Wie man Foldequity stiehlt als Microstack
Wie bringt man Gegner zum Folden, wenn man nur über einen sehr kleinen Stack verfügt? Indem man die größeren Stacks am Tisch als Druckmittel nutzt.

Bei Pokerturnieren bin ich dafür bekannt, ausgesprochen lange mit einem Microstack zu überleben. Meiner Meinung nach wissen viele Spieler nicht, wie man einen Microstack optimal spielt. Sogar gute Spieler neigen dazu, ihren Stack achtlos reinzustellen, sobald sie unter 10 Big Blinds abrutschen.
Ein verbreiteter Irrglaube besteht in der Annahme, dass das Spiel mit einem Microstack keinen Skill erfordert. Keineswegs sollte ein Microstack gedankenlos mit der nächstbesten halbwegs anständigen Hand in die Mitte geschoben werden. Einerseits sollte der Spot sorgfältig ausgewählt werden, andererseits gibt es sogar Möglichkeiten, die Gegner häufiger zum Folden zu bringen, obwohl sie der Call nicht sonderlich viel kostet.
Ich nenne es Foldequity stealen.
All-in gegen den Chipleader

Nach dem Independent Chip Model ist die größte Foldequity zu erwarten, wenn man andere kleine Stacks am Tisch ins Visier nimmt. Annoncieren wir mit unserem Stack von 6 Big Blinds das All-In, wird ein Spieler mit 11 Big Blinds nicht allzu leichtfertig callen.
Allerdings wird mit sehr kleinen Stacks von 5 Big Blinds und weniger eine andere Strategie attraktiver. In diesem Fall kann die beste Strategie daraus bestehen, gegen den aggressiven Bigstack am Tisch zu spielen.
Gleich zwei Gründe sprechen dafür. Zum einen werden die anderen Spieler am Tisch vorsichtiger spielen, weil sie Gegenwehr vom aggressiven Bigstack befürchten müssen. So könnte ein Spieler mit einem Stack von 25 Big Blinds mit 77 einen Fold in Betracht ziehen, da er unangenehme Konfrontationen mit dem aggressiven Bigstack hinter sich vermeiden möchte.
Zum anderen wird der aggressive Bigstack uns mit der weitesten Range callen, wodurch wir gegen ihn die beste Chance haben, unsere Chips zu verdoppeln. Es wäre nicht verwunderlich, gegen den Bigstack vorne zu liegen, wenn wir mit Q8o die letzten Chips in die Mitte schieben.
Von Maniacs profitieren

Die selbe Argumentation gilt, wenn ein besonders aggressiver Chipleader am Tisch vor einem raist. Spielt er eine sehr weite Range, kann es durchaus profitabler sein, gegen ihn zu callen, als auf einen First-In Spot mit Foldequity zu warten.
Wie im vorherigen Beispiel treten wir hier gegen eine sehr weite Range an, gegen die wir durchaus vorne liegen könnten. Darüber hinaus werden die Spieler hinter einem mit Vorsicht fortfahren, da sie stets die Bedrohung durch den Chipleader fürchten müssen. Das gilt auch für den Small- und Big Blind – hält unsere Hand, können wir also mit mehr als einer Verdopplung rechnen.
Selbst wenn weitere Spieler hinter einem das All-In callen, besteht eine erhöhte Chance, dass der aggressive Bigstack sie nach dem Flop aus der Hand drängt. In diesem Fall können wir unseren Stack sogar vervielfachen, obwohl wir nur gegen die eine Hand des Bigstacks antreten.
Einen Chip übrig lassen

Falls der Stack so stark geschrumpft ist, dass man über keine Foldequity mehr verfügt, bringt es Vorteile mit sich nicht den gesamten Stack zu setzten. Statt All-In zu gehen, setzten wir beispielsweise nur 95% des Stacks. Angenommen, wir spielen einen Stack von 3500 Chips bei Blinds von 500/100 setzten wir statt den gesamten 3500 Chips nur 3000 Chips.
Dieser halbe Blind wird den Gegner nicht von einem Call zu einem Fold umstimmen. Allerdings wird die Opposition genötigt, entweder preflop zu raisen oder nach dem Flop zusätzliche Chips zu setzen, um uns tatsächlich All-in zu setzen.
In diesem Beispiel müsste ein Gegner vor dem Flop auf 6.000 raisen, um uns All-In zu setzten, wodurch Gegenwehr der verbliebenen Spieler unwahrscheinlicher wird. Es könnte einen Kontrahenten gar abhalten, überhaupt weiter zu spielen, falls er nicht bereit ist, mehr Chips als unser All-In zu investieren. Werden wir von zwei Spielern gecallt, wird einer mindestens eine Minbet spielen müssen, um uns All-In zu setzen, was den anderen Spieler zu einem Fold bewegen könnte.
In der Nähe der Bubble oder eines Preisgeldsprunges besteht ein weiterer Vorteil einer 95% Bet darin, dass man etwas mehr Zeit verstreichen lassen kann, sobald man erneut am Zug ist.
Ich nenne diese Methoden Foldequity Stealing, weil sie die größeren Stacks am Tisch als Druckmittel nutzen, um zusätzliche Foldequity aufzubauen. Hierbei werden wir nicht versuchen, Foldequity vor dem Flop zu realisieren. Vielmehr besteht das Ziel darin, in einen Heads-up-Spot zu gelangen – gegen einen Spieler mit weiter Range und zusätzlichen Chips im Pot. Ein deutlich attraktiveres Szenario, als die letzten drei Big Blinds zu setzen, die von vier Spielern gecallt werden.
Weitere strategische Einblicke von Dara O'Kearney findet ihr jederzeit auch in seinem Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book.