Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Wenn Balancing zur Nebensache wird

Dara O'Kearney betont, dass gemischte Strategien gegen versierte Spieler unerlässlich sind. Allerdings können sie gegen schwächere Gegner mehr Schaden als Nutzen anrichten.





Dara O Kearney
Dara O'Kearney 

Zunächst möchte ich einen wichtigen Nachtrag zur Randomisierung bei knappen Entscheidungen hinzufügen. Denn nur gegen kluge, strategisch denkende Spieler besteht die Notwendigkeit, Aktionen mit ein und derselben Hand zu variieren. 

Das Streben nach ausbalancierten Aktionen und Ranges ist im Duell mit Elite-Spielern unerlässlich. Gegen perfekt agierende Gegner schlägt der Solver häufig gemischte Strategien vor, bei denen der Erwartungswert jeder Aktion identisch ist. 

Bei einem menschlichen Gegenspieler existiert stets eine bestimmte Option, die den Erwartungswert maximiert. Passive Spieler lassen sich durch aggressives Spiel kontern, während man gegen aktive Gegner in der Regel besser beraten ist, zurückhaltend und bedacht zu agieren. Über genau dieses Thema haben wir gemeinsam mit Andrew Brokos in der neuesten Folge von The Chip Race diskutiert.

Bei der Recherche zu unserem Buch Beyond GTO: Poker Exploits Simplified, spielt Node-Locking eine zentrale Rolle. Dabei wurde eindrucksvoll deutlich, dass der Solver bei klar erkennbaren Leaks weitgehend auf gemischte Strategien verzichtet. Die vorgeschlagenen Strategien konzentrierten sich vielmehr auf Exploits, während das Balancing fast völlig vernachlässigt wurde.

Gegen einen Spieler, der übermäßig häufig blufft, ist der Solver dazu übergegangen, mit sämtlichen Bluffcatchern zu callen. Gegen einen ehrlichen Gegner, der so gut wie nie blufft, verzichtet der Solver hingegen nahezu vollständig auf Herocalls.

Wenn Balancing überflüssig wird

Mithilfe von GTO Wizard, ermitteln wir zwei verschiedne Betting-Ranges auf einem A♠J♠6♣ Flop. Wir vergleichen die GTO-Range (oben) mit der Betting-Range gegen einen spielfreudigen Gegner (unten). Rote Felder markieren kleine Bets, während Overbets in dunkelrot dargestellt sind. 

poker
GTO-Range
poker
Node-Lock-Range

In der unteren Grafik wird vorzugsweise lineares Setzverhalten vorgeschlagen, während die GTO-Range gemischte Strategien vorsieht, um den Zusammenhang zwischen der Einsatzhöhe und der Handstärke zu verschleiern.

Es fällt auf, dass die wenigen Hände, bei denen nach wie vor gemischte Strategien vorgeschlagen werden, häufig Flush Draws enthalten. Wenn für eine Hand nur in 5% der Fälle variierende Aktionen vorgeschlagen werden, spielt eine gemischte Strategie in der Praxis ohnehin kaum eine Rolle und kann vernachlässigt werden. 

Gegen spielfreudige Gegner wird auf Balancing weitgehend verzichtet. Selbst mit AA wird zu 100% eine Overbet vorgeschlagen. Die GTO-Range sieht vor, AA immer zu checken, da diese Hand viele der möglichen Calling-Hände blockiert und gleichzeitig die Checking-Range stärkt. 

Wenn du ein zuverlässiges Bild von der Spielweise deines Gegners hast, sind gemischte Strategien und Balancing überflüssig. Lineares Vorgehen erhöht deinen Erwartungswert in solch einem Fall erheblich. Bevor du das nächste Mal bewusst deine Strategie variierst, achte vorher darauf, dass du es mit einem versierten Gegner zu tun hast.

Beyond GTO - Das neue Buch von Dara O'Kearney