49 an. Ein Call mit AA würde stattliche $2.391,47 einbringen. Wenn wir uns die eingerahmte Range aus der HRC-Tabelle ins Gedächtnis rufen, stellen wir fest, dass KQs nur knapp außerhalb des Rahmens liegt. Doch wer in dieser Situation mit KQs callt, büßt $614,02 oder 55 Buy-ins ein. Ein halsbrecherischer Call mit 22 kostet sogar $1.341,16 - ein gewaltiger Verlust von 121 Buy-ins.

Dies mag ein extremes Beispiel sein, jedoch wird jeder Pokerspieler im Laufe eines Jahres ein oder zwei große Final Tables erreichen, bei denen das Preisgeld im Verhältnis zu seiner Bankroll von enormer Bedeutung ist. Die meisten Spieler wissen zwar, dass solche Fehler in der Nähe der Bubble oder am Final Table kostspielig sind, doch nur wenige vermögen, die genaue Tragweite solcher Fehler zu beziffern. In dem oben beschriebenen Beispiel ist ein Call mit AQs die richtige Entscheidung, während KQs gefoldet werden sollte. Einige könnten diesen Fehltritt als knappen Fehler betrachten, doch kostet dieser Fehler am Final Table des Sunday Storm sage und schreibe 55 Buy-ins.

Dieses Beispiel demonstriert eindrucksvoll, warum Turnierspieler ihren Fokus auf das Studium von präzisen Calling-Ranges legen sollten.

Viele Spieler erkennen die Notwendigkeit, sich mit dem Thema ICM zu befassen, erst nachdem ein kostspieliger Fehler einen erheblichen Teil ihrer zuvor geleisteten Arbeit zunichtegemacht hat. In meinem Buch wird das Thema ICM eingehend behandelt und zeigt auf, wie es fast jeden Aspekt des Turnierspiels beeinflusst. Dazu gehört insbesondere auch das Verständnis für den tatsächlichen Geldwert der Chips während des gesamten Turniers. Die ICM-Fertigkeiten eines Turnierspielers werden seine Jahresperformance maßgeblich beeinflussen, vorausgesetzt, es gelingt ihm, besonders grobe Schnitzer in entscheidenden Situationen zu vermeiden.

Weitere strategische Einblicke von Dara O'Kearney findet ihr jederzeit auch in seinem Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book.