Wie anpassen, wenn die Gegner nicht 3-betten?
Obwohl es an den Online-Tischen absoluter Standard ist, trifft man beim Live-Poker immer wieder auf Spieler, die nicht aggressiv genug agieren. Dara O'Kearney erläutert, wie man verfahren sollte...

Wenn wir online auf einen Regular treffen, erwarten wir eigentlich immer, dass er uns zahlreiche 3-Bets um die Ohren haut, sodass wir unsere Ranges entsprechend anpassen müssen. Da kann der eine oder andere schonmal überrascht dreinblicken, wenn er beim Live-Poker plötzlich kaum noch Gegenwehr bekommt.
Wenn die Spieler in solch einer Runde schwach sind und es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie sich überhaupt an Betsizes anpassen, dann würde ich empfehlen, beim Eröffnen groß zu setzen mit dem oberen Ende der eigenen Range und klein mit den schwächeren Händen. So können wir auf einfache Weise mehr Value bekommen, wenn wir die gegnerische Range dominieren, während wir parallel billiger davonkommen mit unseren Bluffs oder wenn wir das Board nicht treffen. Das wäre natürlich ein extrem schlechter Ansatz gegen einen Gegner, der auch nur im Ansatz über unser Betting nachdenkt, wir haben ja aber angenommen, dass das nicht der Fall ist.
Wenn ein Gegner die typsiche Callingstation mimt, dann müssen wir unsere Range tighter gestalten, weil unser grundsätzlicher Gameplan auf Valuebets und nicht aufs Bluffen ausgelegt ist. Gegen eine Station werden wir deutlich häufiger bis zum Showdown gehen, entsprechend besser müssen dort auch unsere Hände ausfallen. Gegen passive Gegner ist aber das Gegenteil der Fall: Wir können weiter eröffnen, weil wir in der Lage sein werden, Spots zu identifizieren, in denen wir sie zum Folden bringen können.
So können wir bei deepen Stacksizes eine breitere Range mit kleiner Betsize eröffnen, samt spekulativer Hände wie kleine Paare und Suited Connectors. Der Grund, warum wir solche Hände in früher Position nicht gegen mitdenken Gegner eröffnen können, ist, dass sie uns in solch einem Fall mit 3-Bets exploiten würden. Flatcallen unsere Gegner aber grundsätzlich nur, dann können wir eine große Postflop-Edge mit Händen, die den Flop gut treffen können, voll und ganz ausnutzen.
Weniger 3-Bets beim Live-Poker

Exploits dieser Art sind deutlich effektiver beim Live-Poker, weil die Spieler dort generell deutlich schlechter sind, wenn es um Anpassungen des eigenen Spiels geht. Auch manche Online-Spieler agieren an den Live-Tischen viel schlechter als vor dem heimischen Rechner, weil sie dort auf ein HUD zurückgreifen können, um weite Opening-Ranges zu identifizieren und in der Folge mit 3-Bets zu attackieren. Im Live-Setting passen sie dann nicht gut genug auf oder können es schlicht nicht besser, wenn sie entsprechende Tendenzen nicht per Löffel direkt gefüttert bekommen, und schaffen es so nicht, das eigene Spiel vernünftig anzupassen.
Dass man auf derartige Unterschiede in Live-Partien reagieren sollte, diktiert natürlich der gesunde Menschenverstand. Viele Spieler, die das Spiel aber in der modernen GTO-Ära gelernt haben und es gewohnt sind, häufig mit 3-Bets konfrontiert zu werden, haben jedoch Schwierigkeiten, die richtigen Exploits beim Live-Poker zu identifizieren, weil sie es nicht gewohnt sind, wie passiv die Partien tatsächlich verlaufen. Diejenigen unter uns, die Poker hingegen in den "Goldenen Jahren" erlernt haben, genießen das Spiel gegen derart passive Gegner, weil sie vor allem online so gut wie ausgestorben sind.
Und selbst wenn man persönlich kein Live-Poker spielt und nur online aktiv ist, macht es Sinn sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Die Tendenz in der Online-Branche geht immer mehr in Richtung eines grundsätzlichen Verbots von HUDs (oder die Einschränkung auf deutlich abgespecktere interne Lösungen), entsprechend werden viele Regulars weniger in der Lage sein, auf Opening-Tendenzen mit aggressivem 3-Bet-Spiel zu reagieren.
Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr jederzeit auch im neuen Buch von Dara O'Kearney GTO Poker Simplified.